Basketball

Currys Transformation: Ungeahnte Fähigkeiten lassen Konkurrenz zittern

Die Golden State Warriors haben völlig unerwartet einen neuen Defensivkünstler. Stephen Curry beweist in dieser Saison ungeahnte Stärken. Die Warriors werden dadurch zu einer noch größeren Bedrohung für die Konkurrenz. 

Stephen Curry in der Defensive
Stephen Curry in der Defensive
Die Saison 2021-22 gleicht für die Warriors und Steph Curry bisher einer fantastischen Reise in die Vergangenheit. Golden State ist auf dem besten Wege zum fünften Mal in der Ära Steve Kerr die beste Bilanz in der Western Conference zu erzielen. Die Warriors sind das einzige Team, das sowohl in der Offensiv- als auch in der Defensivwertung unter den ersten Drei liegt. Darüber hinaus hat kein Team eine bessere Heimbilanz.
 
Superstar Curry gilt als einer der Favoriten auf den MVP-Titel. Stand jetzt sollte er die 400-Würfe-Marke mit Leichtigkeit übertreffen. Doch das Déjà-vu der Warriors beinhaltet einen bemerkenswerten Unterschied: Der beste Schütze der NBA-Geschichte entwickelt sich gerade zu einem wichtigen Defensivspieler.

Zu Beginn seiner Karriere wäre eine solche Vorstellung wohl als wahnwitzig tituliert worden. Damals wog Curry 181 Pfund, und die gegnerischen Teams jagten ihn bei Switches und Post-Ups. In seiner zweiten Saison sorgte er mit einer Foulquote von 3,9 % für die sechstschlechteste Leistung unter allen Guards. In seinen ersten Spielzeiten war es üblich, den verteidigenden Curry zu suchen.

Stephen Curry in den Finals 2016 ohne Chance gegen LeBron James und Kyrie Irving

Allerdings reifte Curry während der Golden-State-Dynastie zu einem passablen Verteidiger. In den Saisons 2014-15 und 15-16 erreichte er Defensivwerte unter 100 und erzielte über beide Spielzeiten insgesamt 332 Steals (Liga-Bestwert). Curry drang dabei wiederholt in die gegnerischen Passwege ein und perfektionierte das Umschaltspiel. Dennoch war er in den 2016 Finals gegen Cleveland ein ständiges Ziel für Switches. Einen Großteil der Serie wurde er deshalb von LeBron James und Kyrie Irving gejagt. 

Die Beiden zählen natürlich zu den größten Offensivstars ihrer Ära. Weshalb es ungerecht wäre, Curry zu harsch zu kritisieren. Zumal er in den Finals eine historische Offensivlast zu tragen hatte. Eine schwächere Defensivleistung ist da nur die logische Konsequenz. Aber unabhängig von den damaligen Umständen lässt sich der heutige Curry von niemandem mehr herumschubsen.

"Ich denke, er sieht körperlich stärker aus als jemals zuvor", erklärt Warriors-Trainer Steve Kerr. "Wenn man ihn jetzt ansieht, ist er viel stärker als vor sieben oder acht Jahren; er ist viel besser in der Lage, sich durch Screens durchzukämpfen und gegen größere Jungs zu bestehen."

Stephen Curry verteidigt besser denn je
Stephen Curry verteidigt besser denn je.
Credit: Getty Images
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Curry befindet sich inmitten seiner besten Defensivsaison. Mit 96,9 Punkten erreicht er derzeit den besten Wert seiner Karriere und rangiert sowohl bei den Steals als auch Deflections unter den Top 20 der Liga. Selbst in den kleineren Duos von Golden State verteidigt Curry derzeit erfolgreich. Curry und Gary Payton II, der beste Verteidiger im Basketball, lassen nur 81,9 Punkte pro 100 Spielzüge zu. Curry und Damion Lee kommen auf eine Defensivquote von 92,6, und das Duo Curry-Jordan Poole kommt mit einer Defensivquote von 101,9 auf ein Plus von 15 Punkten pro 100 Spieleinsätze. Curry mit einem anderen Small Guard zu kombinieren, wurde bisher von Golden State tunlichst vermieden. In dieser Saison funktioniert eine solche Zusammenstellung plötzlich.

Curry: "Ich war schon immer ein Spätzünder auf allen Ebenen"

Speziell Currys verbesserter Körperbau ist der Schlüssel zu seiner beeindruckenden Defensivleistung. Er ist nun in der Lage, größere Guards und Wings bei ihren Läufen zum Korb effektiv abzuwehren. Nets-Star James Harden gehörte zu den Spielern der Liga, die Curry jagten. Selbst Gelegenheitsfans kennen das Spiel aus dem letzten Jahrzehnt. Harden sorgte für einen Wechsel am Spielfeldrand und nutzte dann seinen Größenvorteil, um entweder über Curry zu steigen oder sich den Weg zu einem Layup oder Foul zu bahnen. Curry wehrte sich in diesen Phasen zwar nach Kräften, aber oft vergeblich. Nun wurde der Spieß umgedreht.

Doch Currys Sprung geht über seine Arbeit als Isolationsverteidiger hinaus. Er wird sogar sporadisch als Pick-and-Roll-Drop-Verteidiger eingesetzt, eine Position, die ihm mehr liegt, als man denken würde. Curry ist ein hervorragender Stepptänzer zwischen einem ankommenden Ballhandler und einem abtauchenden Rollman, wobei er sich eine Seite aus Draymond Greens Spielbuch abgeschaut haben dürfte. Curry kämpft sich durch Screens wie nie zuvor. Wenn er sich nicht fallen lässt, ist er sogar eine Gefahr für die gegnerischen Point Guards. Der Curry von heute ist weit entfernt von dem schmächtigen Jungen, der vor zwölf Jahren in die NBA kam.

"Ich war schon immer ein Spätzünder auf allen Ebenen", sagt Curry. "Ich habe mich also bewusst bemüht, jede Saison zu nutzen, größer zu werden und besser in Form zu kommen."

Currys Transformation macht sich auch in der Offensive bemerkbar

Die stärkere Version von Curry macht sich auch außerhalb der Defensive bezahlt. Der dynamische Point Guard muss jeden Abend eine Menge einstecken, wenn er sich einem Schwarm von Verteidigern gegenübersieht, die ihn anrempeln, packen und schubsen, während er um eine Vielzahl von Screens herumtanzt. Die nächtliche Aufmerksamkeit führt zu einer natürlichen Abnutzung, ganz zu schweigen von einem erhöhten Verletzungsrisiko. Nachdem er zu Beginn seiner Karriere mit einer Reihe von Knöchelverletzungen zu kämpfen hatte, ist Curry nun besser gerüstet, um die Strapazen einer Saison zu bewältigen, die durchaus bis in den Juni hineinreichen könnte.

"Die Aufmerksamkeit der Verteidigung, die Spielminuten und die Belastung, die ich trage, erfordern eine abgestimmte Aktion und die Konzentration auf meinen Körper", erzählt Curry. "Das braucht es, um Jahr für Jahr auf hohem Niveau zu spielen."

Curry fühlt sich an die goldenen Jahre erinnert 

Ein Hauch von Nostalgie schwingt bei den Warriors im Moment generell mit, auch wenn Klay Thompson nach Kreuzband- und Achillessehnenverletzungen weiterhin ausfällt. Jeder Auftritt von Curry löst unabhängig vom Spielort eine Welle der Bewunderung seitens der Fans aus. Und auch Green genießt eine Saison der Rückbesinnung, wodurch eine Wahl zum Defensivspieler des Jahres möglich erscheint. Selbst Curry erinnert diese Saison "sehr an die Jahre 2014-18."

Sein Teamkollege Jordan Poole unterstreicht nochmals die enorme Bedeutung des Superstars: "Wir alle wissen, welche offensive Schlagkraft Steph uns gibt", sagt Poole. "Aber den besten Werfer der Liga zu haben, der sich in der Defensive durchsetzt, gibt uns so viel Energie. Das gibt uns Leben." 

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