European Championships

Mihambo & Meyfarth: Olympia-Gedanke geht verloren, wenn Kommerz vor Leistung steht

Die Olympischen Spiele 1972 jähren sich zum 50. Mal. Vor dem Start des ereignisreichen Sportsommers feiern wir ein Gipfeltreffen. Zwei Generationen, zwei Olympiasiegerinnen. Malaika Mihambo und Ulrike Nasse-Meyfarth im Sports-Illustrated-Interview.

Ulrike Nasse-Meyfarth (r.) und Malaika Mihambo
Credit: Jens Nieth (Foto Ulrike Meyfarth)/Roderick Aichinger (Foto Malaika Mihambo)
Sports Illustrated 03/22
Die Zukunft des Fußballs
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Inhalt

  • Malaika Mihambo und Ulrike Nasse-Meyfarth im SI-Doppelinterview
  • Malaika Mihambo über Sport als politische Plattform: "Auch Auslassen einer Botschaft ist Botschaft"
  • Ulrike Nasse-Meyfarth über Olympiasieg 1972: "Jeder wollte was von mir"

Sports Illustrated: Frau Mihambo, wie fühlt sich Gewinnen an?

Malaika Mihambo: (überlegt)

Ulrike Nasse-Meyfarth: Das kann man nicht erzählen, dass muss man erleben.

Mihambo.: Es fühlt sich gut an, weil es eine Bestätigung ist für diesen Weg, den man gegangen ist, für die Investitionen, die man gemacht hat, für die Anstrengungen und Mühen, die Hoffnungen und Träume. Ich bin immer dankbar dafür, wenn es am Ende geklappt hat, und ich bin sehr dankbar für den Erfolg.

Sports Illustrated: Frau Nasse-Meyfarth, Sie haben viel und oft gewonnen. Beschreiben Sie trotzdem mal: Wie fühlt es sich an, verloren zu haben, heißt: die entscheidenden Zentimeter zu niedrig geblieben zu sein, die Latte gerissen zu haben? Steht man in solchen Momenten allein da?

Nasse-Meyfarth: Wenn man sich vorher entsprechend unter Druck gesetzt hat, vielleicht. Das Verlieren hat man immer für sich allein, das Gewinnen hingegen für alle, die da sind, vielleicht auch für die Nation. Die schmückt sich ja ganz gerne mit erfolgreichen Athleten.

Ulrike Nasse-Meyfarth
Zweifache Olympiasiegerin, vier Mal Deutschlands Sportlerin des Jahres: Mit heute 66 Jahren kann Ulrike Nasse-Meyfarth auf eine illustre und äußerst erfolgreiche Sportkarriere zurückblicken
Credit: Jens Nieth
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Sports Illustrated. Frau Mihambo, wer sich an das olympische Weitsprung-Finale von Tokio erinnert, weiß: Sie lagen bis zu Ihrem finalen Sprung auf Rang drei, überholten Ihre Konkurrentinnen erst dann mit einem Sprung auf sieben Meter. In den Sekunden vor dem Sprung: Was geht einem durch den Kopf?

Mihambo.: Ich war eigentlich zufrieden, denn ich hatte mein Minimalziel erreicht. Bei meinen ersten Spielen in Rio war ich Vierte geworden, ich wusste also schon, dass ich mich verbessert hatte. Von daher war ich schon allein darüber glücklich. Ich wusste aber auch, dass ich noch eine Chance habe, und die wollte ich nutzen. Ich hatte keine Angst, irgendetwas zu verlieren. Das war ein sehr positiver Moment. Ich war sehr entspannt, ich konnte mit diesem letzten Versuch nur gewinnen.

Sports Illustrated: Aber dass Ihnen ein großer Stein vom Herzen gefallen ist, hat man im Nachgang gesehen. Da muss schon eine ganze Menge von Ihnen abgefallen sein.

Mihambo: Ja, ich war nur glücklich, dass es funktioniert hat. Ich hatte letztes Jahr große Schwierigkeiten mit dem Anlauf, da war keine Stabilität drin. Dass ich es physisch schaffen kann, stand nie außer Frage. Aber wenn der Anlauf nicht passt, kann man so gut springen, wie man will, wenn man zu weit vom Brett weg ist, dann reicht es halt nicht, um zu gewin­nen. Ich war sehr glücklich, weil ich wusste, dass das hart erarbeitet war und weil ich zum richtigen Zeitpunkt das nö­tige Quäntchen Glück hatte.

Malaika Mihambo
Die Königin der Lüfte: Malaika Mihambo während des Sprungs, der ihr bei Olympia 2021 in Tokyo die Goldmedaille brachte
Credit: Getty Images
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Nasse-Meyfarth: Das zeichnet dich aus, dass du zum richtigen Zeitpunkt da bist. Bei die­sen Wettkämpfen kommt es darauf an zu gewinnen, egal wie, du brauchst keine 7,30 Meter zu springen, aber du musst gewinnen.

Sports Illustrated: Frau Nasse-Meyfarth, wenn sich der Wert der eigenen Arbeit nur alle vier Jahre – nämlich immer dann, wenn die Weltöffentlichkeit auf Olympia blickt – in Sekunden des Anlaufs und einem kurzen Sprung bemisst: Inwiefern ist dieser Druck überhaupt aushaltbar?

Nasse-Meyfarth: In der Leichtathletik ist es ja nicht so, dass wir nur alle vier Jahre in den Medien präsent sind. Wenn auch im Vergleich zum Fußball viel weniger, wird die Leichtathletik in den öffentlich-rechtlichen Sendern schon noch gezeigt, bei Welt- und Europameisterschaften und bei Meetings. Druck wegen der TV-Präsenz habe ich nie verspürt. Aber die heutige Leichtathletik muss nicht nur für gute Leistungen sorgen, sondern auch für interessante Persönlichkeiten beziehungsweise Typen. Da haben wir mit Malaika zum Glück mal wieder ein Highlight.

Einer der großen Leichtathletik-Stars in Deutschland: Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: In der „FAZ“ schrieben Sie über Ihren Olympiasieg 1972: „Mein Kopf fühlte sich schwer an. So ein Gefühl hatte ich noch nie gehabt. Heute weiß ich, dass ich zufrieden war.“ Sind Sie zufrieden?

Nasse-Meyfarth: Heute, wenn ich zurückblicke, bin ich zufrieden mit meiner sportlichen Laufbahn. Sicherlich habe ich nach 1972 den Olympiasieg öfter verflucht. Das aber mehr wegen der damit verbundenen Veränderungen in meinem Leben in der Öffentlichkeit. Und weil mir die Goldmedaille quasi in den Schoß gefallen war und als „Zufallsprodukt“ betrachtet wurde, machte ich mich später auf, mir Weltklasseleistungen bewusst zu erarbeiten. Dabei ist dann 1984 noch einmal ein Olympiasieg rausgekommen.

Sports Illustrated: Frau Mihambo, würden Sie sich als zufrieden bezeichnen?

Mihambo: Ja, auf jeden Fall. Es ist auch wichtig, dass man glücklich ist, und das auch unabhängig vom Erfolg. Sich nur auf die äußeren Dinge zu stützen, ist schwierig. Ulrike, ich weiß nicht, ob dir das damals passiert ist: Gerade wenn man jung ist und viel gewinnt, kann es passieren, dass man große Teile des eigenen Selbstwerts von so einem Moment abhängig macht. 

Nasse-Meyfarth: Ja, das stimmt, damit muss man erst mal fertigwerden. Mit 16, 17, 18 spielt sich der Alltag beziehungsweise das Leben ja noch in anderen Szenarien ab: Schule, Abitur und Studienbeginn, der Körper entwickelt sich. Ich bin mit 18 noch gewachsen, hatte auch mal einen ein bisschen dicken Hintern – das sind dann Dinge, die in der Öffentlichkeit beachtet, breitgetreten und interpretiert werden. Meine Unbefangenheit war weg. Damit musste ich zu leben lernen. Eine PR- oder Medienberatung gab es damals noch nicht. Also mussten meine Familie und ich irgendwie allein zum Beispiel mit der „Bild“-Zeitung fertigwerden.

Bereits mit 16 ein Star: die Hochsprung Olympiasiegerin von 1972 und 1984 Ulrike Meyfarth (die seit ihrer Heirat 1986 Nasse-Meyfarth heißt)
Credit: Imago
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Sports Illustrated: Das heißt, es gab durchaus Karrierephasen, in denen sich die Zufriedenheit mit sich selbst in gesprungenen beziehungsweise übersprungenen Metern und Zentimetern maß?

Nasse-Meyfarth: Ja, natürlich. Wenn man für etwas trainiert, erfreuen einen gute Resultate. Nach 1972 musste ich mich mit Höhen von 1,80 Meter zufriedengeben, was mir verständlicherweise schwerfiel. Ab 1980 waren meine Leistungen wieder auf Weltniveau. Höhen von 2,00 Metern und mehr machten mich zufrieden, und es gab auch die Anerkennung in Fachwelt und Öffentlichkeit. Man mag das festmachen zum Beispiel an meiner Wahl zur Sportlerin des Jahres, vier Mal in Serie. Malaika, du bist das jetzt auch schon drei Mal geworden. Streng dich an dieses Jahr, dann ziehst du im Dezember mit mir gleich.

Sports Illustrated: Alle Profisportler stehen unter Druck. In Disziplinen, wo sich die Bewertung aber eben nicht aus dem subjektiven Gefallen ergibt, sondern Leistungen zentimeter- genau belegt werden, ist der Druck da nicht noch mal extremer?

Mihambo: Ich habe damit nie ein Problem gehabt, weil das objektiv ist, man weiß genau, um wie viel besser man war zum vorherigen Wettkampf. In anderen Sportarten sind es subjektive Einschätzungen – ob eine bestimmte Bewegung gefallen hat –, das ist bei uns einfacher. Da geht es nicht um Gefallen, sondern um das, was man erreicht hat.

Sports Illustrated: Kann auch die Angst vor dem Versagen zum Sieg führen?

Nasse-Meyfarth: Den Begriff „Versagensangst“ finde ich etwas überzogen. Ich wusste, dass ich bei einem Wettkampf auch mal eine indiskutable Leistung bringen kann, dass davon aber die Welt nicht untergeht. Man muss das Selbstbewusstsein, das man in den Wettkampf mitbringt, im Training aufbauen. Ich wusste, wenn ich im Training 1,95 Meter springen konnte, dann waren im Wettkampf um die zwei Meter drin. Malaika ist 2020 beim ISTAF- Hallenmeeting in Berlin mit 7,07 Metern eine Weltklasseleistung gesprungen. Ich denke, das war ein sehr wichtiger Wettkampf für Malaika. Sie konnte ihr Selbstbewusstsein für Olympia daraus ziehen. 

Ulrike Meyfarth
Furchtlos über 1,90m und zum Olympiasieg: Die 16-jährige Ulrike Meyfarth 1972 im Moment des Triumphes
Credit: Imago
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Mihambo: Ja, das war schon etwas, das mir Selbstvertrauen gegeben hat. Ich wusste, wer sieben Meter auch aus kurzem Anlauf springen kann (Mihambo verkürzte ihren Anlauf 2020 temporär und sprang damit trotzdem 7,03 Meter; Anm. d. Red.), der kann auch sieben Meter aus langem Anlauf springen. Aber ich wusste auch, dass dieser Ausflug zum kurzen Anlauf 2020 der Grund für meine Probleme 2021 war.

Sports Illustrated: Von diesen Problemen 2021 sagten Sie in einem „Spiegel“-Interview, dass es zuerst technische Probleme waren, die sich dann in gewissen psychischen Problemen manifestierten. Zwei Monate vor Olympia aber beschlossen Sie, einfach aufzuhören, an sich zu zweifeln. Wie funktioniert das?

Mihambo: Mich hat das zuerst wirklich mitgenommen. Am Anfang der Hallensaison habe ich gedacht, wenn man im ersten Wettkampf unter seinen Möglichkeiten bleibt, ist das in Ordnung. Aber wenn man dann merkt, die Meisterschaften rücken näher und man schafft es trotzdem nicht, wenigstens mit einem Sprung am Brett zu sein, dann ist es schon schwierig. Man fragt sich, ob man das noch schaffen kann. Es ist zu wenig Zeit, um an den grundlegenden Dingen etwas zu ändern. Das hat mich mental runter- gezogen. Am liebsten hätte ich Wett- kämpfe für mich allein gemacht, ohne dass jemand darüber schreibt und eine Meinung dazu hat.

Nasse-Meyfarth: Auf der anderen Seite ist es eine gar nicht schlechte Ausgangsposition, wenn keiner etwas von einem erwartet.

Mihambo: Wobei ich auch nicht das Gefühl hatte, dass keiner etwas erwartet hätte. Ich habe mir dann gesagt: Ich weiß, dass ich das prinzipiell kann, und ich glaube daran. Das hat mich stark gemacht. Man lernt, an sich selbst zu glauben, auch wenn man den Erfolg eben gerade noch nicht produzieren konnte. Das macht einen stark und resilient.

Resilienz und der Glaube an sich selbst: Für Malaika Mihambo sind das wichtige Bausteine ihres Erfolges
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: Zurück zu 1972. Frau Nasse-Meyfarth, was haben Ihnen diese ersten Olympischen Spiele bedeutet? Mit welchem Gefühl sind Sie in Ihren Wettkampf gegangen?

Nasse-Meyfarth: Völlig unbekümmert und locker. Keiner hat mit mir gerechnet, ich mit mir auch nicht.

Sports Illustrated: Über Ihren absolut überraschenden Olympiasieg schrieben Sie, er war ein Wirbelwind, der „mich aus dem Leben reißt, wie ich es bisher kannte“.

Nasse-Meyfarth: Ja, das kann man so sagen.Plötzlich war ich bekannt und stand in der Öffentlichkeit. Jeder wollte was von mir, während ich mein Leben in der Normalität haben beziehungsweise wiederhaben wollte. Mit so was muss man als 16-Jährige erstmal klarkommen.

"Wenn der Sieg dann so überraschend wie bei mir 1972 kommt, hat man schon auch das Gefühl, dass man ihn nicht verdient hätte."

Sports Illustrated: 2016 haben Sie in einem Interview gesagt: So schön das Ganze auch wäre, so richtig stolz könnten Sie auf diesen Erfolg gar nicht sein. Wie meinen Sie das?

Nasse-Meyfarth: Ich habe mir den Olympiasieg nicht erarbeitet, schon gar nicht bewusst erarbeitet. Denn zu so was gehören auch Misserfolge. Die waren in meiner jungen Karriere vorher nicht da. Und wenn der Sieg dann so überraschend wie bei mir 1972 kommt, hat man schon auch das Gefühl, dass man ihn nicht verdient hätte.

Sports Illustrated: Sie, Frau Mihambo, absolvierten Ihre ersten Spiele 2016 in Rio. Wie blieb Ihnen diese Veranstaltung in Erinnerung?

Mihambo: Für mich war das ganze Jahr magisch. Weil ich lange eine Patellasehnen-Verletzung hatte, konnte ich den ganzen Januar gar nicht trainieren, dann habe ich vier Monate nur Rasenläufe gemacht und kurz vor den Wettkämpfen noch eine Zerrung gehabt. Dann lief es wie im Traum, ich habe mich im letzten Moment für Olympia qualifiziert, jeder Wettkampf war wie ein Geschenk – ein tolles Jahr. Ich sagte mir, dass es ein Wettkampf wie jeder andere sei, damit ich mich konzentrieren konnte. Mit dieser Einstellung reinzugehen war optimal.

Sports Illustrated: Der Wettkampf ist ja die eine Seite, was Olympia jedoch von „normalen“ Wett­kämpfen unterscheidet, soll ja der „olympische Geist“ sein. Gibt es den denn noch?

Nasse-Meyfarth: Bei Olympia kommen junge Menschen mit der Leidenschaft für den Leistungssport aus der ganzen Welt zusammen. Das und das Zusammenleben im Athletendorf ergibt schon den besonderen „olympischen Geist“.

Mihambo: Ich bin leider zweimal unter Pandemiebedingungen an den Start gegangen – erst Zika in Rio, dann Corona in Tokio –, da habe ich vom Geist nicht so viel mitbekommen. Es war trotzdem schön, weil es ein Ort ist, an dem die ganze Welt zusammentrifft, wo alle im gleichen Geist verbunden sind. Aber gerade in Rio wurde einem auch klar, was alles hinter so einer Veranstaltung steht, und dass es nicht diese unbeschwerten Spiele sind, in denen es nur um den Sport geht, sondern dass da auch soziale und politische Fragen dahinterstehen. Wohin werden die Menschen aufgrund der Bauarbeiten umgesiedelt? Was passiert mit den Stadien, die keiner mehr braucht? 

Nasse-Meyfarth: Das ist sehr richtig. Aber München 1972, Barcelona 1992 oder Sydney 2000 sind gute Beispiele für die Nachhaltigkeit der anlässlich Olympia getätigten Investitionen.

Bis heute ist der Olympiapark, der anlässlich der Olympischen Spiele 1972 auf dem Oberwiesenfeld entstand, noch eines der kulturellen Zentren Münchens
Credit: Jan Saurer
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Sports Illustrated: Frau Mihambo, Sie haben Politikwissen­schaften studiert, machen jetzt Ihren Master in Umweltwissenschaften. Sie sagten 2019 der „ZEIT“: „Ich finde es nicht gut, wenn Wettkämpfe an Orte ver­geben werden, wo nicht nur die Men­schenrechtssituation schwierig ist, son­dern auch noch das Stadion klimatisiert wird, was viel Geld und Energie frisst.“ Ist Sport die Plattform für große Bot­schaften? Oder vielleicht auch gar nicht?

Mihambo: Der Sport hat eine Botschafterposition von vielen. Wo viele Menschen hinschauen, wo vielen zugehört wird, bilden sich Plattformen, die genutzt wer­den können, um Botschaften zu platzie­ren oder eben auch nicht. Auch das Aus­lassen von Botschaften ist eine Botschaft.

Black Power Salute von Tommie Smith und John Carlos
So wie 1968 beim Black Power Salute von Tommie Smith (m.) und John Carlos (r.) während der Olympischen Spiele 1968, war und ist der Sport immer wieder Plattform großer politischer Botschaften
Credit: Getty Images
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Sports Illustrated: Frau Nasse-Meyfarth, zu Ihrer aktiven Zeit war der Sport Plattform für die ganz großen Gesten und Botschaften. Sie haben 1968 mit der Leichtathletik begonnen, das war das Jahr des Black-Power- Salutes von Tommie Smith und John Carlos. 1980 war der Boykott der Olympischen Spiele in Moskau sogar eine staatspolitische Angelegenheit. Heute versteigen sich Offizielle großer Verbände gelegentlich zu dem Satz „der Sport sei unpolitisch“.

Nasse-Meyfarth: Vor allem das IOC sagt immer, es sei unpolitisch. Ganz im Gegenteil, das IOC und sein staatsmännisch agierender Präsident sind sehr politisch, das schon im Rahmen der Vergabe olympischer Spiele. Auch die nationalen olympischen Sportverbände hängen am Tropf der Politik. Das hat in Deutschland der von der Regierung befohlene Boykott der Spiele in Moskau gezeigt. Die Funktionä­re sähen die Sportler am liebsten unpoli­tisch und unkritisch. Das sind sie zum Glück längst nicht mehr. Nun darf man aber Sportler nicht zu politischen State­ments drängen und muss jedes Verständ­nis dafür haben, dass sie sich auf den Wettkampf kaprizieren und nicht auf politische Aktionen, mit denen sie auch noch, wie zuletzt in Peking, ihre polizei­liche Festnahme riskieren.

"Ich glaube, es ist wichtig, dass man für die Werte einsteht, die einen auszeichnen, und dass man nicht für etwas steht, das man nicht ist."

Sports Illustrated: Frau Mihambo, Sie haben der Deutschen Sporthilfe gesagt, Sportler müssten sich nicht politisch äußern, wenn sie es aber tun, müssen sie damit klarkommen, dass sie diese Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Wie definieren Sie Ihre Rolle?

Mihambo: Ich glaube, es ist wichtig, dass man immer authentisch bleibt und für die Werte einsteht, die einen auszeichnen, und dass man nicht für etwas steht, das man nicht ist. Und ich stehe für vieles, unter anderem für Solidarität, für Acht­samkeit mit sich und mit anderen und mit der Umwelt. Das sind alles Themen, die mir wichtig sind. Ich denke, dass sich diese Werte auch in meinem Handeln widerspiegeln.

Sports Illustrated: Für welche Rolle sollte der Sport in der Gesellschaft idealtypisch stehen?

Nasse-Meyfarth: Der Sport kann viele Rollen ein­nehmen. Diese Rollen werden in unserer Gesellschaft viel zu wenig genutzt. Das fängt in Kindergärten und Schulen an. Es gibt so viele Facetten im Leben von Kindern und Jugendlichen – gesundheit­lich, charakterlich und sozial –, die vom Sport geprägt werden können und sollten. Ich erfahre das bei uns im Verein, wo sehr viele Kinder und Jugendliche zu uns kom­men, weil sie Anschluss und Bewegung suchen, die sie bisher nicht gefunden ha­ben, gerade während der Pandemie nicht.

Sports Illustrated: Frau Nasse-Meyfarth, Sie sind in der Jugendabteilung von Bayer Leverkusen Trainerin und im Scouting tätig, engagieren sich in Kinderhospiz-Vereinen. Frau Mihambo, Sie haben mit Ihrem Verein „Malaikas Herzsprung“ in der Pandemiezeit Youtube-Sportstunden gegeben und bezahlen Kindern, deren Eltern sich das nicht leisten können, das erste Jahr im Sportverein. Welche Rolle spielt der Sport beim Aufwachsen?

Mihambo: Sport, sich überhaupt zu bewegen, ist das Natürlichste im Leben. In unserer modernen Lebensweise kommt das ein­fach viel zu kurz. Von daher ist es wichtig, dass man bei den Kindern anfängt, aber auch Rentner und Erwachsene mit einem Bürojob müssen sich bewegen. Man weiß ja, wie weitgreifend der Sport sich aus­wirkt, nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die Psyche. Deshalb sollte Sport Teil eines jeden Lebens sein. Das soziale Moment des Sports ist auch sehr wichtig.

Sports Illustrated: Jetzt steht das 50-jährige Jubiläum von München 1972 an. In den letzten 50 Jahren hat sich der Sport merklich verändert: Zum einen hat er sich professionalisiert, die Trainingswissenschaften haben sich enorm weiterentwickelt, zum anderen geht es aber um immer mehr Geld. Fragt sich, ob und inwiefern die Botschaft von Frieden und Freundschaft noch Platz findet in dieser Hochleistungsgesellschaft. Bügelt die Megalomanie nicht den letzten Hauch olympischen Geists aus dem sportlichen Wettkampf?

Mihambo.: So negativ will ich das gar nicht wahrnehmen. Klar versuchen wir, uns optimal auf den Sport vorzubereiten und Leistung zu bringen. Es kann ja auch Spaß machen, sich mit anderen und sich selbst zu messen. Ich bin der Meinung, dass der olympische Geist durch andere Dinge ausgetrieben wird, wie zum Bei­spiel zweifelhafte Turniervergaben oder wenn Kommerz vor der Leistung steht. Die Olympischen Spiele sollten ja auch etwas Positives für die Bevölkerung vor Ort bringen. Ich persönlich habe das Ge­fühl, dass das die Dinge sind, die auf der Strecke bleiben.

Olympia 1972 Plakat
Das offizielle Plakat der Olympischen Spiele 1972, gestaltet vom Kreativteam um Chefdesigner Otl Aicher
Credit: Imago
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Sports Illustrated: Frau Nasse-Meyfarth, Sie waren 16, als Sie diesen legendären Wettkampf im Olympiastadion bestritten und Geschichte schrieben. Wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie das Olympiastadion betreten?

Nasse-Meyfarth: Ich müsste es mal wieder betreten. Jedenfalls finde ich es toll, dass es immer noch existiert und mit seinem imposanten Zeltdach bewundert wird.

Sports Illustrated: Die Spiele 1972 in München sollten ja auch der Gegenentwurf zu Berlin 1936 sein. Deutschland wollte ein neues, freundliches und weltoffenes Gesicht zeigen. Wie würden Sie die Atmosphäre von damals beschreiben?

Nasse-Meyfarth: Der Designer Otl Aicher hatte das Gesicht der Spiele in weichen Farben gestaltet, die sich überall, zum Beispiel an Gebäuden oder in der Bekleidung der Hostessen und der Volunteers, wiederfanden und die in deutlichem Gegensatz zu den Farben von 1936 standen und auch auf die Wiedergabe der Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold verzichteten. Klasse fand ich auch Aichers Piktogramme, die allen Leuten, egal welcher Sprache, zeigten, wo es langging. Und die Architektur des Olympiageländes mit dem Athletendorf und dessen Spielstraße war sehr attraktiv und zeitlos.

Sports Illustrated: Frau Mihambo, vor den European Championships stehen die Weltmeisterschaften im amerikanischen Eugene an. Was nehmen Sie sich für dieses Jahr vor?

Mihambo: Ich möchte natürlich zwei sehr gute Wettkämpfe präsentieren. Ich werde also alles dafür tun, dass ich in optimaler Ausgangslage zu den Wettkämpfen komme. Ich freue mich schon darauf, aber natürlich ist das größte Highlight die Europameisterschaft in München. Zu Hause zu springen ist etwas ganz Tolles, da hat man noch mal mehr Kraft in sich, das Publikum feuert einen ganz anders an.

Ziel Nummer eins ist bereits geschafft: Am 24. Juli (nach dem Gespräch mit Sports Illustrated) konnte Malaika Mihambo ihren WM-Titel im Weitsprung verteidigen – die Heidelbergerin sprang 7,12m
Credit: Getty Images
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Sports Illustrated: Frau Nasse-Meyfarth, 2022 ist ein Jahr mit sehr vielen Sportveranstaltungen, auch abseits der Leichtathletik. Wir haben die Fußball-WM der Männer, die EM der Frauen, die Basketball-EM. Wie würden Sie sich wünschen, dass sich der Sport 2022 und auch zukünftig als gesellschaftlicher Faktor darstellt?

Nasse-Meyfarth: Die Leute gucken recht intensiv Sport, machen ihn aber nicht gerne. Da muss gegengearbeitet werden, auch mit erzieherischer Einwirkung auf Kinder und Jugendliche. Der Sport hat hier zu wenig Lobby. Und wenn sich die neue DOSB-Führung eingearbeitet hat, könnte man vielleicht auch wieder mal darüber nachdenken, eine Olympiabewerbung abzugeben.

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