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Basketball-Riese im Rollstuhl: Als Nowitzki ihn besucht, bricht Bradley in Tränen aus

Ex-Basketballer Shawn Bradley sitzt nach einem schweren Fahrradunfall im Rollstuhl. Das Leben des ehemaligen Teamkollegen von Dirk Nowitzki wird nie wieder so sein wie früher. Der 2,29 Meter Mann ist auf die Hilfe von Ärzten, Pflegern und seiner Familie angewiesen.

Credit: Sports Illustrated

In einer VIP-Loge hoch über dem Spielfeld in Dallas blickt Shawn Bradley auf sein vergangenes Leben hinunter. Unter dem Scheinwerferlicht laufen die schlaksigen Riesen Kristaps Porziņģis, Boban Marjanović und Bol Bol über das Parkett. Bradleys Frau Carrie holt Popcorn und stellt ihm eine kleine Styroporschale auf seinen mit einer Serviette bedeckten Bauch.

Der 2,24 Meter große Marjanović sprintet zurück in die Verteidigung und schnappt nach Luft; Bradley fühlte sich langsam schwach und legt seinen elektrischen Rollstuhl zurück, um seinen Blutdruck zu erhöhen. Der 2,21 Meter große Porziņģis stopft beidhändig einen Dunk in den Korb. Bradley nimmt eine Dose Dr. Pepper in sein riesigen Händen und nippt vorsichtig daran.

Am 20. Mai 2005 machte Bradley sein letztes Spiel für die Dallas Mavericks. Der Nummer-2-Pick beim NBA-Draft von 1993, der sich mit 33 Jahren in den Ruhestand verabschiedete, erreichte nie das Potenzial, das seine Größe erwarten ließ, obwohl er ein furchterregender, zuverlässiger Verteidiger war. Nach zwölf Jahren als NBA-Profi war Schluss. Am 20. Januar 2021, im Alter von 48 Jahren, legte Bradley seine letzten Schritte auf eigenen Füßen zurück. Seit diesem Zeitpunkt führt er ein anderes Leben.

Am 15. November 2021 besuchte Bradley im American Airlines Center sein erstes Spiel nach seinem Fahrradunfall, bei dem er sich schwer verletzte und von der Brust an abwärts gelähmt ist. Im dritten Viertel kam Michael Finley in seine VIP-Loge. Finley und Bradley hatten den Aufstieg des Teams in den frühen 2000er Jahren mitgestaltet, bevor Steve Nash und Dirk Nowitzki kamen. Es war daher keine Überraschung, dass Finley der erste war, der sich per SMS meldete, als die Nachricht vom Unfall bekannt wurde: "Die Gebete sind mit dir, mein Großer", schrieb Finley. 

Die Entfernung hat sie getrennt, aber die Warmherzigkeit zwischen beiden Männern, die sich früher nach den Spielen gegenseitig nach Hause fuhren, war weiterhin spürbar. Auch wenn Finleys Augen den Schock verrieten, auf jemanden herabzublicken, der ihn lange überragte. Sie sprachen über ihre Kinder und ihre ehemaligen Mannschaftskameraden - Bradley war verblüfft, als er erfuhr, dass der launische Josh Howard jetzt College-Trainer ist - und Carrie bestand darauf, den Moment auf einem Foto festzuhalten.
 

Shawn Bradley: "Es fällt mir schwer, dass ihr mich so sehen müsst"

 
Sie verdeckte sorgfältig den Katheterbeutel, der an Bradleys Rollstuhl hing. Die Freunde taten sich zusammen für das Foto - bis Bradley seine Frau bat, zu warten. Er tippte auf die Bedienelemente seiner rechten Armlehne, und ganz langsam begann sich sein Stuhl zu heben. Ein mechanisches Surren untermalte die Stille, als alle dem drittgrößten Spieler in der Geschichte der NBA dabei zusahen, wie er gerade wuchs... Stück für Stück ein bisschen höher. Als Bradley und der 1,90 Meter große Finley schließlich Schulter an Schulter waren, lächelte Bradley und das Foto wurde gemacht. 

Sein Wunsch, so groß zu werden wie es sein Stuhl zulässt, ist nachvollziehbar. Bradley’s Größe von 2,29 Meter hat ihn lange definiert. Sie verlieh ihm Selbstvertrauen. Sie ermöglichte es ihm, selbst mit 125 Kilogramm ein entscheidender Faktor auf dem Spielfeld zu sein. Sie verhalf ihm durchschnittlich zu 2,5 Blocks. Sie zog alle Blicke auf sich, wenn er sich unter einem Türrahmen duckte, um in einen Raum zu kommen.

Jetzt ist seine Größe das größtes Hindernis. Sein Unfall stellt eine Herausforderung dar, die in der modernen Medizingeschichte ohne Beispiel ist. Er wird seine psychische Gesundheit belasten, ebenso wie die der Menschen, die ihn lieben, insbesondere seine unermüdliche Ehefrau, auf deren Schultern eine unfassbare Verantwortung liegt.

Bevor Finley wieder ging, bekam Bradley eine Abschiedsumarmung. "Es fällt mir schwer, dass ihr mich so sehen müsst", sagt Bradley hinterher und unterdrückte seine Tränen. "Es ist die Herausforderung, sich an das zu erinnern, was einmal war und zu wissen, dass es nie mehr so sein wird wie früher."

Bradley verbrachte den Vormittag seines letzten Tages ohne Rollstuhl auf einem schwarzen, speziell angefertigten Trek Project One-Fahrrad, auf dessen Rahmen die Zahl 76 eingraviert war (für seine Größe, nicht für die 76ers, die ihn gedraftet hatten). Er hatte Tausende von Kilometern auf diesem Fahrrad zurückgelegt, das etwa anderthalb Mal so groß war wie ein Standardmodell, um seinen Körper auf dem Rad zu halten.
 
Shawn Bradley
Credit: Sports Illustrated
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Ein paar Blocks von seinem Haus in St. George, Utah, entfernt, kurz bevor er einen Kreisverkehr verließ, bemerkte er auf einem Seitenstreifen der zweispurigen Straße ein parkendes Auto. Weil er abbiegen musste, gab er ein Zeichen, um in die Fahrspur zu wechseln. Dabei fuhr er eine leichte Steigung mit 12 km/h hinauf.  

Hinter ihm hatte es eine junge Mutter in einem Dodge-Minivan eilig, ihr Kind von der Schule abzuholen. Bradley nennt keinen Namen, um sie vor der Öffentlichkeit zu schützen, erklärt aber, dass sie ihn von hinten angerempelt hat, als er an dem parkenden Auto auf dem rechten Seitenstreifen vorbeifuhr. Sein Garmin-GPS zeigt, dass er sofort auf 25 km/h beschleunigte - was ihn in Richtung des geparkten Autos katapultierte. Der Schalthebel an seinem rechten Lenker erfasste die hintere Flanke des parkenden Wagens und riss sein Vorderrad scharf nach rechts, wodurch das Rennrad plötzlich zum Stehen kam und Bradleys massiger Körper in die Luft geschleudert wurde.

Bradley stürzte über den Kofferraum und die Fahrerseite des Autos und landete kopfüber auf dem Asphalt, wobei sein Helm unter seinem Gewicht zerbrach. (Laut Polizei fuhr die Fahrerin weiter, kehrte aber später zum Tatort zurück. Sie wurde nie wegen eines Verbrechens angeklagt, sagt aber, dass sie Bradley beim Überholen genügend Platz gelassen habe.) Nach dem Unfall war er verwirrt, aber bei Bewusstsein, lag auf dem Boden und starrte in den kristallklaren Himmel. Er konnte weder seine Arme noch seine Beine bewegen. Er konnte sich nicht aufsetzen. Er hatte keine Kontrolle über seine Atmung, die bald schwerfällig wurde. Nur seine Augen hörten auf seine Befehle. "Bin ich dabei zu ersticken?", fragte er sich. "Werde ich langsam sterben?"

Abwärts des Brustkorbs kein Gefühl und keine Funktion mehr

Kurz bevor die Sanitäter eintrafen, konnte Bradley endlich mit den Schultern zucken. Eine winzige Bewegung, die ihm inmitten der Panik bedeutend vorkam. Als die Sanitäter ihn auf ein Wirbelsäulenbrett luden, befürchtete einer von ihnen, dass Bradley nicht in den Krankenwagen passen würde. Aber schließlich gelang es ihnen, die Türen zu schließen.

Carrie sammelte das Fahrrad ihres Mannes ein und eilte ins Krankenhaus, wo sie sich Sorgen um sein Schicksal machte - und darum, was mit ihrer Familie geschehen wird. Shawn hat sich von seiner ersten Frau und deren sechs Kindern weitgehend entfremdet, hat aber drei Kinder von Carrie adoptiert. Und seit sie 2017 geheiratet hatten, ist er eine stabile Kraft in ihrem Leben, das zuvor vom Chaos heimgesucht wurde. Carrie sagt, ihr letzter Partner habe sie schlecht behandelt und sie habe Gelegenheitsjobs angenommen, dass ihre Kinder Sport treiben konnten. Angesichts dieser Schwierigkeiten neigten ihre Kinder dazu, Verehrern zu misstrauen - bis Bradleys stetige, souveräne Präsenz sowohl sie als auch ihre Kinder überzeugte. (Bradley sind heikle Situationen nicht fremd; nach der NBA verbrachte er ein Jahrzehnt als stellvertretender Schulleiter und Sportdirektor an einer Schule für gefährdete Jugendliche in Utah.)
 
Als Max, jetzt 14, sich in einem Baum versteckte, nachdem sein Vater unerwartet bei einem Fußballturnier aufgetaucht war, konnte Shawn hinaufgreifen und ihn herunterlocken. Dubbie, 18, kletterte einmal verzweifelt aus seinem Schlafzimmerfenster und setzte sich auf das Dach. Bradley kletterte hinaus, um sich zu ihm zu setzen und mit ihm zu reden. Haylie, 20, hatte schon lange eine Abneigung gegen Männer, nachdem sie gesehen hatte, was ihre Mutter durchgemacht hatte, und so war Carrie verblüfft, als sie eines Abends zwei Stunden lang mit Shawn auf der Couch redete.

Jetzt aber wurde der Mann, an den sich diese Kinder angelehnt hatten, in den Operationssaal gerollt, nachdem eine MRT-Untersuchung ergeben hatte, dass sich zwei Halswirbel verschoben hatten und sein Rückenmark einklemmten. Als Carrie vor dem Operationssaal wartete, wusste sie nicht, welche Version des Mannes, in den sie sich verliebt hatte, zum Vorschein kommen - oder wie viel von der kostbaren neuen Stabilität ihrer Familie den Unfall überleben würde.

Shawn Bradleys Rennrad nach dem Unfall
Credit: Sports Illustrated
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Bradley verbrachte die nächsten drei Wochen auf der Intensivstation des St. George Regional Hospital, in einem durch Beruhigungsmittel hervorgerufenen Nebel, mit einem Atemschlauch im Hals. Einmal bewegte er einen Arm und zeigte mit den Fingern in Carries Richtung. Niemand in diesem Raum konnte entziffern, was er zu sagen versuchte, aber in seinem Kopf murmelte er immer wieder: "Ich liebe dich."

Ein Chirurg hatte inzwischen Bradleys Rückenmark untersucht und beschädigte Wirbel an der Basis seines Halses verschmolzen und diagnostizierte ihn als Tetraplegiker. Das bedeutet, dass er vom oberen Ende des Brustkorbs abwärts kein Gefühl und keine Funktion mehr hat und davon ausgegangen werden muss, dass sein Trizeps und die Muskeln in seinen Händen und Unterarmen wenig bis gar keine Funktion mehr haben, wobei das Ausmaß von Fall zu Fall unterschiedlich ist. Normalerweise behalten Menschen mit dieser Diagnose die Kontrolle über ihre Schultern und ihren Bizeps.

Mit Bradleys Art der Rückenmarksverletzung geht ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenentzündungen, tödliche Blutgerinnsel, Magen-Darm-Probleme, chronische Schmerzen und Druckgeschwüre einher, die durch die vielen Stunden entstehen, die er an Betten und Stühle gefesselt ist. Allein dadurch würde seine Lebenserwartung etwa drei Viertel der eines ansonsten gesunden Mannes betragen. Bei Bradley werden viele dieser Bedenken jedoch durch seine extreme Körpergröße verschärft, welche Studien zufolge die Lebenserwartung verkürzt und das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme erhöht. "Seine Größe macht die Sache noch komplizierter", sagt Philip Lamoreaux, Bradleys Therapeut im St. George. Und das wird sich auf seine Fähigkeit auswirken, am Leben teilzunehmen, wenn er älter wird.

Nach drei Wochen auf der Intensivstation wurde Bradley in eine stationäre neurologische Reha-Abteilung verlegt, wo ein Team aus Physio- und Ergotherapeuten, Krankenschwestern und Diätassistenten vor einer einzigartigen Herausforderung standen. Der Leiter dieser Gruppe, Dr. Bryndon Hatch, durchforstete die Forschung und beriet sich mit Kollegen im ganzen Land. Aber er fand keine Lösung für den Umgang mit Tetraplegie in einem solchen Ausmaß. "Normalerweise machen wir am ersten Tag eine Bewertung und danach eine Behandlung", sagt Hatch.

Behandlung von Shawn Bradley kostet viele Millionen

Hatch und sein Team mussten ihre Abläufe und ihre Geräte neu kalibrieren. Ihr Patient passte nicht in die Krankenhausdusche, so dass er zum Baden in ein separates Zimmer gebracht werden musste. Angesichts seines schieren Umfangs - er wiegt jetzt 170 Kilogramm - jedes Bein allein wiegt mehr als Carrie - musste das Personal lernen, ihn zwischen Betten, Stühlen und Untersuchungstischen hin- und herzubewegen. Sie konfigurierten ein Ultraschallgerät, um der Tiefe seines Rumpfes Rechnung zu tragen, und stellten einen gepolsterten Tisch am Ende seines Bettes auf, über den seine Füße hingen. Sie warteten geduldig auf die Entwicklung und den Bau eines speziell angefertigten Elektrorollstuhls und klebten in der Zwischenzeit Polster und ein Brett an den größten Stuhl, den sie hatten, um eine behelfsmäßige Kopfstütze zu schaffen.

Die wichtigsten Verbesserungen für Rückenmarkspatienten treten normalerweise in den ersten sechs Monaten ein, und Bradley machte in dieser Zeit Fortschritte. Anfangs konnte er sich nicht selbst ernähren, kein Wasser schlürfen, nicht nach seinem Telefon greifen oder sich die Zähne putzen. Dann, eines späten Abends, war er gereizt und unmotiviert und verlangte nach McDonald’s. Carrie kam ihm entgegen und legte ihm das Essen auf den Bauch, in der Hoffnung, dass die Verlockung der warmen Pommes Frites ihn motivieren würde. "Wie viel willst du?", fragte sie und forderte ihren Mann heraus, als wäre sie seine Trainerin. Langsam und mühsam streckte Bradley seine Arme nach den Pommes Frites aus, klemmte ein paar davon zwischen seine Hände und nahm den ersten Bissen seit Wochen ohne fremde Hilfe. Bald konnte er eine Gabel zwischen die Finger nehmen, und er gewann langsam ein Stück Unabhängigkeit zurück.

Normalerweise kostet die Behandlung eines Rückenmarkspatienten wie Bradley zwischen 300.000 und eine Million Dollar im ersten Jahr und etwa fünf Millionen Dollar im Laufe seines Lebens. Bradley kann sich glücklich schätzen, dass er die Mittel hat, diese enormen Kosten zu decken, denn er hat in seiner Karriere 69,5 Millionen Dollar verdient. Eine NBA-Krankenversicherung ermöglichte ihm eine viermonatige stationäre Behandlung, was etwa dem Doppelten des üblichen Aufenthalts entspricht.

In diesen langen Wochen vermisste er es, Motorrad zu fahren, mit seinem Boot auf dem Sand Hollow Reservoir hinauszufahren, mit seinen Kindern zu ringen, seine Arme von hinten um Carrie zu legen und sie sanft zu drücken. Und je mehr Tage vergingen, gemessen an der wechselnden Feiertagsdekoration im Krankenhaus, desto schlimmer wurden für ihn diese Verluste. "All diese kleinen Dinge bedeuten mir die Welt", sagt Bradley.

Als Lamoreaux ihn im Krankenhaus badete, sprachen die beiden darüber, wie sich Bradleys Beziehung zu Carrie verändern würde, wie er sich daran gewöhnen müsste, dass Pfleger intime Aufgaben übernehmen, wie sich seine Interaktionen mit jeder Person, jeder Einrichtung, jedem Gegenstand für immer verändern würden. "Sein Körper und seine Fähigkeiten waren seine Identität", sagt Lamoreaux. "Und er ist ständig damit konfrontiert, dass dieser Teil seiner Identität weg ist. Es war wirklich schwierig für ihn, damit zurechtzukommen."

Shawn Bradley nach Unfall schwer verletzt.
Credit: Sports Illustrated
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Ein Besuch von zwei alten Freunden im letzten Frühjahr half ihm, wenn auch nur kurz, zu seinem alten Selbst zurückzufinden. Im April, nachdem Bradley und Carrie zusammen mit den Mavs eine Erklärung abgegeben hatten, in der sie der Welt den Vorfall mitteilten, flogen Nowitzki (jetzt Sonderberater für Dallas) und Teambesitzer Mark Cuban zu Bradleys Haus in Utah, und Shawn zwängte sich in einen Minivan, um nach Hause zu fahren, wo er sich mit seinen alten Freunden traf. Dirk und Dubbie, der Junior-College-Fußball spielt, dribbelten einen Ball auf den Schieferfliesen in Bradleys Wohnzimmer, und schließlich verbrachten die drei alten Mavs eine Stunde damit, in Erinnerungen zu schwelgen. Selbst nach so langer Zeit der Trennung, sagt Bradley, spürte er ihre aufrichtige Besorgnis und Zuneigung.

Als sie jedoch gingen, sah sich Bradley mit ungewohnten Gefühlen konfrontiert, die ihn bis heute plagen - dieselben Gefühle, die beim Besuch in der VIP-Loge mit Finley aufgetaucht waren. Er hatte Monate damit verbracht, sich zusammen mit seiner Familie an seine neue Identität zu gewöhnen, aber er hatte noch niemanden in seiner Umgebung dabei beobachtet, die sein Schicksal hautnah sahen. Die pandemiebedingten Schließungen des Krankenhauses hatten es den Bradleys ermöglicht, Shawns Zustand längere Zeit geheim zu halten, und ihnen Zeit verschafft, mit der neuen Situation zurechtzukommen, bevor sie sich auf Besuche von Freunden oder die unvermeidlichen Flut des Medieninteresses einstellen konnten.

Das Treffen mit Nowitzki und Cuban in seinem Haus machte ihn verletzlich, und so wurde aus einer Stunde Lächeln mit Freunden ein Tag voller Tränen und der Einsamkeit. "Leute, denen ich sehr nahe stehe, sehen mich zum ersten Mal, und das ist sehr emotional", sagt Bradley. "Es ist extrem anstrengend."

Am Tag nach dem Wiedersehen mit Finley in Dallas legten zwei Physiotherapeuten Bradley ein dickes Band um die Taille und zerrten ihn in einem komplizierten, im Laufe der Zeit verfeinerten Verfahren aus seinem Rollstuhl auf einen gepolsterten Tisch. Sie führten ihn durch eine Reihe von Übungen, die zwar banal erscheinen, in Wirklichkeit aber ungemein anstrengend sind. Aus einer sitzenden Position heraus, sein eigenes Gewicht mit einem Arm abstützend, ließ sich Bradley auf die Seite fallen und drückte sich dann wieder in eine sitzende Position hoch. Blähungen und Grunzlaute hallten von seiner schwellenden Brust wider, während Carrie und die Therapeuten ihn anfeuerten. Es gelang ihm, seinen Körper von der rechten Seite aus nach oben zu drücken, aber es fiel ihm schwer, die Übung auf der linken Seite zu wiederholen, da er durch einen Riss der Rotatorenmanschette behindert wurde. "Alle Mann an Deck", sagt Matt Kawash, einer von mehreren Therapeuten, die nun lernen müssen, wie man einen so massiven Mann umgeht, ohne ihn fallen zu lassen oder zu verletzen.

Die Bradleys landeten in der ambulanten Rehabilitationseinrichtung von Baylor Scott & White Health, nördlich von Dallas, nachdem Carrie Einrichtungen im ganzen Land angerufen hatte, um eine zu finden, die sowohl der Größe ihres Mannes gerecht werden konnte als auch die Art von auf Sportler ausgerichtetem Training bot, auf das er ansprach. Während die meisten Patienten zweimal pro Woche kommen, war Bradley in diesem Herbst ein Montag-zu-Freitag-Kunde. Er sagt, dass er sich nach den Trainingseinheiten unter seinem alten Trainer bei den Nets, John Calipari, sehnt, dessen zermürbendes Training den Center oft humpeln ließ. Jetzt, wenn sein Körper müde wird, verwandelt sich das ständige Kribbeln in seinen Armen und seinem Oberkörper in schmerzhafte Krämpfe. Ein halbes Dutzend Mal am Tag hält Bradley mitten im Satz inne, um die Zähne zusammenzubeißen und zusammenzuzucken.

Ehefrau kümmert sich rührend im Shawn Bradley

Er und sein Team in Dallas haben sich ein klares Ziel gesetzt: Bradley soll in der Lage sein, ohne fremde Hilfe von einem Stuhl in sein Bett und wieder zurück zu wechseln - ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer lebensverändernden Unabhängigkeit. "Das ist etwas, das wir alle für möglich halten", sagt Bradley. "Wir sind noch nicht so weit, aber wir kommen dahin."

Während er sich bemüht, sich selbst zu verbessern, ist Bradley entschlossen, einen Weg zu finden, anderen zu helfen. Die Aufklärung der Massen über Fahrradsicherheit ist ihm ein wichtiges Anliegen. Mehr als 800 Amerikaner sterben jedes Jahr bei Fahrradunfällen mit Kraftfahrzeugen. (Im vergangenen Mai starb der 64-jährige Mark Eaton, der elf Jahre lang bei den Jazz spielte, nach einem Fahrradunfall, an dem jedoch kein Fahrzeug beteiligt war). Darüber hinaus leben derzeit etwa 300.000 Amerikaner mit schweren Rückenmarksverletzungen.

Bradley weiß, dass die Belastungen für die psychische Gesundheit der Patienten und ihrer Angehörigen, die sich um sie kümmern, genauso schädlich sein können wie die körperlichen Beeinträchtigungen. Er möchte allen, die einen ähnlichen Kampf wie er führen müssen, Trost und Stabilität spenden, so wie er es einst für seine neue Familie getan hat. Ein Nachbar in Utah erinnert sich, dass Bradley laut fragte: "Warum bin ich nicht gestorben?" und sagt: "Ich habe das Gefühl, dass er fest entschlossen ist, diesen Grund herauszufinden."

Seit November ist Bradley zu Hause und seine Tage beginnen nun meist mitten in der Nacht. Alle drei Stunden wird er von einem Wecker geweckt und bewegt seine Beine mit Hilfe von Gurten, die er sich um die Knie bindet, von einer Seite auf die andere, um Wundliegen zu vermeiden. Gegen 9 Uhr morgens bereitet ihn eine Pflegekraft auf den Tag vor: Sie räumt die Verschmutzungen weg, die er über Nacht verursacht hat, sorgt dafür, dass er Stuhlgang hat, zieht ihm einen Einwegslip und Basketballshorts an, indem sie ihn ein Dutzend Mal hin und her schaukelt, um die Kleidungsstücke hochzuziehen. Dann hebt die Hilfskraft Bradley mit einer Vorrichtung, die einem kleinen Kran ähnelt und an deren Ende sich eine Stoffschlinge befindet, von seinem Bett in seinen Rollstuhl - eine weitere 15-minütige Tortur. Zwölf Stunden später wiederholen sie die gleichen Schritte in umgekehrter Reihenfolge.

Shawn Bradley in Aktion bei den Dallas Mavericks.
Credit: Sports Illustrated
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Bradley benutzt einen für 8.000 Dollar speziell angefertigten Duschstuhl, der in sein Badezimmer im Erdgeschoss passt, aber die Prozedur ist für Carrie so beschwerlich, dass sie ihn nur zweimal pro Woche badet. Gelegentlich musste sie bei der Reinigung des Stuhlgangs helfen, wenn ihr Mann einen "kleinen Unfall" hatte und eine Hilfskraft nicht erreichbar war. In einer so jungen Ehe sind das Grenzen, von denen Bradley sich wünscht, dass Carrie sie nie überschreiten müsste. Aber die Grenze zwischen Ehepartner und Pfleger ist bereits verschwommen. Sie gehen gemeinsam und getrennt voneinander zu einem Therapeuten und versuchen, Szenarien zu bewältigen, die sich keiner von ihnen vorstellen konnte, als sie sich ihr Eheversprechen gaben. "Ich habe sie nicht darum gebeten, das zu tun", sagt Bradley. "Das ist nicht das, was ‘in Krankheit und Gesundheit’ normalerweise bedeutet."

Um mit alten und neuen Traumata fertig zu werden, bleibt Carrie in ständiger Bewegung - sie kümmert sich um ihren Mann, plant Termine, kümmert sich um ihre Kinder. Als Shawn im Krankenhaus lag, brachte sie oft Gebäck mit, um das Personal aufzumuntern. Dann kehrte sie nach Hause zurück und brach in ihrem Kleiderschrank im Obergeschoss zusammen, in der Hoffnung, dass die Kleidung die Lautstärke ihres Weinens ein wenig dämpft. "Es ist nicht nur die Person, die in den Unfall verwickelt ist", sagt Carrie. "Es ist ein Dominoeffekt. Unsere Familie hat sich für immer verändert."

Die Bradleys suchen ständig nach Normalität. Nachdem Shawn im Mai das Krankenhaus verlassen hatte, versuchten sie es mit einem Date, aber dafür musste Carrie ein Kino auskundschaften, um herauszufinden, ob der Veranstaltungsort Bradleys Mammut-Rollstuhl aufnehmen konnte - ein Gefährt, das fast 250 Kilogramm wiegt, dessen Konstruktion drei Monate dauerte und der, wie er sagt, mehr kostet als die meisten Autos. Carrie musste sich während des ganzen Films um Shawns Popcorn und Soda kümmern und ihn dann in den neuen 120.000-Dollar-Transporter der Familie laden, der sich heftig zur Seite neigt, wenn sein hydraulischer Lift ihn anhebt. Selbst die Verabredung am Abend erschöpft sie. "Ich liebe ihn, und er war so glücklich", erklärt sie, "also wollte ich es ihm nie sagen."

Bradley ist von seiner Frau und allem, was sie getan hat, beeindruckt, nicht nur um ihn am Leben zu erhalten, sondern um das Leben lebenswert zu machen. Jahrelang hat seine Anwesenheit die Familie beflügelt. Jetzt ist er zweifellos ihre Hauptsorge - und "ich weiß nicht, wie ich die Last von mir nehmen kann", sagt er. Weil dieses Rätsel schwer auf ihm lastet, kommt er nicht umhin, über eine Lösung nachzudenken. "Vielleicht wäre es besser, wenn das alles einfach vorbei wäre", sagt er. "Ja, diese Gedanken schleichen sich ein - und sie sind real. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals nach diesen Gedanken handeln werde, aber ich habe sie definitiv."

Shawn Bradley - die Augen auf die Spitze des Baumes gerichtet

Die Bradleys haben ihr Traumhaus in St. George vor etwas mehr als zwei Jahren gebaut, und obwohl es für einen 2,29 Meter großen ehemaligen NBA-Center konzipiert wurde - ausladende Türrahmen, superhohe Eitelkeiten, brusthohe Türklinken - wurde es nicht für einen 2,29 Meter großen ehemaligen NBA-Center in einem elektrischen Rollstuhl konstruiert. Shawn kann weder das Fitnessstudio noch das Heimkino im Keller erreichen. Um zu vermeiden, dass die Schienen, die die wandgroßen Schiebetüren in Position halten, zerdrückt werden, muss er den langen Weg um die Seite des Hauses nehmen, um seinen Garten mit dem Pool zu erreichen, in dem er nicht schwimmen kann. Weil er Platz braucht, um nachts die Position zu wechseln, schläft Carrie oben im Hauptschlafzimmer, während er in ein Gästezimmer im ersten Stock liegt. Er ist auf einen Bruchteil des weitläufigen dreistöckigen Hauses beschränkt.

Die Familie hat daher mit der Planung einer barrierefreien Version desselben Hauses begonnen, das in einem Vorort von Dallas liegen soll, mit Elitepflege und Reha-Einrichtungen in der Nähe. Anstelle eines Kellers wird es ein Nebengebäude geben, und das Ganze wird auf einem weitläufigen Grundstück liegen, das mit sanften Gehwegen ausgestattet ist, damit Shawn über das Gelände streifen kann. Da er schlecht durchblutet ist und seine Muskelmasse schwindet, friert er oft, und er schätzt die Zeit, die er draußen in der Sonne verbringen kann.

Aber das ist alles noch sehr weit weg. In Utah, ein paar Tage vor Thanksgiving, dröhnte aus den Deckenlautsprechern im Wohnzimmer der Bradleys Weihnachtsmusik. Shawn war gerade von seiner langen Rehabilitationskur in Dallas zurückgekehrt; dies war das erste Mal seit Monaten, dass er, Carrie und die Kinder allein zu Hause waren. Ein fünf Meter hoher Weihnachtsbaum, kahl und noch nicht geschmückt, stand an der Rückwand. Ein Jahr zuvor hatte Shawn Carrie nach dem Schmücken auf seine Schultern gehoben, damit sie den Baum mit einem Stern krönen konnte. Diesmal summte er Leonard Cohens "Hallelujah" mit und setzte sich an die Seite, damit Carrie und die Kinder Platz für ihre Arbeit hatten.

Dubbie stand auf einer Leiter. Carrie auf einem Trittschemel. Bewaffnet mit weichem rot-weißen Schneeflockenschmuck, bemühten sich beide, Teile des Baumes zu erreichen, die Shawn einst mit Leichtigkeit erreicht hatte. Schließlich bat Bradley um eine Handvoll der Ornamente, rollte näher an den Baum heran und ließ eines nach dem anderen zwischen seine spindeldürren, steifen Finger gleiten, riss seinen Arm nach vorne und schleuderte die Flocken unbeholfen nach oben.

Seine ersten Versuche prallten von den Ästen ab und purzelten zu Boden, aber Carrie und die Kinder lachten mit und ermutigten ihn, noch ein paar mehr zu werfen. So versuchte Shawn Bradley es weiter, die Augen auf die Spitze des Baumes gerichtet.

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