Fußball

Die Hinrunde des FC Bayern – eine Rückschau in fünf Kapiteln

Der Bundesliga-Herbstmeister 2021 heißt FC Bayern München. Wir schauen zurück auf eine Bayern-Hinrunde voll fulminanten Fußballs und anderer Turbulenzen

Thomas Müller (r.) freut sich mit Robert Lewandowski

Die erste Hälfte der Spielzeit 2021/2022 ist vorüber. Und wer zu Anfang der Saison, mit der Rückkehr der Fans in die Stadien, an einen Aufbruch glaubte und an starke Bayern-Verfolger – Leipzig unter Marsch, Wolfsburg unter van Bommel oder Gladbach unter Hütter –, muss sich eingestehen: Schall und Rauch. Die Stadien sind aufs Neue leer und der FC Bayern Herbstmeister – zum 25. Mal und das mit komfortablem Vorsprung. Allerdings: Ganz so eintönig war diese Hinrunde gar nicht – gerade aus Sicht des FC Bayern: Der Rekordmeister präsentierte sich in der Offensive fulminant, schoss 56 Tore (Trainer Nagelsmann – „Tore sind das Salz in der Suppe…“ – will den 101-Saisontore-Rekord der Bayern aus der Spielzeit 1971/72), in der Defensive aber oft erstaunlich verwundbar. Am Ende stehen 14 Siege, ein Unentschieden und zwei Niederlagen (gegen Eintracht Frankfurt und den FC Augsburg), aber auch eine ganze Reihe anderer Erkenntnisse und Geschehnisse, auf die wir noch einmal blicken wollen: Unser kurzer Rückblick auf eine bewegte Bayern-Hinrunde.

Der Faktor Nagelsmann

Bayern-Trainer mit 34, dazu die Rekordablöse von kolportierten 20 bis 30 Millionen Euro, die ihn nun nicht mehr nur zum jüngsten Trainer eines europäischen Spitzenteams, sondern auch zum teuersten überhaupt macht. Ein Nimbus, von dem sich Nagelsmann nicht einschüchtern ließ. Seine Art Fußball spielen zu lassen (und auch die Weise, wie er darüber spricht) wurde in dieser Hinrunde vielfach analysiert: ballbesitzorientiert, offensiv, modern. Fußballjournalist und Taktik-Experte Tobias Escher schreibt in seinem „Taktik Deep Dive“ in der aktuellen Ausgabe von Sports Illustrated: „Dreierkette, Viererkette, Fünferkette, abkippende Sechs, falsche Neun: All die modernen Taktik-Vokabeln finden sich selbstverständlich im Wirken des 34-Jährigen.“ Und, so Escher auch: „Er wechselt Aufstellung und Spielsystem häufiger als die früheren Trainer-Veteranen ihre Unterhosen.“ Doch während niemand mehr im europäischen Fußball Nagelsmann seine fachliche Kompetenz streitig machen würde, erforderte der Trainerposten beim deutschen Rekordmeister schon immer mehr als nur das Vermögen zur gekonnten Variation der Spieltaktik. „Das Wichtigste“, so Nagelsmann kürzlich im Interview mit Sports Illustrated, „ist Empathie, dass man mit Menschen gut umgehen und vor einer Gruppe sprechen kann.“ Eben das, die Fähigkeit gut mit Menschen umzugehen und vor Gruppen zu sprechen, bewies er nicht nur im Umgang mit seiner Startruppe, sondern gleichermaßen auch in Belangen, die normalerweise eher nicht in den Zuständigkeitsbereich eines Trainers fielen. So gelang es ihm praktisch nebenbei, die hitzig und lautstark geführte Debatte um den in Fan-Kreisen verhassten "Katar-Deal", sowie die Corona-, bzw. Impfthematik um Kimmich und Choupo-Moting so zu moderieren, dass dem Verein größere Image-Schäden erspart blieben.

Offensiv oft fulminant, defensiv teils unsicher

Dass die beiden Abwehrchefs Alaba und Boateng die Bayern nach der vergangenen Saison verließen, konnte kaum spurlos an einer nun sehr jungen Defensive vorübergehen. Und obgleich die individuelle Klasse von Spielern wie Upamecano, Süle, Pavard oder Hernández unbestritten ist, fehlt es sowohl in der Verteidigung als auch in der Spieleröffnung immer wieder an Souveränität und Sicherheit. Jene Handlungssicherheit, die in den vergangenen Jahren oft durch die klare und lautstarke Kommunikation eines bzw. zweier starker Abwehrchefs – eben Alaba und Boateng – gestützt wurde. Wer sich dieser Rolle in der Rückrunde annimmt, wird sich zeigen. Einer wird es tun müssen. Denn – und wir Sportler wissen, es steckt viel Weisheit in der Binse: Die Offensive gewinnt Spiele, aber die Defensive gewinnt Meisterschaften.“

Für die Binnen-Meisterschaft aber, dürfte den Bayern wohl auch ihre starke Offensive genügen: Da wären die bärenstarken Gnabry, Sané oder Coman (laboriert zurzeit an einem Muskelfaserriss) und freilich auch jener Robert Lewandowski, der am 17. Spieltag gegen den VfL Wolfsburg sein 43. Bundesliga-Tor in diesem Kalenderjahr erzielte und damit erneut einen Gerd-Müller-Rekord (aus dem Jahr 1972) pulverisierte.

Auch dass der Ballon D’Or nicht an den Polen, sondern an Messi ging, war eines der bemerkenswerten Themen dieser Hinrunde. Nicht nur Matthäus – „Keiner hätte es so verdient gehabt wie Lewandowski.“ – verstand nach der Verleihung des goldenen Balles die Welt nicht mehr. Immerhin verlieh die Fachjury der Zeitschrift „France Football“ Lewandowski die neu kreierte Auszeichnung als „Stürmer des Jahres“.

Doch auch für den – mittlerweile 33-jährigen – besten Stürmer der Gegenwart tickt die Uhr. Wie nun kolportiert wurde, wird sich der FC Bayern wohl doch in das Wettbieten um BVB-Shooting-Star Erling Haaland einmischen. Also auch die kommenden Wochen werden spannend. Da freut man sich in der Rückschau doch schon auf die Vorschau.

Für wen man sich in dieser Rückschau noch freut? Thomas Müller. Der nämlich, erzielte zuletzt beim 3:0 gegen den FC Barcelona sein 50. Champions-League-Tor und gehört damit nun ­– gleichauf mit Thierry Henry und sechs Tore hinter Ruud van Nistelrooy – zu den acht besten Torschützen dieses Wettbewerbes. Schon absolute Champions League, diese Gesellschaft.

Die Causa Corona

Dass sich Trainer Nagelsmann Ende Oktober trotz doppelter Impfung selbst mit Covid-19 infizierte und vier Spiele – darunter die 0:5-Pleite gegen Borussia Mönchengladbach im Pokal – aus der „Kommandozentrale“ in seiner Küche verfolgen musste, war denkbar unglücklich.

Weniger ein Unglück als heraufbeschworenes Unheil ist jedoch die aktuelle Corona-Situation beim FC Bayern. So sollen noch im November fünf Spieler aus dem Kader des FC Bayern nicht geimpft gewesen sein. Akteure wie  Jamal Musiala, Serge Gnabry oder Eric Maxim Choupo-Moting, vor allem aber Joshua Kimmich, wurden in ihren häufiger gewordenen Quarantäne-Zwangspausen schmerzlich vermisst. Die beiden letztgenannten infizierten sich schließlich tatsächlich, was in beiden Fällen zu Folgeschäden in der Lunge führte, die sie zurzeit noch zu ärztlich verordneter Ruhe zwingen.

Allerdings: Durch den Ausfall Kimmichs und zeitweise Goretzkas (wegen anhaltender Hüftprobleme) im zentralen Mittelfeld, konnten sich andere hervortun. Der einstige Langzeitverletzte Corentin Tolisso zum Beispiel, oder der längst vergessen geglaubte Spanier Marc Roca. Das zwischenzeitliche Corona-Chaos stellte Trainer Nagelsmann also nicht nur vor Herausforderungen in der Außenkommunikation, sondern jetzt auch in der Mannschaftformation.

Und auch das soll in diesem Zusammenhang vermerkt sein: Joshua Kimmich hat öffentlich die Mär von den Langzeitfolgen des Impfens genährt, was nicht gut zu heißen ist. Dafür jedoch eine mediale Schelte einstecken müssen, die jedem Maß entbehrt. Wir finden, wer den Mut aufbringt, eigene Fehleinschätzungen öffentlich einzugestehen – so wie es Kimmich kürzlich in einem Interview mit dem ZDF tat –, dem sollte auch das Recht zugestanden werden, sich einmal irren zu dürfen.

Die Jahreshauptversammlung

Ehrenpräsident Uli Hoeneß nannte die Jahreshauptversammlung am 25. November die „schlimmste Veranstaltung, die ich je beim FC Bayern erlebt habe“. Und wer sich an Hoeneß‘ Wutrede von 2007 („Eure Scheiß-Stimmung, da seid Ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir…“) erinnert, der weiß: Das soll was heißen!

Was war passiert: Das Vereinsmitglied Michael Ott hatte (gemeinsam mit weiteren Vereinsmitgliedern) beantragt, auf der Jahreshauptversammlung über die schnellstmögliche Beendigung des Sponsoring-Vertrags mit der Fluggesellschaft Qatar Airways abstimmen zu lassen. Dem Antrag wurde nicht stattgegeben und Michael Ott sogar von der Rednerliste der Veranstaltung gestrichen. Für Vereinspräsident Herbert Hainer geriet die Veranstaltung – mehr noch als für Hoeneß 2007 – zum Desaster. Als er – bereits nach Mitternacht – die Wortmeldungen der Mitglieder für beendet erklärte, schalten ihm „Hainer raus“-Rufe entgegen.

Die Ausgangssituation: Qatar Airways, die staatliche Fluggesellschaft des Emirats Katar, ist der Ärmelsponsor des FC Bayern München. Der aktuelle Vertrag läuft noch bis 2023 laufen und soll dem Rekordmeister rund 20 Millionen Euro jährlich einbringen. Über das WM-Ausrichterland Katar wird immer wieder in Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen und toten Arbeitern auf den Baustellen der WM-Stadien berichtet. Beim Spitzenspiel gegen den SC Freiburg am 6. November protestierten Mitglieder der Fan-Gruppierung „Munich’s Red Pride“ in der Bayern-Südkurve mit einem Plakat, auf dem Oliver Kahn und Herbert Hainer mit einer Waschmaschine, blutiger Wäsche und zwei Geldkoffern zu sehen waren. Betextet war das Plakat mit dem Satz: „Für Geld waschen wir alles rein.“ Die Führung des FC Bayern hatte im Nachgang der Chaos-JHV angekündigt, den Dialog mit den Fans intensivieren zu wollen. Ob der Katar-Deal nun verlängert wird oder nicht, bleibt weiter offen.

Die Ansprüche in der Champions League

Ein Vielfaches jener 20 Sponsoren-Millionen, winken dem FC Bayern in der Champions League.

Sechs Spiele, sechs Siege in einer Gruppe mit Dynamo Kiew, Benfica Lissabon und dem FC Barcelona, sprechen eine deutliche Sprache, was die Ambitionen des Deutschen Meisters in der Königsklasse angeht.

Nach dem Faux-Pas der UEFA bei der Auslosung des Achtelfinales geht es im neuen Jahr (am 16. Februar und 8. März) nun doch nicht wie ursprünglich gedacht, gegen Atlético Madrid, sondern gegen RB – respektive den FC – Salzburg. Thomas Müller glaubt an „heiße Spiele“ trotz jahreszeitlich bedingt kühler Temperaturen. Aber bei aller Salzburger Intensität, dürfte man an der Säbener Straße doch etwas erleichtert sein, dass es nun vorerst eben nicht gegen Diego Simeones Wadenbeißer-Truppe aus der spanischen Hauptstadt geht.

Die Ansprüche des FC Bayern in der Champions League dürften aber auf der Hand liegen. Wer in der Vorrunde sechs Spiele gewinnt, will in den Endrunden natürlich weitere sieben gewinnen – egal, wie die Gegner heißen. Alles ist möglich. Dann wohl auch wieder mit dem Mittelfeld-Leader Kimmich auf dem Platz.