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Robert Sarver und die bisher härteste Prüfung der NBA

Die NBA gilt als sehr progressive Sportliga, die sich zuletzt stark gegen Rassismus und für Gleichberechtigung eingesetzt hat. Doch während die NBA nach außen Fortschritt predigt unterstützen viele Teambesitzer Politiker wie Donald Trump mit großzügigen spenden. Der Skandal um Robert Sarver stellt die Liga vor eine neue Zerreißprobe.

Robert Sarver wird Rassismus und Sexismus vorgeworfen

Nur wenige Stunden nach dem Freispruch im weltweit beachteten Kyle-Rittenhouse-Prozess folgte eine spitze Antwort von der NBA, der vielleicht fortschrittlichsten Profisportliga der Welt.

"Unsere Gedanken sind bei den Familien derer, die bei dieser Tragödie ums Leben gekommen sind," hieß es in einer Erklärung von James Cadogan, dem Geschäftsführer der neuen Social Justice Coalition der NBA. "Das Recht auf friedlichen Protest ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie, und die National Basketball Social Justice Coalition setzt sich weiterhin dafür ein, dieses Recht für alle zu erhalten. Jegliche Form der Selbstjustiz in unserer Gesellschaft ist inakzeptabel."

In drei Sätzen machte die NBA unmissverständlich klar, wo sie steht: Mitgefühl für die von Rittenhouse niedergeschossenen Menschen, Unterstützung für die Proteste, die die Rechenschaft von der Polizei fordern. Die Verurteilung von Rittenhouse, der sich mit tödlichen Folgen als Gesetzeshüter ausfspielte.

Es war genau die Botschaft, die wir von der NBA erwarten, einer Liga, die sich öffentlich für die "Black Lives Matter"-Bewegung und alles, was sie mit sich bringt, eingesetzt hat: Polizeireform, mehr Macht für Wähler und Gleichberechtigung für Afro-Amerikaner sowie soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen.

NBA: Schwere Vorwürfe gegen Suns-Besitzer Sarver

Wie also können wir diese Statement der Liga mit den anderen in Einklang bringen. Jene Aussagen, die wir kürzlich von einem der mächtigsten Männer der NBA gehört haben?

“Diese [N-Wort] brauchen ein [N-Wort].” “Ich mag keine Vielfalt.” “Gehörst du mir? Bist du eine von meinen?”

Diese drei Sätze wurden angeblich von Robert Sarver, dem Mehrheitseigentümer der Phoenix Suns, gesagt, wie aus einem Untersuchungsbericht von "ESPN" hervorgeht. Der Bericht, der sich auf Interviews mit mehr als 70 derzeitigen und ehemaligen Mitarbeitern der Suns stützt, dokumentiert eine ausführliche und erschreckende Geschichte von Rassismus, Frauenfeindlichkeit und verbalen Beleidigungen von Sarver. Die NBA hat eine Anwaltskanzlei mit einer eigenen Untersuchung beauftragt, hält sich aber mit einem Urteil zurück, bis dieser Bericht abgeschlossen ist. Sarver hat die meisten Vorwürfe bestritten.

Dieser Kontrast ist eine deutliche Erinnerung daran, dass die NBA keine monolithische Institution ist, dass fortschrittlich gesinnte Liga-Funktionäre wie Commissioner Adam Silver nicht unbedingt die gleichen Werte teilen wie die milliardenschweren Eigentümer, die die Liga leiten. Und dass man diesen Eigentümern vielleicht nicht immer trauen sollte, wenn es um Lippenbekenntnisse zur sozialen Gerechtigkeit geht - egal, wie viele sie anlässlich der Proteste gegen den Mord an George Floyd im Sommer 2020 abgegeben haben.

Der Fall George Floyd erschütterte auch die NBA

Für diejenigen, die diese Bekenntnisse mit Argwohn betrachteten - mehr PR als echte Überzeugung - hat die Sarver-Geschichte diesen Eindruck noch verstärkt. “Man darf nicht vergessen, dass der Profisport ein Geschäft ist, und wir’haben schon viel zu oft erlebt, dass der Kommerz die Prinzipien übertrumpft,” sagt Len Elmore, der ehemalige NBA-Spieler, Rundfunksprecher und Anwalt, der jetzt ein leitender Dozent im Sportmanagementprogramm der Columbia University’ist. "Oftmals," bemerkt Elmore, “sagen die Ligen in vielerlei Hinsicht das Richtige, um ihre Mitarbeiter zu beschwichtigen.”

Würdigung von George Floyd im Barclays Center der Brooklyn Nets
Würdigung von George Floyd im Barclays Center der Brooklyn Nets
Credit: getty
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Und die NBA ist natürlich eine Liga, deren wichtigster Mitarbeiterpool hauptsächlich aus schwarzen Sportlern besteht. Das traf in jeder Spielzeit auf etwa 75–80% aller Spieler zu. In dieser Liga ist “Black Lives Matter” viel mehr als nur ein Slogan, wie die Welle des Spieleraktivismus nach Floyds Tod im letzten Jahr gezeigt hat. Als die Teambesitzer diesem Beispiel folgten, war dies sowohl eine Geste der Unterstützung für ihre Spieler als auch ein plötzliches politisches Erwachen.

Nahezu alle NBA-Franchises gaben Erklärungen ab, in denen sie eine Kombination aus Mitgefühl und Empörung über Floyds Tod durch das Knie eines Polizeibeamten aus Minneapolis zum Ausdruck brachten. Viele forderten eine Polizeireform.

Auch Savers Suns und Mercury verurteilen Polizeigewalt im Fall George Floyd

Eine dieser Erklärungen kam von Sarvers beiden Teams, den Suns und den Phoenix Mercury aus der WNBA. Darin wurden die Begriffe “soziale Ungerechtigkeit und systemischer Rassismus” verwendet, der Tod von Floyd, Breonna Taylor und Ahmaud Arbery angeführt und “die von Hass und Vorurteilen getriebene Brutalität verurteilt. Sie versprach, diejenigen zu unterstützen, die für Gerechtigkeit, Integration kämpften und sich dem Fanatismus entgegen stellten.

Währenddessen hat der Mann, der für diese beiden Franchises verantwortlich ist, angeblich (und wiederholt) in lockeren Gesprächen das N-Wort fallen lassen, Forderungen nach Vielfalt beklagt und Frauen und Farbige in seiner Organisation an den Rand gedrängt.

Während die Anekdoten schockierend waren, kam die Enthüllung für Spieler, die in den 17 Jahren, die Sarver Eigentümer der Suns ist, in der Liga waren, nicht völlig überraschend.

“Das hat mich kein bisschen überrascht,” sagte Hall of Famer Paul Pierce im "The Crossover"-Podcast. “Wenn Sie ältere Spieler meiner Generation fragen, würde sie das auch kein bisschen überraschen.”

Obwohl Pierce sagte, er habe Sarver nicht persönlich etwas Rassistisches sagen hören, “Das ist etwas, worüber unter Spielern gesprochen wird. … Das Geflüster geht um. Die Leute reden darüber, welche Eigentümern, welche Art von Menschen sind, und das ist etwas, das über Robert Sarver gesagt wurde.

"Saver hatte unter den NBA-Spieler einen Ruf"

Der ehemalige All-Star Baron Davis, der 2012 in den Ruhestand ging, spielte in einem Interview mit "TMZ" auf etwas Ähnliches an und verwies auf seine eigenen Erfahrungen mit Sarver während der Verhandlungen um einen neuen Vertrag mit der Spielergewerkschaft im Jahr 2011. Und der frühere NBA-Center Etan Thomas, der bei diesen Gesprächen dem Vorstand der Gewerkschaft angehörte, sagt über Sarver: "Er hat einen Ruf, das kann ich sagen."

“Ich sage nicht, dass ich ihn das N-Wort sagen gehört habe, sagt Thomas gegenüber Sports Illustrated: "Aber er hat einen Ruf, bei dem es keine Überraschung ist, so etwas zu hören."

Noch vor 16 Monaten wäre Sarver aufgrund des Statements seines Teams und seiner bloßen Zugehörigkeit zu einer Liga, die sich diese Themen auf die Fahnen geschrieben hat, als ein weiteres “wokes” Mitglied der NB- ’Bewegung für soziale Gerechtigkeit abgestempelt worden. Sei es als Kompliment (von BLM-Anhängern) oder als Beleidigung (von rechten Meinungsmachern).

Die National Basketball Social Justice Coalition, die Cadogan jetzt leitet, wurde als Reaktion auf den kurzfristigen Spieler-Streik , der die Playoffs 2020 kurzzeitig stoppte, ins Leben gerufen. Dieser Streik wurde natürlich durch die Erschießung von Jacob Blake durch die Polizei von Kenosha (Wisconsin) ausgelöst. Genau der Vorfall, der die Proteste auslöste, bei denen Rittenhouse, ein 17-Jähriger aus Antioch (Illinois), mit einem halbautomatischen Gewehr auf drei Menschen schoss und zwei von ihnen tötete.

Robert Sarver, Eigentümer der Phoenix Suns
Robert Sarver, Eigentümer der Phoenix Suns
Credit: getty
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Als Teil seiner Rolle setzte sich Cadogan in diesem Herbst im Kongress energisch für die Verabschiedung des George Floyd Act für mehr Transparenz bei der Strafverfolgung von Polizisten und des John R. Lewis Act für mehr Wählerrechte ein - und unterstrich damit einmal mehr das breite Engagement der Liga für diese Anliegen. Und doch haben viele der Eigentümer, die Cadogans Gruppe finanzieren, gleichzeitig Millionen an republikanische Politiker gespendet, die dieselben Bemühungen entschieden ablehnen.

NBA-Besitzer pumpen viel Geld in den Wahlkampf der Republikaner

In der Tat haben die NBA-Besitzer (und ihre Lebensgefährt:innen) von 2015 bis 2020 fast 15 Millionen Dollar in die Kassen republikanischer Politiker gesteckt, zumindest laut eines Berichts von The Ringer. Allein im vergangenen Jahr hat die DeVos-Familie, der die Orlando Magic gehören, fast 500.000 Dollar an Fundraiser gespendet, die republikanische Kongressmitglieder und insbesondere Donald Trump unterstützen, wie aus den von The Ringer analysierten Aufzeichnungen des Federal Election Commission hervorgeht. Die Liste der größten Spender an republikanische Spendenkomitees umfasst auch die Eigentümer der Cleveland Cavaliers (Dan Gilbert), New York Knicks (James Dolan), San Antonio Spurs (die Familie Holt), Houston Rockets (Tilman Fertitta) und Philadelphia 76ers (Josh Harris). Ebenfalls auf dieser Liste steht Micky Arison von den Miami Heat, der zufällig ein aktives Mitglied der NBA Social Justice Coalition ist.

Am Ende der Liste steht Sarver, der in dem Fünfjahreszeitraum 179.000 Dollar an die Republikaner gespendet hat.

[Anmerkung d. Redaktion: Der George Floyd Justice in Policing Act wurde im September im Senat ausgebremst. Auch aufgrund des einhelligen Widerstands der Republikaner. Im Repräsentantenhaus war er mit mehrheitlicher Unterstützung der Demokraten verabschiedet worden . Der John R. Lewis Voting Rights Act, für den sich die Demokraten eingesetzt hatten, scheiterte im November im Senat, nachdem er das Repräsentantenhaus mit knapper Mehrheit passiert hatte.]

Fassen wir zusammen: Eine von der NBA finanzierte Koalition setzte sich für die Verabschiedung neuer Gesetze zur Polizeireform und zum Wahlrecht ein, nur um sehen zu müssen, wie ihre Bemühungen von einer politischen Partei vereitelt wurden, die von einem Teil der NBA-Besitzer großzügig unterstützt wird.

Für Elmore wirft dies eine notwendige Frage über den angeblich progressiven Kurs der NBA auf: “Ist er legitim, im Gegensatz zur bloßen Selbstdarstellung? Oder handelt es sich lediglich um einen Unterschied zwischen der Liga als Institution (der NBA) und ihren einzelnen Mitgliedern (den Teambesitzern)?

NBA steht im Fall Sarver vor der Zerreißprobe

Diese Besitzer haben natürlich das Recht, die von ihnen ausgewählten Kandidaten und Anliegen zu unterstützen. Aber es ist unmöglich, ihre Pressemitteilungen zu Black Lives Matter mit ihren Spenden gegen soziale Gerechtigkeit in Einklang zu bringen.

“Es ist leicht, voranzugehen, wenn es bequem ist und der richtige Zeitpunkt gekommen ist, denn das tun alle,”, sagt Pierce. "Es ist einfach, Geld in die Hand zu nehmen, damit man selbst gut da steht. Aber das bedeutet nicht, dass es die Person verändert oder verändert, wer man ist"

Viele NBA-Besitzer setzen in der Tat ihr Geld so ein, wie sie es in ihren Tweets suggerieren. Mark Cuban (Dallas Mavericks), Vivek Randive (Sacramento Kings), Jeanie Buss (Los Angeles Lakers) und Marc Lasry (Milwaukee Bucks) unterstützen im Allgemeinen fortschrittliche Kandidaten und Anliegen und haben sich in Fragen der sozialen Gerechtigkeit geäußert. Aber die NBA besteht nicht nur aus Cuban und Lasry oder LeBron James oder Jaylen Brown oder Steve Kerr oder Doc Rivers, egal wie oft diese Stimmen gehört werden. Die wahre Macht der Liga liegt bei den kollektiven Milliardären, die sie leiten - vor allem, wenn es darum geht, ihren eigenen Kreis zur Verantwortung zu ziehen.

So steht die NBA jetzt vor einer weiteren Prüfung ihres kollektiven Gewissens: was sie mit Sarver machen soll. Das gab es natürlich schon einmal: 2014, als der langjährige Clippers-Besitzer Donald Sterling nach rassistischen Äußerungen lebenslang gesperrt und zum Verkauf des Teams gezwungen wurde. Dieser Fall war eindeutig und klar: Sterlings Äußerungen wurden aufgezeichnet und öffentlich bekannt. Seine Spieler drohten damit, ein Playoff-Spiel zu boykottieren. Sponsoren flüchteten.

Ergeht es Robert Sarver wie Donald Sterling?

Bis heute gibt es keine Drohungen oder Boykotte, die die Suns betreffen, und keine geheimen Tonbänder von Sarver. Nur die Erinnerungen von mehr als 70 aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern, die meisten von ihnen anonym. Aber diese Interviews zeichnen ein klares Bild. Eines, von dem man erwarten würde, dass es von den Ermittlern der NBA bestätigt wird. Und das Ergebnis sollte ebenso offensichtlich sein.

“Die Botschaft muss klar sein, dass das nicht akzeptabel ist,” sagt Thomas. “Und ich persönlich denke, dass Sarver rausgeschmissen werden sollte.Alles andere, so Thomas, würde die Bemühungen der NBA um soziale Gerechtigkeit zunichte machen.

Thomas fügt hinzu: "Man muss eine klare Position einnehmen, und das wird das Erbe von Adam Silver bestimmen und beeinflussen.

Die Untersuchung läuft. Ein abschließender Bericht könnte noch Wochen oder Monate auf sich warten lassen.

Wenn es allein nach Silver ginge, so Elmores Theorie, dann würde Sarver sicherlich mit der gleichen Schnelligkeit und Gewissheit aus dem Amt gejagt werden wie Sterling. Aber Silver ist nicht die NBA, und die NBA ist nicht die rein fortschrittliche Institution, als die sie sich oft ausgibt.

Wenn sich die Anschuldigungen gegen Sarver als wahr erweisen, kann sein früheres Auftreten für soziale Gerechtigkeit nur als Fälschung angesehen werden. Und wenn die NBA ihm erlaubt zu bleiben, kann man auch den Rest ihrer Aussagen abtun.

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