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Die Quarterback-Evolution - Wie Foot-Pop das Angriffsspiel in der NFL umkrempelt

Als eine ganze Generation nahezu identischer Passgeber von den NFL-Abwehrreihen überrollt zu werden drohte, durchlief die Gattung Quarterback eine wundersame Entwicklung - eine Art Evolution. Wie kam es dazu? Sports Illustrated erklärt die neue Abwurftechnik.

Lamar Jackson
Credit: Getty Images

Eine der faszinierendsten Entwicklungen des modernen Quarterback-Spiels kam in den Tiefen der Welt des Football-Twitter ans Tageslicht. Dort durchforsten Quarterback-Junkies Videoclips nach Hinweisen, wie sie ihr Spiel verbessern können, scannen Zeitlupenaufnahmen und Abwurfbewegungen der besten Spieler und versuchen, die Mechanik zu durchschauen, die zu den atemberaubend ästhetischen – und teilweise bemerkenswert unwahrscheinlichen – Würfen führt, die wir Sonntag für Sonntag zu sehen bekommen.

So kam es, dass der Foot-Pop von Aaron Rodgers bekannt wurde. Mitschnitte zeigten, wie der Quarterback der Packers für einen Sekundenbruchteil mit dem Standbein (links) vom Boden abhob und es direkt nach dem Abwurf ganz ruhig wieder aufsetzte. In Normalgeschwindigkeit hat der Move etwas von Stepptanz. Gut getimte Fotos von Rodgers (der zuletzt vor allem als Impfkritiker für Aufsehen sorgte) lassen es fast so wirken, als würde er beim Wurf schweben.

Eigentlich handelt es sich beim Foot-Pop um eine biomechanische Adaption von Rodgers, die laut einem Quarterback-Experten dazu dient, "eine schnellere Freisetzung der Rotationskraft zu erzeugen, was eine regelrechte Kraftexplosion ermöglicht". Vereinfacht: Etwas Vergleichbares hatten wir noch nie gesehen, und die Technik erhöhte Rodgers’ Wurfpotenzial in einem geradezu unvorstellbaren Ausmaß. Der Move widersprach der jahrzehntelang unangetasteten Vorherrschaft einer Quarterback-Regel, die besagt, dass das Standbein sicher auf dem Boden stehen muss, um einen präzisen Abwurf zu gewährleisten.

Quarterback-Lehrer: "Hör doch auf mit dem Scheiß"

Der Foot-Pop sieht vollkommen anders aus als die traditionelle Wurfbewegung, die Rodgers noch 2005 nutzte, als er in die NFL kam. Doch allein dank der Effektivität seines Moves konnten die Packers Passrouten in ihr Playbook aufnehmen, die nirgendwo sonst existierten - Würfe, wie sie nur Rodgers hinbekam."Das Ganze ist eher aus der Notwendigkeit heraus entstanden", erzählt Rodgers auf der Heimfahrt vom Training. "Ich habe schon seit 17, 18 Jahren Knieprobleme und war dadurch gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, um den Druck von dem betroffenen Knie zu nehmen und Wurfstrategien zu entwickeln, die mir keine Schmerzen bereiten. Dann musste ich nur noch herausfinden, wie ich beim Abwurf Kraft aus dem Absprung ziehen kann."

Was er damit meint: Der Foot-Pop markiert den Beginn seiner Wurfbewegung und ermöglicht es ihm, seinen Rumpf beim Abwurf schneller und weiter zu rotieren. "Und wie ich von verschiedenen Positionen und Gewichtsverteilungen aus werfen kann.“Rodgers sagt, er träume sich solche Anpassungen seiner Abwurfmechanik häufig tagsüber zusammen. Manchmal ertappe er sich dabei, wie er weiter an seinen Fähigkeiten herumoptimiert, während er zum x-ten Mal eine Folge seiner Lieblingsserie "The Office" schaut.

Aaron Rodgers (Green Bay Packers)
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Will Hewlett, Quarterback-Lehrer beim Football-Thinktank QB Collective und persönlicher Coach von Saints-Rookie Ian Book und Oklahoma-Starfreshman Caleb Williams, machte den Foot-Pop in den sozialen Medien bekannt. Er beobachtete, wie sich der Bewegungsablauf zunächst bei den Packers, dann im Rest der Football-Welt verbreitete. Inzwischen bringt er die Technik auch seinen Klienten bei, die teilweise noch nicht einmal das Highschool-Alter erreicht haben. "Die Team-Coaches meinten zu mir: ,Hör doch auf mit dem Scheiß‘", sagt Hewlett. "Und ich kann nicht einfach entgegnen: ,Aber Aaron Rodgers macht das auch!‘ Denn dann kontern die Coaches: ,Aber der Junge da ist nun mal nicht Aaron Rodgers.‘ Doch wie sollen wir an den nächsten Aaron Rodgers kommen, wenn wir diesen Kids nicht erlauben, sich auszuprobieren?"

Auf den ersten Blick mag es so wirken, als würde mit dem Ende der Profi-Karrieren von Peyton und Eli Manning, Philip Rivers, Drew Brees, Ben Roethlisberger und Tom Brady der Niedergang des goldenen Football-Zeitalters eingeläutet. Doch dabei darf man nicht die Regelmäßigkeit übersehen, mit der wir jeden Sonntag immer bessere Würfe zu sehen bekommen. Das durchschnittliche Pass-Rating ist ligaweit inzwischen rund 20 Prozent höher als Anfang der 2000er Jahre. Und der Foot-Pop hat zusammen mit einigen weiteren Eigenarten allgemeine Akzeptanz erlangt. Off-Platform-Würfe, bei denen sich der Quarterback von der vorgeschriebenen Abwurfstelle eines Plays entfernen muss, werden inzwischen trainiert und immer genauer analysiert. Früher wurden derlei unstrukturierte Momente den Passgebern förmlich ausgeprügelt. Inzwischen aber sind sie für die Spezies Quarterback zu einer Art Überlebensstrategie geworden. Hier ein kleiner Auszug aus den zahlreichen Beispielen, die sich allein im ersten Monat der laufenden NFL-Saison beobachten ließen.

Nach Jahren der Stagnation bemerkenswerte Resultate

KYLER MURRAY von den Cardinals dreht sich im Spiel gegen die Titans nach rechts, um dem angreifenden Pass-Rusher auszuweichen, und spreizt in der Luft die Beine. Um auch ohne Bodenkontakt ausreichend Kraft in seinen Wurf legen zu können, dreht Murray die obere Hälfte seines Rumpfs wie einen rotierenden Wassersprenkler. Der Ball fliegt in einem Bogen, der an den eines Screwballs im Baseball erinnert, direkt hinter einem Defender vorbei in die ausgestreckten Hände von Star-Receiver DeAndre Hopkins.

LAMAR JACKSON von den Ravens nimmt einen Shotgun-Snap an und läuft direkt ins Gedränge einer Pocket, um einem Pass-Rusher der Chiefs auszuweichen, der aus der rechten Seite der Offense geschossen kommt. Jackson sieht einen offenen Receiver, kann in dieser Position aber nicht weiterlaufen und drückt sich stattdessen vom Boden ab, wobei er seine linke Hand unterstützend auf den Rücken eines Linemans der Offense stützt und seinen Wurfarm einklappt, als würde er eine Diskusscheibe werfen. Marquise Brown fängt den Ball 25 Yard weiter unten und erzielt einen 42-Yard-Touchdown.

PATRICK MAHOMES sprintet im Spiel gegen die Browns zur rechten Seitenlinie, sein rechter Fuß tritt auf die eigene 20-Yard-Line. Er hebt das linke Bein an, und die Kraft seiner Wurfbewegung verleiht seinem Kopf ein solches Drehmoment, dass Mahomes direkt nach dem Abwurf über die linke Schulter blickt. Der Ball fliegt 50 Yards weit in die 30-Yard-Zone der Browns und in die Arme von Tyreek Hill. Diese neuen Arten des Werfens erzählen die Geschichte einer "kulturellen Evolution" auf dem Football-Feld, eines Begriffs, den Wissenschaftler für Veränderungen verwenden, die nicht genetischer Natur sind, sondern von anderen Mitgliedern der Spezies erlernt wurden. Evolutionsexperten entdecken gerade erst, dass sich die Anpassungen und Veränderungen zahlreicher Arten weitaus schneller vollziehen als bislang gedacht. Dasselbe lässt sich auch über die Gattung Quarterback sagen, die nach Jahren der Stagnation über den Tellerrand hinausblickt - und damit bemerkenswerte Resultate erzielt. "Das, womit wir es hier zu tun haben, sieht doch recht anders aus als die Evolution, wie sie sich einst Charles Darwin vorstellte - als langsamen, graduellen Wandel über einen längeren Zeitraum hinweg", sagt Hopi Hoekstra, Professorin für Organismische und Evolutionäre Biologie und Molekular- und Zellbiologie in Harvard. "Inzwischen wissen wir mit Sicherheit, dass Evolution auch schubweise stattfinden kann."

Patrick Mahomes (Kansas City Chiefs) hatte keine leichte Saison, zeigte aber Leistung wie beim 410-Yards-Spiel in Woche 15.
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Stellen wir uns den Quarterback einfach mal als eigene Gattung vor: Sein natürliches Habitat ist in den vergangenen 30 Jahren die reinste Hölle geworden. Früher einmal gab es nur einen einzigen Lawrence Taylor und damit nur einen extrem schnellen Pass-Rusher, der nicht von einem einzelnen Blocker übernommen werden konnte. Inzwischen verfügt so gut wie jede Mannschaft über so ein Exemplar. Die De fensive Backs sind größer und schneller geworden, die Defensive Tackles wiegen im Durchschnitt 15 Kilo mehr, laufen die 40 Yard aber in Zeiten, die sich mit denen von Wide Receivern lang vergangener Jahre vergleichen lassen.

In der Pocket, einst die Oase des Quarterbacks, tummeln sich heute Raubtiere. Ehe eine Reihe wundersamer (und glücklicher) Zufälle Spieler wie Rodgers in die Welt des Footballs beförderten, waren Quarterbacks eine gefährdete Art. Ihr Spiel wurde vom Mittelmaß regiert, und nur eine kleine Handvoll gut gecoachter, archetypischer Exemplare kämpfte gegen eine Flut an neuen Defenses an. In der freien Natur führen solche Umstände entweder dazu, dass eine Spezies ausstirbt oder dass sie diesem Schicksal entgeht, indem sie sich weiterentwickelt.

"Es ist wie in ‚Jurassic Park‘, das Leben findet seinen Weg", sagt Shane Campbell-Staton, Assistenzprofessor für Evolutionsbiologie in Princeton. "Gleichzeitig sterben zwar stets einige Spezies aus, aber auch das bildet einen Teil evolutionärer Veränderungen. "Campbell-Staton hat die Auswirkungen der Urbanisierung auf Saumfingerechsen in Puerto Rico und die deutliche Zunahme an weiblichen Elefanten ohne Stoßzähne in Zentralmosambik nach dem Bürgerkrieg untersucht. Seine Arbeit konzentriert sich auf den Umstand, dass die Menschheit Pflanzen, Fischen, Vögeln, Insekten und Säugetieren dieser Welt übel mitspielt und dennoch einige von ihnen Wege finden, sich innerhalb weniger Jahre an die jeweiligen Herausforderungen anzupassen. Als die Echsen in Puerto Rico zunehmend in die Hitze der Großstädte migrierten, entwickelten sie innerhalb einer Generation längere Gliedmaßen, um sich den flachen Oberflächen anzupassen.

Position des Quarterbacks überdenken

Ihre Zehenballen wurden größer, damit sie leichter an Beton und Metall haften konnten, und sie bewegen sich deshalb schneller als ihre Verwandtschaft im Wald, damit sie auf der Straße Menschen und Autos ausweichen können. Unter den Elefanten in Südostafrika, die den brutalen 15 Jahre währenden Konflikt in Mosambik überlebten, der Anfang der 1990er endete, kamen innerhalb von nur einer Generation 33 Prozent der Weibchen ohne Stoßzähne zur Welt. Zuvor lag die Quote bei 18,5 Prozent. So reagierten sie auf die Zunahme an Wilderern, die Elefanten töteten, um mit dem Elfenbein Waffen zu finanzieren.

Seit der Jahrtausendwende muss auch die Gattung Quarterback auf ihre Weise ums Überleben kämpfen. Nicht nur bedeuteten die schnelleren Verteidiger wildere Pass-Rushes - die Wurfkorridore wurden auch schmaler und schlossen sich schneller. Die Defense-Spieler wurden klüger und das Spielverhalten der Offense damit vorhersehbarer. Und Filmmaterial ermöglichte es den gegnerischen Mannschaften, die Tendenzen von Quarterbacks zu erkennen und Taktiken zu erarbeiten, um deren Schwächen auszunutzen. Gleichzeitig wurden die Quarterback-Coaches immer älter und sturer.

"Quarterbacks müssen sich weiterentwickeln", sagt John Beck, ehemaliger NFL-Quarterback. "Sehen Sie sich doch nur mal an, was Defenses leisten können. Pass-Rushes. Deckung. Jeder versucht, all seine Waffen einzusetzen. Und eine dieser Waffen ist die spielerische Vielseitigkeit. Jeder lässt sie für sich arbeiten. Und das bedeutet, dass die Quarterbacks nicht bleiben dürfen, wie sie einmal waren." Die Kriterien, nach denen Quarterbacks ausgewählt werden, waren ebenfalls weitestgehend gleichgeschaltet - und ein schlecht gehütetes Geheimnis.

Quarterbacks mussten die richtige Größe und Wurftechnik haben, in der richtigen Offense spielen und den gigantischen College-Filterprozess überleben, ehe sie es in den Draft schafften. Rodgers’ Herrschaft über die NFL brachte einige Persönlichkeiten in der Welt des Footballs dazu, ihren Umgang mit der Position des Quarterbacks zu überdenken. Das Auftauchen brillanter junger Passgeber wie Mahomes brachte die Grenzen endgültig zu Fall. Mahomes führte genauso wie Rodgers ein neues Manöver ins Spiel ein.

Ground Control
Credit: Sports Illustrated
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Es kommt bei Run-Pass-Option-Plays (kurz: RPOs) zum Einsatz, wenn der Quarterback einen Shotgun-Snap annimmt und den Ball für ein Handoff präsentiert, während er einen Defender in der zweiten Verteidigungslinie im Visier hat. Entscheidet sich dieser Defender für den Run, zieht der Quarterback den Ball wieder zurück und wirft. Früher positionierten sich Quarterbacks, die in einem RPO einen Pass warfen, komplett neu, um eine traditionelle Wurfmechanik nutzen zu können. Mahomes aber begann, in RPOs zu werfen, obwohl seine Füße noch nicht auf den Receiver ausgerichtet waren, sondern sich noch in Position für ein Handoff befanden. So kann er den Ball schneller aus der Gefahrenzone bringen. Wie der Foot-Pop ist auch dieser Move inzwischen NFL-Standard.

Die Gattung Quarterback hat inzwischen ihr kulturelles Äquivalent zu größeren Zehenballen und längeren Gliedmaßen entwickelt, das an zukünftige Mitglieder weitergegeben wird. Um sie herum befasst sich eine ganze Infrastruktur aus Coaches, Agenten, Trainern und Eltern mit den Fragen, die beantwortet werden müssen, um eben jene Fähigkeiten zu fördern, die auch unabhängig von Defense und Deckung noch 40-Yard-Touchdowns ermöglichen.

Was, wenn wir unsere besten Athleten als Quarterbacks spielen ließen? Was, wenn wir die Unwägbarkeiten, die damit einhergehen könnten, als etwas Begrüßenswertes akzeptierten? Was, wenn wir versuchten, ein tieferes Verständnis für chaotische Spielsituationen zu gewinnen, und eine Möglichkeit fänden, sie bewusst zu trainieren? Was, wenn wir das vorhandene Wissen infrage stellten? "Was wäre wohl passiert, wenn Patrick Mahomes sein Spiel komplett nach dem Vorbild von Peyton Manning aufgebaut hätte?", fragt Bobby Stroupe, Gesundheits-, Performance- und Spielerentwicklungscoach, der mit dem Quarterback der Kansas City Chiefs arbeitet. "Wenn er versucht hätte, auf den Zehenspitzen herumzutänzeln und den Ball wie einen Dart-Pfeil zu werfen - würden wir seinen Namen heute dann überhaupt kennen?"

Quarterbacks sollen ihre Kreativität walten lassen

Mahomes rotiert seine Wirbelsäule um 240 Grad pro Millisekunde und kann seinen Kopf ungefähr so weit drehen wie ein Käuzchen. Informationen wie diese dienen als Grundlage für das unabhängige Trainingsprogramm, das er jede Woche mit Stroupe durchläuft. Sein Fall steht stellvertretend für eine Strömung in der aktuellen evolutionären Entwicklung der Quarterbacks. Nahezu alle Mitglieder der neuen Generation an Quarterback-Coaches sind sich über einige Grundsätze einig: kontrolliertes Experimentieren. Weniger starre Grundsätze. Gleichzeitig unterscheiden sich die Lehrmethoden der verschiedenen Coaches stark.

Stroupe beispielsweise bezeichnet traditionelle Trainingsmethoden als "bescheuert", er habe während seiner rund sieben Jahre mit Mahomes bislang nicht ein einziges orangefarbenes Hütchen aus seinem Netzbeutel gezaubert, um einen Wurfkorridor vorzugeben. Mahomes’ angeborene Gaben vervollkommnet Stroupe durch Übungen, bei denen es sich letztlich um nichts anderes als Kurzfassungen der Schritte, Antäuschmanöver und Sprints handelt, die er auf dem Spielfeld benötigt. Stroupe lässt Mahomes auf einem Bein vorwärts hüpfen, im Slalom laufen, auf weichem Boden verschiedene Schrittfolgen trainieren, während er sich mit unterschiedlichen Variablen vom Balancieren eines Balls auf dem Handrücken bis zum Passwurf auseinandersetzen muss.

Inzwischen sprintet Mahomes durch das jahrelange Training rückwärts fast genauso schnell wie vorwärts. Mahomes trainiert das Gleichgewicht seiner Füße und Fesseln auf fast schon mikroskopischer Ebene. Das Resultat ist laut Stroupe "die Fähigkeit, in seiner Position als Quarterback Kreativität walten zu lassen, was eine ziemlich gute Sache ist". Je nachdem, mit welchem Top-Quarterback-Trainer man über die aktuelle Flut an beeindruckenden Pässen und hervorragendem Quarterback-Spiel spricht, zeichnet sich ein vollkommen anderes Bild der Gesamtlage ab: In Orange County, Kalifornien, versucht der ehemalige NFL-Quarterback Jordan Palmer, der unter anderem John Allen, Joe Burrow, Sam Darnold und Trevor Lawrence trainiert, zunächst biomechanisch gesunde, "konsistente Bewegungsmuster" zu erzeugen, die den Quarterbacks dabei helfen sollen, konstant das Gleichgewicht zu bewahren - ein ganz ähnlicher Zustand, wie Stroupe ihn mit Mahomes erreichen möchte.

Foot-Pop
Credit: Sports Illustrated
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Dann geht Palmer über zu einer Übung, für die er Receiver unterschiedlicher Altersklassen und Spielniveaus in größeren Distanzen positioniert. (Die Altersfrage, sagt er, sei von entscheidender Bedeutung, weil die Quarterbacks so gezwungen seien zu lernen, Geschwindigkeit und Wurfwinkel aus dem Stegreif einzuschätzen. Einige der Receiver, die Palmer bei dieser Übung einsetzt, gehen gerade mal in die achte Klasse). Der Quarterback macht eine beliebige Übung zur Fußarbeit, was eine unübersichtliche Pocket simulieren soll. Währenddessen läuft einer der Receiver los und gibt ein Zeichen, das für eine von drei Wurfstärken steht: einen harten Pass, einen Medium-Range-Pass oder einen schwebenden, hohen Touchdown-Pass. Durch das Chaos zu seinen Füßen konzentriert sich der Quarterback zwingend weniger darauf, wie die Passrouten aussehen und wo sich der Ball befinden sollte. Stattdessen achtet er auf sich selbst als Spielelement, das auf jeden gegebenen Faktor reagieren kann. Das Ziel: Potenziell unmögliche Würfe sollen sich routinemäßig anfühlen.

"Quarterbacks fällen keine Entscheidungen, ehe wir das Play festlegen", sagt Palmer. "Sie fällen visuelle Entscheidungen." In Atlanta arbeitet Sean McEvoy, Trainer bei QB Takeover, einer Firma, zu deren Kunden Deshaun Watson, Jalen Hurts, Justin Fields und Tyrod Taylor zählen, mit Übungen, bei denen Ausweichen, Flucht zur Seitenlinie und anschließender Off-Platform-Wurf simuliert werden. McEvoy betont wie alle seine Kollegen, dass traditionelles Grundlagentraining immer noch unerlässlich sei. Aber "sobald diese Kids auf die Highschool kommen, kann man extrem an ihren Fähigkeiten arbeiten. Inzwischen versuchen wir, dafür zu sorgen, dass sie selbst bei den verrücktesten Würfen und in den verrücktesten Situationen da draußen spielerische Kontinuität wahren."

Wer sich anpasst, hat bessere Überlebenschancen

In Fort Lauderdale wedelt Lamar Jacksons Coach Joshua Harris während des Trainings mit einem Besen vor der Nase seines Klienten herum, während dieser sich in die Pocket zurückzieht, um einen Pass zu werfen. Begleitet wird sein Gewedel von einem "Wuuuuusch"-Geräusch, das in Jacksons Ohr widerhallt, ehe er den Ball wirft. Harris berichtet, im vergangenen Jahr hätten sie rund ein Drittel ihrer Trainingszeit damit verbracht, Off-Platform-Würfe und unkonventionelle Armhaltungen zu üben - zu Anfang ihrer Arbeitsbeziehung ein Thema, dem sie pro Training nur fünf bis zehn Minuten widmeten. "Das entspricht nun einmal der Realität dieser Position", sagt Harris. "Wir haben eine Ewigkeit lang in dem Irrglauben gelebt, Football würde nach starren Regeln funktionieren. Aber so läuft es nun mal nicht."

Harris gibt zu, dass es seine "Herdenmentalität" ins Wanken gebracht habe, als er wieder und wieder beobachtete, wie Jackson seine Gegner mit seiner unkonventionellen Wurftechnik aus dem Konzept brachte – ein Sidearm-Pass, der einen Bogen um die Defender schlägt wie ein Freistoß beim Fußball. Als Harris zum ersten Mal beobachtete, wie Jackson diese Wurftechnik anwendete, dachte er sich nicht viel dabei, da sein Schützling gerade mit Kindern spielte. Jackson begann, Pässe aus absurden Armwinkeln zu werfen, während seine untere Körperhälfte gleichzeitig ein stabiles Fundament bot. Harris’ Angst, eines Tages als der Mann in die Geschichte einzugehen, der Lamar Jackson ruiniert hat, legte sich nach und nach, während er Trainingspläne erstellte, die nicht nur die unkonventionellen Sidearm-Throws beinhalteten, sondern auch ein neues Trainingscredo für den faszinierendsten Quarterback der NFL: "Hey, funktioniert es?", fragt Harris. "Wenn es funktioniert, machen wir ’s."

Vor rund zehn Jahren reiste Hopi Hoekstra, die Harvard-Professorin, mit einem Team nach Nebraska. Ihr Ziel? Die Evolution in Echtzeit zu beobachten. Ihr Experiment stützte sich auf die Theorie Darwins, dass wir uns als Spezies im Laufe mehrerer Generationen an Veränderungen in unseren Lebensumständen anpassen können, kurz: Wir können uns durch natürliche Selektion weiterentwickeln. Wissenschaftler glauben, dass Hirschmäuse noch vor 10.000 Jahren ausnahmslos dunkles Fell hatten. Dann entstanden die Sandhills, eine Dünenregion in Nebraska, was unter den dort lebenden Hirschmäusen eine Mutation auslöste, die eine hellere Fellpigmentierung zur Folge hatte. Der Zuwachs an helleren Mäusen ermöglichte der Population in den Sandhills das Überleben. Die Forschergruppe errichtete in Nebraska acht jeweils rund 4000 Quadratmeter große Gehege, in denen jeweils an die 100 Hirschmäuse lebten, die je etwa zur Hälfte dunkelbraun und hellbraun waren. Einige der Gehege befanden sich auf humusreichem - also dunklem - Boden, andere in den Dünenregionen. Wie zu erwarten war, wurden die dunkelbraunen Mäuse auf dem Sandboden und die helleren Mäuse auf dem dunklen Boden von Falken und Eulen dezimiert, weil sich ihre Farbe jeweils deutlich von der Umgebung abhob. Jene Mäuse, deren Fellfarbe zur Umgebung passte, hatten bessere Überlebenschancen.

Durch DNA-Sequenzierung fand das Team heraus, dass die überlebenden Mäuse in den jeweiligen Gehegen ihre Nachkommen innerhalb weniger Generationen besser für das Überleben in ihrem neuen Habitat gewappnet hatten. Die übrigen dunklen Mäuse trugen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit ein Gen, das die Produktion eines dunklen Fellpigments unterstützt. Die helleren überlebenden Mäuse verfügten über eine andere Kopie dieses Gens, das ihr Fell heller machte. "Das Experiment liefert konkrete Belege für das Funktionieren von Evolution und schürt den Gedanken, dass auch wir Menschen das Produkt genau dieses Prozesses sind", sagt Hoekstra. "Nicht, dass ich täglich darüber grübeln würde, aber immer mal wieder kommt mir der Gedanke: Wow, es ist dieser Prozess, durch den wir sind, wo wir sind."

Aaron Rodgers: "Jetzt ist das genaue Gegenteil der Fall"

Hoekstra und ihr Team konnten zeigen, dass sich solche evolutionären Prozesse nicht zwingend über Jahrtausende erstrecken müssen, sondern sich manchmal - wie in diesem Fall - innerhalb von nur drei Monaten vollziehen können. Dass Fressfeinde nicht zwingend den Niedergang einer Spezies bedeuten müssen. Dass eine Spezies im Angesicht tödlicher Bedrohungen durch einen angeborenen Faktor besser für die Zukunft gewappnet sein kann. Dass die nächste Generation manchmal schwerer zu jagen ist.

An seinem Pro Day im vergangenen Frühjahr, einen Monat ehe er im Draft auf Position zwei ausgewählt wurde, täuschte Nachwuchsstar Zach Wilson einen Handoff nach rechts an, um stattdessen einen tiefen, schlaufenförmigen Bootleg nach links zu laufen, der als Einleitung für den Spitzenwurf seines Showcase diente. Als seine rechte Ferse zehn Yard hinter der Line of Scrimmage die Markierung der 36-Yard-Linie streifte, machte er einen kurzen Satz und drehte dabei seine untere Körperhälfte, bis seine Beine ein nahezu perfektes Y formten. Eine verletzliche Position, die scheinbar keinerlei Fundament für einen Standardwurf bot. Und doch schleuderte Wilson den Ball ohne Bodenkontakt 45 Yard weit nach rechts, entgegen dem Drehmoment seines Körpers, und traf den Receiver akkurat mitten im Lauf.

Der Spielzug ließ die Kommentatoren des Events mitten im Satz verstummen. Es war ein Rodgers-Foot-Pop - und einer der deutlichsten Belege dafür, dass die Wurftechnik an die nächste Generation weitergegeben worden war. Jeder Quarterback-Trainer könnte Ihnen heute seine Lieblings-YouTube-Compilation sommersprossiger Halbwüchsiger zeigen, die in engen Spiralen fliegende 30-Yard-Pässe werfen, obwohl ihre schmalen Schultern kaum das Gewicht ihres Helms tragen können. Instagram ist voll mit Zeitlupen-Foot-Pops, die in der Social-Media-Welt des Highschool-Footballs ungefähr so omnipräsent sind wie die neueste TikTok-Challenge.

Auf dem Heimweg vom Training denkt Rodgers zurück an die Zeit, als er Teil der Liga wurde und wie die Gattung Quarterback damals aussah. Soweit es ihm möglich war, orientierte er sich an unkonventionellen Spielern wie Steve Young und Randall Cunningham - Spieler, die, wie er sagt, "das System aushebelten". Rodgers’ Überlebensstrategie bestand darin, unerschrocken mit allem zu experimentieren, was er kannte. Nun, sagt er, fände er es schon ein wenig absurd zu beobachten, wie sich "Dinge, an denen ich teilhatte, in der gesamten Liga verbreitet haben. Dinge, die ich mir zu Hause ausgedacht habe, Einfälle, die mir plötzlich mitten in der Nacht kamen, sind heute Konzepte, mit denen jede Offense arbeitet." Das Leben findet seinen Weg. Auch im Football. "Früher war ich mal ein Ausreißer", sagt Rodgers. "Jetzt ist das genaue Gegenteil der Fall."

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