Football

Trotz brutaler Verletzung kämpft sich Bengals-Quarterback Burrow an die Spitze

Joe Burrow ist die Quarterback-Sensation des Jahres. Der 25 Jahre alte NFL-Profi steht mit den Cincinnati Bengals erstmals im Super Bowl. Seine Eltern erzählen Sports Illustrated, dass sein Weg nach oben nicht leicht war. 2020 stoppte ihn eine schwere Verletzung.

Joe Burrow
Credit: Getty Images

Die größte Sorge der Burrows in den letzten Wochen war es herauszufinden, wie genau sie "Mike" in den Koffer für ihren Flug quetschen. "Mike" ist ein 90 Zentimeter großer ausgestopfter bengalischer Tiger der Familie, der während der Partys vor dem Spiel auf der Motorhaube ihres Mietwagens saß.

"Mike" ist zu einer Art Talisman für Robin und Jimmy geworden, die Eltern von Quarterback Joe Burrow, der Cincinnati gegen die favorisierten Kansas City Chiefs (27:24) den ersten Playoff-Sieg seit drei Jahrzehnten beschert hat und die längste NFL-Durststrecke eines Teams im Conference Championship Game beendete. 

Sowohl Mama als auch Papa schicken ihrem Sohn seit Jahren Textnachrichten vor dem Spiel. Beide scherzen, dass sie immer noch auf Antworten warten. Als Jimmy ihm einmal riet, im College ein paar Übungswürfe gegen den Wind zu machen, sagte Joe nach dem Spiel zu ihm: "Ich weiß Papa", was ihm bestätigte, dass er die Nachrichten zumindest liest.
 
Joe Burrow schirmt sich vor wichtigen Momenten ab, dann zählt für ihn nur das Spiel. Bei Heimauftritten lassen die Eltern ihn so lange in Ruhe, bis er sich selber meldet. Vater Jimmy lacht und sagt: "Wenn er jetzt zufällig vorbeikäme und mich sähe, würde ich auf keinen Fall zu ihm gehen und ihn stören. Ich würde ihm vielleicht zuwinken, aber mehr nicht."
 

Schwere Knieverletzung stoppt Joe Burrow

Seit Beginn der Saison leben die Burrows in einer Art Fantasiewelt. Alle sind an ihnen und ihrem Sohn interessiert. "Wir lieben die Unterstützung der Leute für Joe und unsere Familie. Aber ja, ich glaube nicht, dass wir uns jemals komplett daran gewöhnen werden", sagt Jimmy mit einem leisen Südstaatenakzent und einem Lächeln. 

Robin, die immer noch Schuldirektorin an der Eastern Local in Meigs County ist und am Morgen nach dem AFC-Meisterschaftsspiel pflichtbewusst ihren Busdienst antrat, erklärt, dass neulich ein Fünftklässler auf sie zukam und sagte: "Wissen Sie, es ist so komisch, dass Sie Joe Burrows Mutter sind. Also Sie sind tatsächlich Joe Burrows Mutter." Robin antwortete: "Ich weiß! Ziemlich erstaunlich, nicht wahr?"

Natürlich wissen die Eltern von Joe Burrow, dass der Weg an die Spitze nicht immer einfach war. Burrows Weg vom Ohio-State-Transfer zum Nummer-1-Pick war gespickt mit Momenten, in denen er einfach nur Mama und Papa sehen wollte. Das Gleiche gilt für seine Rückkehr nach einer verheerenden Knieverletzung, die mehr als nur das Ende seiner vielversprechenden Rookie-Saison in Cincinnati bedeutet hätte können. 

Joe Burrow
Credit: Scott Clause/USA Today Sports
x/x

"Ich habe mir nur Sorgen gemacht, dass er mental nicht durchhält, wenn er wieder verletzt ist", sagt Robin. Vor zwei Jahren hatte sich ihr Sohn als Rookie-Quarterback der Cincinnati Bengals beim Spiel gegen Washington das Kreuzband im linken Knie gerissen. Der erste Pick des Drafts 2020 fiel den Rest der Saison aus.

Dieser Schockmoment für den jungen Quarterback passierte vier Tage vor Thanksgiving 2020. Die Bengals führten zu Beginn der zweiten Halbzeit mit 9:7. Heute - knapp 400 Tage später - kann man sich den Moment auf YouTube ansehen. Allerdings nur mit einer Warnung für alle, die einen schwachen Magen haben.
 

"Es war eine harte Zeit für Mama und Papa"

Burrow musste einen ähnlich harten Treffer einstecken, wie der einst legendäre Quarterback Joe Thiesmann, der daraufhin seine Karriere beenden musste. Defensivspieler Montez Sweat stürzte sich auf Burrow. Gleichzeitig knallte Jonathan Allen leicht oberhalb in sein linkes Knie. Bei diesem Hit gingen bei Burrow das vordere Kreuzband, das hintere Kreuzbandes sowie Teile des Meniskus' kaputt. Der Youngster lag am Boden und umklammerte sein Knie mit der rechten Hand. Burrow twitterte kurz darauf, dass die NFL ihn nicht so schnell wiedersieht. 

Als ihr Sohn im Krankenhaus war, kümmerte sich seine Mutter um alles. Sie brachte ihm seine Lieblingsklamotten und fertigte eine Liste mit seinen Lieblingsspeisen an. Seit seiner Kindheit hält sich Burrow an eine strenge Diät, was seine Mutter aber nicht davon abhielt, ihrem verletzten Sohn Kekse und einen Snickers-Salat zu bringen.

"Es war eine harte Zeit für Mama und Papa", erklärt Jimmy rückblickend, denn in der Karriere von Joe Burrow gab es auch schon vorher Rückschläge. Als er an der Ohio State kämpfte, hatte er einen gebrochenen Knochen in seiner Hand, der operiert werden musste. Fast sah es danach aus, dass sein Traum von einer Karriere in der NFL platzt. Seine Mutter besuchte ihn ein paar Mal im Monat und brachte ihm Vanilleeis.

"Ich fuhr am Sonntag hin und tauschte seine Wäsche gegen saubere aus, damit er sich deswegen keine Sorgen machen musste", meint Robin. "Kleine Dinge, damit wir sein Leben so normal und stressfrei wie möglich halten konnten. Wir halfen ihm, sein Selbstvertrauen aufrechtzuerhalten, damit er durchhielt."

Aber Burrow war stark. Er versank nicht ein Mal in Lethargie. Er dachte gar nicht daran aufzuhören, ein College-Stipendium anzunehmen und mit einem ganz normalen Leben weiterzumachen. Jimmy und Robin erinnerten ihn immer wieder daran, dass es Sachen gibt, die er kontrollieren kann. Dass es Möglichkeiten gibt, jeden Tag besser zu werden, auch wenn er nicht auf dem Spielfeld steht.

"Joe sprach nur davon, wie gut er den Ball geworfen hat"

Nur wenige Jahre später erwarb er zwei Abschlüsse an zwei Universitäten, gewann einen nationalen Titel und wurde als Nummer 1 im NFL-Draft ausgewählt - und zwar von Cincinnati, wo er schon immer spielen wollte. Joe hat immer daran geglaubt, dass er es schafft. 

Als er nach seiner Verletzung wieder nach Hause kam, wollten seine Eltern mit ihm darüber reden. "Aber Joe sprach nur davon, wie gut er den Ball gegen Washington geworfen hat. So ist er halt."

Die Burrows sagen, sie seien froh, dass Joe seine Persönlichkeit in den Sozialen Medien teilt. Sein Vater ist immer noch überwältigt, dass sein Outfit vor dem Spiel auf Instagram gepostet wird. Bis zur Saisonmitte waren es viele Familienmitglieder oder Freunde, die ein Burrow-Trikot trugen. Jetzt ist das Burrow-Trikot eines der meistverkauften im Lande.
 
Joe Burrow wird im November 2020 mit einer Knieverletzung vom Platz gebracht.
x/x
 
"Wenn wir ins Stadion fahren, spielen wir immer dieses kleine Spiel", sagt Jimmy. "Wir warten, wie lange es dauert, bis wir ein Trikot mit der Nummer 9 sehen. Meistens ist das innerhalb von fünf Minuten der Fall."
 

Die Burrows verbrachten einen Teil ihrer Sommerferien damit, Joe beim Workout und Krafttraining zuzusehen. Bis Weihnachten 2020 hatte er seine ersten Schritte gemacht, ohne Gips oder Schiene am Bein. Nachdem er zu Beginn mit Widerstandsbändern arbeitete, versuchte er danach die ersten Kniebeugen. Seine ersten Schritte absolvierte er mit einer Schiene am Bein.

Joe Burrow kann im Super Bowl Geschichte schreiben

"Als ich im Juli 2021 sah, wie stark sein Bein war, hat mich das beruhigt. Es war klar, dass er wieder stark genug werden würde" sagt Robin. Tief im Inneren wusste sie das bereits vorher. Aber bei jeder Attacke auf dem Spielfeld zuckt sie immer wieder zusammen. Allein in dieser Saison wurde ihr Sohn in der NFL 51 Mal zu Fall gebracht. 

Vorletzte Woche, als sie im Nissan Stadium auf ihren Sitzen saßen, ahnte Robin bereits Schlimmes. Joe wurde im Viertelfinale gegen die Titans neun Mal gesackt, was einen Playoff-Rekord bedeutete. Zwei Minuten vor dem Ende hatte Tennessee eine 66-prozentige Siegchance. Letztendlich gingen die Bengals mit 19:16 als Sieger vom Platz.

"An all das muss man sich natürlich erst einmal gewöhnen. Aber nach einer Weile hört man auf, sich über diese Dinge Gedanken zu machen. Man fängt an zu glauben, dass immer alles gut wird", sagt Robin, die mit ihrem Mann Jimmy am 13. Februar beim Super Bowl dabei ist. 

Dann kann sich ihr Sohn den größten Traum seiner Karriere erfüllen - und im Super-Bowl-Rampenlicht Geschichte schreiben.

Mehr Sport-News: 

Ski-Ass Felix Neureuther spricht im Interview mit Sports Illustrated über den Klimawandel. Der 37-Jährige erklärt, wie sich der Skisports in Zukunft verändern muss und findet deutliche Worte zur Vergabe der Olympischen Winterspiele nach Peking.

Wie ist das, wenn man mit 34 fast schon bereit für die Rente ist? In ihrer Kolumne für Sports Illustrated schreibt Andrea Petkovic über französischen Rotwein, ihre Regeneration nach den Matches, jüngere Kolleginnen sowie das Älterwerden als Profi-Tennisspielerin.

Nationalspieler Niklas Süle wird den FC Bayern im Sommer verlassen. Der Innenverteidiger schlägt ein Fünfjahres-Angebot des Rekordmeisters aus. Das bestätigt Vorstandschef Oliver Kahn. Somit ist Süle am Saisonende ablösefrei. Interessenten stehen schon bereit.