Olympische Winterspiele

Hoch hinaus bei Olympia: Diese 3 Überflieger sind Deutschlands beste Snowboarderinnen

Leilani Ettel, Annika Morgan, Ramona Hofmeister – diese drei Snowboarderinnen haben bei den Olympischen Spielen in Peking beste Medaillenchancen. Sports Illustrated stellt das aussichtsreiche Trio vor.

Leilani Ettel Halfpipe
Leilani Ettel Halfpipe
Sports Illustrated 01/22
Magazin
Sports Illustrated 01/22
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Inhalt

 

Kick Off

24 HOW IT STARTED 
Timo Werner über seine Fußball-Anfänge

 

26 SO MACHT MAN DAS 
Martin Schmitt erklärt uns, wie der perfekte Skisprung gelingt 

 

27 VIER FRAGEN AN ... 
Handball-Nationalspieler Timo Kastening 

 

28 ZAHLEN, BITTE! 
Facts zur Formel 1 

 

29 TROPHY-CHECK
Die Kunstkritik zur Vince Lombardi Trophy 

 

30 SHOPPING
Dinge, die wir mögen – zum Verschenken oder Behalten 

 

32 KULTUR
Sport auf allen Kanälen: Die neuen Filme, Bücher und Serien 

 

34 ESSENTIALS 
Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo öffnet für uns ihre Sporttasche 

 

35 HISTORY
Ein Football-Helm, der Geschichte schrieb 

 

36 FACES TO WATCH 
Boxer Ammar Riad Abduljabbar, Fußballer Nicolas Seiwald, Fußballerin Nicole Billa 

 

39 AUFSCHNITT 
Der Baseball unter dem Skalpell 

 

40 RANKING
Die Yankees-Cap kennt (und hat) jeder. Diese fünf nicht! 

 

42 FRAGE AN DEN TRAINER
Manuel Baum weiß, wann Fußballvereine ihre Spieler am besten verkaufen sollten 

 

44 KOLUMNE 
Patrick Esume über die Hot Week vor dem Superbowl 

 

46 KOLUMNE
Andrea Petkovic über das Älterwerden als Sportlerin 

 

48 KOLUMNE
Jürgen Schmieder über seine Liebe zu den Clubs aus Los Angeles 
 


Storys

52 COVERSTORY: JULIAN NAGELSMANN 
Der Trainer soll den FC Bayern München in eine neue Ära führen. Wie das klappen kann, verrät er uns im Interview. Zudem erläutert ein Experte die Nagelsmann-Taktik 

 

64 CRISTIANO RONALDO
Der Superstar von Manchester United ist wertvoll für seinen Club – als Fußballer genauso wie als mächtigster Influencer der Welt 

 

70 ROGER FEDERER 
Der Tennis-König kämpft um eine letzte Rückkehr auf den Court. Klappt das? 

 

78 DIE QUARTERBACK- EVOLUTION
Spieler wie Aaron Rodgers und Patrick Mahomes haben das Quarterback-Spiel auf ein neues Level gehoben. Eine Analyse 

 

88 SEBASTIAN VOLLMER
Der ehemalige Patriots-Profi spricht im Interview über die NFL-Games in Deutschland 

 

90 LUKA DONCIC 
Wie der neue Coach Jason Kidd den Mavericks-Star noch besser machen will 

 

96 OLYMPIA
Drei deutsche Snowboard-Hoffnungen im Porträt. Plus: Felix Neureuther über Klima, Spiele in China und die Zukunft des Sports 

 

104 LEON DRAISAITL 
Der deutsche NHL- Superstar spricht mit uns über Wayne Gretzky, Olympia und den Traum vom Stanley Cup 

 

110 ABER SICHER?
Ob man besser eine Maske tragen sollte (oder nicht), war auch im Sport ein lange umstrittenes Thema 

 

116 SI LEGENDS: MICHAEL JORDAN
Vor 30 Jahren kürte ihn Sports Illustrated zum „Sportsman of the Year“ – ein Rückblick 

 

124 WIR WOLLEN DOCH NUR SPIELEN 
Jede Sportkarriere – auch unsere – endet irgendwann. Wie können wir das Ende möglichst lange hinauszögern? Unser Autor macht sich auf die Suche 
 

Leilani Ettel
Alter: 20
Disziplin: Halfpipe

Snowboarderin Leilani Ettel
In der Halfpipe springt keine andere Snowboarderin so hoch wie Leilani Ettel
Credit: Johannes Jank
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DIESELBE DISZIPLIN wie die Olympia-Premierensiegerin im Snowboard von 1998, Nicola Thost, hat sich Leilani Ettel schon mal ausgesucht: Halfpipe. Die 20-jährige Münchnerin hat eine Entwicklung hinter sich, die sie selbst so beschreibt: „Es ist mega viel vorangegangen, auch mental.“ Denn dass der Kopf eine große Rolle in ihrem Sport spielt, versteht jeder, der sich mal auf Skiern oder dem Board in eine dieser einschüchternden Steilwandröhren hineingetraut hat. 

Die Superpipe von Laax zum Beispiel, Spitzname „The big beast“: 200 Meter lang, 22 Meter breit und 6,90 Meter hoch. So müssen sich Moses und die Seinen bei der Flucht aus Ägypten im geteilten Roten Meer gefühlt haben: meterhohe Wände rechts und links. Für Leilani Ettel kein Grund zur Sorge, sondern das Höchste der Gefühle, im Wortsinn: „Bei den Frauen springt sie am höchsten aus der Pipe“, sagt Michael Dammert, Headcoach der deutschen Snowboard-Freestyler, „viel Schwung aus der Kurve raus gewinnen: Bei ihr ist das ein Transfer aus dem Skateboarden und dem Wellenreiten.“ Denn auch diese wackligen Bretter beherrscht sie „auf sehr hohem Niveau“, sagt Dammert: „Leilani ist einfach komplett Boardsport-addicted.“ 

Und wer ist schuld? Natürlich der Papa. Julian Ettel war Profi-Snowboarder, wurde 1991 Deutscher Meister in der Halfpipe. Seine Tochter hat das schon mit 13 geschafft, als Zehnjährige war sie bereits Dritte geworden, ein Jahr nachdem sie erstmals den Thrill in einer Pipe erlebt hatte. „Sie hat sehr jung angefangen“, erzählt Bundestrainer Dammert, „ist mit mir schon um die Welt geflogen, als sie gerade mal 15 war.“ Mit 16 gewinnt sie die Europacup-Gesamtwertung, holt zweimal Bronze bei Junioren-Weltmeisterschaften und hat sich in der Halfpipe-Wertung seit 2017 von Platz 23 auf sieben vorgearbeitet, Tendenz weiterhin steigend. Und seit dem 23. Januar 2021 ist sie sich nun auch endgültig sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Beim Night-Race auf dem „big beast“ von Laax, ihrer Lieblings-Pipe, feiert sie mit Rang fünf ihr bislang bestes Weltcup-Resultat. „Das war so überwältigend, so der Hammer, einfach mega“, erzählt sie fast ein Jahr später immer noch total euphorisiert, „das hat mir nochmal gezeigt: Ja, das will ich wirklich machen!“ Das Erfolgserlebnis gibt ihr einen Schub, sodass sie trotz Rippenprellung bei der WM in Aspen an den Start geht und es sogar in die Top Ten schafft – was wohl ohne Prellung drin gewesen wäre?

Nun also ihre ersten Olympischen Spiele, denn dass sie die Qualifikation für Peking schafft, davon geht sie aus: „Da bin ich entspannt und zuversichtlich.“ Sie gehe das Ganze „step by step“ an, „damit es mich nicht zu sehr stresst. Ich habe nämlich immer sehr hohe Erwartungen an mich.“ Das Wichtigste sei bei ihr immer der Spaß: „Wenn ich mit Leuten fahre, mit denen ich Spaß habe, dann läuft eh alles, dann lerne ich neue Sachen dazu.“ So wie in der Saisonvorbereitung auf dem Gletscher von Saas-Fee: „Da sind aus der ganzen Welt alle da, die in der Halfpipe Weltcups fahren, immer die gleiche Truppe, meine besten Freunde. Drei Wochen miteinander fahren, sich gegenseitig motivieren, Tricks lernen, alles genießen: Das ist die Essenz des Snowboardfahrens. Das taugt mir voll!“ 

Gut möglich, dass zur Reisegruppe bald eine weitere Ettel gehört: Schwester Kona ist erst 14, fährt aber schon Europacup. Kommt einem irgendwie bekannt vor. 


Annika Morgan
Alter: 19
Disziplin: Slopestyle/ Big Air

Snowboarderin Annika Morgan
Annika Morgan war auch schon bei den X-Games am Start
Credit: Johannes Jank
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FAMILIENBANDE SPIELEN auch in der Karriere von Annika Morgan eine Rolle. Der ältere Bruder der 19-jährigen Freestylerin heißt Ethan und gilt seit Jahren als einer der kreativsten Snowboarder der Szene, Spitzname: „The wizard of Mittenwald“. Einen kundigeren Begleiter zu ihren ersten X-Games in Aspen vor zwei Jahren hätte die Ex-Eiskunstläuferin also gar nicht haben können. Doch statt beim meistbeachteten Wettkampf der Freestyler landete sie zwei Meilen weiter im Krankenhaus am Tropf: Dehydrierung. Auch wenn die sanften Bergkuppen ringsum eher nach Schwarzwald aussehen, liegt Aspen halt doch auf 2500 Meter Höhe, und da muss man stets reichlich Flüssigkeit zu sich nehmen.

Im Jahr darauf hat das besser geklappt. Diesmal war Schwester Natascha dabei: „Die ist sehr organisiert, ich noch nicht so ganz“, meint Annika. Doch ausgerechnet in Aspen wurde sie krank, konnte immerhin trainieren auf dieser Ansammlung von monströsen Slopestyle- und Big-Air-Schanzen, durfte sich als Teil der weltbesten Boarder fühlen, denn für X- Games kann man sich nicht qualifizieren, sondern wird eingeladen. Die einzige Deutsche war Ersatzfahrerin, doch als sich eine Athletin verletzte, ging alles sehr schnell, erzählt sie: „Fünf Minuten vor dem Wettkampf hieß es: ‚Du musst jetzt dein Board anziehen und da runter!‘ Ich war die ganze Zeit total gelassen gewesen, weil ich wusste, dass ich nicht starten kann – und dann das! Ich war so nervös! Dennoch war es der Hammer, das beste Erlebnis bis jetzt. Ich liebe es einfach, da dabei zu sein!“

Wenn der Winter gut läuft, würde sie Ende Januar gern wieder zu den X-Games nach Colorado fliegen – und von da gleich weiter nach China, Richtung Olympia. Gleich beim ersten Weltcup der Saison in Chur hat sie Ende Oktober mit Platz sechs die Olympia-Norm erfüllt, fast ohne Training. Wochenlang lag sie flach, am Tag vor dem Wettkampf verordnete ihr der Arzt noch eine Pause – und dann steht sie in der Qualifikation doch oben am Start. Einer der zwei Quali-Sprünge glückt, der andere endet mit blutiger Nase: „Ich war zu schnell, bin mit dem Kopf aufgeschlagen. War aber nicht schlimm. Hat halt nur geblutet.“ Logisch, dass sie auch im Finale dabei ist und die Olympia-Quali klarmacht: „Als ich das geschafft habe, konnte ich es Wochen später immer noch nicht glauben, weil da einfach ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Man arbeitet vier Jahre dafür, dass man genau da sein kann, wo man möchte.“ Sie wolle Peking aber wie einen normalen Wettkampf angehen: „Sonst werde ich nur noch nervös, wenn ich dran denke, dass ich bei Olympia bin. Es sind ja die gleichen Fahrer dabei wie immer.“

Bei den Spielen 2018 saß sie vor dem Fernseher und dachte: „Das will ich unbedingt machen! Ich habe beim Big Air zugeschaut, war voll stolz auf alle und habe mir gedacht: ,Wäre das cool, wenn alle meine Freunde mir zuschauen würden und stolz auf mich wären.‘“ Nun, so wird es wegen des Einreiseverbots leider nicht kommen. „Meine ganze Familie wollte nach China kommen“, erzählt Annika, „die hatten schon gebucht: Flüge, Airbnb, alles. Im Sommer: was für ein Druck! Ich dachte: ‚Was, wenn ich es nicht schaffe?‘ Jetzt habe ich’s geschafft, und sie dürfen nicht kommen! Wir waren noch nie alle zusammen auf einem Wettkampf von mir. Ich hab drei Brüder, eine Schwester, dazu die Eltern und noch zwei Freunde – das wäre ne fette Truppe gewesen.“


Ramona Hofmeister
Alter: 25
Disziplin: Parallel-Riesenslalom

Ramona Hofmeister holte bei den Olympischen Spielen 2018 Bronze im Parallel-Riesenslalom
Credit: Johannes Jank
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MIT DER FAMILIE vor Ort eine olympische Medaille feiern: Diesen Traum hat sich Ramona Hofmeister schon erfüllen können. Als die Bad Reichenhallerin am 24. Februar 2018 im Phoenix Snow Park nahe Pyeongchang über die Ziellinie des Parallel-Riesenslaloms gezischt war und die Jubelarme nach oben gerissen hatte, standen ihre Lieben nur ein paar Meter entfernt. Bronze hinter Landsfrau Selina Jörg und dem Ausnahmephänomen Ester Ledecká, die eine Woche zuvor schon Gold im Super-G gewonnen hatte – mit Skiern statt dem Snowboard! Auch für Hofmeister ging in Südkorea der berühmte Kindheitstraum in Erfüllung: „Megageil, dass es gleich bei den ersten Olympischen Spielen mit der Medaille geklappt hat“, sagt Hofmeister heute, „da denkt man gern öfter daran zurück. Das vergisst man niemals, niemals! Das konnte ja keiner ahnen, dass das so ausgeht, und da war es schon besonders schön, mit der Familie die Emotionen teilen zu können.“

Diesmal wird das ja nichts – außer Chinesen darf ja niemand zuschauen, auch nicht bei den Snowboard-Race-Wettbewerben im Genting Resort „Secret Garden“. Ganz so geheim ist die Strecke dort allerdings nicht mehr: Die Olympia-Testwettbewerbe im vergangenen Winter mussten pandemiebedingt zwar ausfallen, aber als der Weltcup im Winter 2019 nördlich von Peking Station machte, hatten Hofmeister und ihre Konkurrentinnen Gelegenheit, den Hang zu testen. Hofmeisters Fazit: „Mir gefällt der Hang gut: Ich hab dort gewonnen! Insofern wäre es cool, wenn er vom Shape genau so bleibt, wie er war: oben mittelsteil, dann komplett flach und unten raus nochmal steiler. Voll abwechslungsreich, mit Südkorea nicht zu vergleichen.“ Dass es in China überhaupt ganz andere Spiele werden, ist ihr bewusst: „Es wird sehr speziell“, sagt die Berchtesgadenerin, „ehrlich gesagt, bin ich schon froh, dass es nicht meine ersten Spiele sind. So habe ich 2018 alles wunderschön in Erinnerung.“

Die Bronzemedaille von Pyeongchang war für die 25-Jährige auch so etwas wie der Startschuss in einen neuen Karriereabschnitt. Elf ihrer bislang 13 Weltcup-Siege gelangen der Polizeivollzugsbeamtin und Hobbybäckerin nach dem Gewinn der Olympiamedaille. 2019 holte sie auch bei der Weltmeisterschaft in Park City Bronze und in den beiden folgenden Wintern jeweils den Gesamt-Weltcup, der sich aus den Ergebnissen in Parallelslalom und Parallel-Riesenslalom addiert. Auch die Riesenslalom-Wertung konnte sie zwei Jahre in Folge gewinnen.

Glück im Unglück also, dass 2018 der Parallelslalom aus dem olympischen Programm flog, nicht der Riesenslalom. „Früher war ich im Slalom besser, jetzt ist schon der Riesenslalom meine Paradedisziplin“, sagt sie, bedauert aber natürlich, dass sie bei Olympia im Gegensatz zum Weltcup nur eine statt wie bis 2014 zwei Chancen hat. „Es wäre vom Kopf her schon leichter. Da könnte man das alles ein bisschen relaxter angehen, mit weniger Druck. Aber wir sind ja dankbar, dass wir überhaupt eine olympische Disziplin haben.“

Ihr Motto: „No pressure, just passion“ – kein Druck, nur Leidenschaft. Ihr großes Ziel: wieder eine Medaille erreichen, „bestenfalls natürlich in einer anderen Farbe“. Wenn es sein muss, würde sie wohl auch eine goldene nehmen.