Tennis

Wimbledon-Geheimnis: Keiner weiß, warum die goldene Ananas auf dem Pokal thront

Es geht wieder um die goldene Ananas. Denn, wussten Sie's? Auf der Wimbledon Trophy, der begehrtesten Trophäe im Herrentennis, thront ganz oben eine Ananas. Warum? Genau weiß das auch in Wimbledon niemand. Unsere Kunstkritikerin nimmt den Pokal unter die Lupe.

Roger Federer 2009 mit Wimbledon Trophy
Credit: Getty Images
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DIE SPRICHWÖRTLICHE „goldene Ananas“ – ein seltsam fruchtiges Synonym für einen Trostpreis – will im deutschen Sprachraum kein Sportler mit Ambitionen gewinnen. Anders ist das im englischen Wimbledon. Denn obwohl man den Stadtteil im Londoner Südwesten in puncto Obst eher mit sahnegeküssten Erdbeeren assoziiert, spielt eine kleine, tatsächlich vergoldete Ananas eine zentrale Rolle beim alljährlichen Grand-Slam-Turnier.

Wer den Pokal der Männer (auf dem Foto unten: Björn Borg bei seinem Sieg 1978) genau betrachtet, entdeckt die filigran gearbeitete Frucht ganz oben auf der Spitze. Das ist ein wenig kurios, denn formal hat die ungefähr kegelförmige Ananas mit ihren Stachelblättern rein gar nichts mit der streng reglementierten Kugeligkeit eines Tennisballes oder den akkurat gezogenen Linien eines Rasenplatzes zu tun. Sie sticht aus der Designgeschichte von Sporttrophäen heraus wie ein Punk mit bunt gefärbtem Irokesenschnitt zwischen den adretten weißen Tennisleibchen von Wimbledon. 

Vor Roger Federer war der Center Court von Wimbledon sein Wohnzimmer: Björn Borg 1978 mit der Wimbledon Trophy. Insgesamt konnte der Schwede das Turnier fünfmal gewinnen
Credit: Getty Images
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Noch kurioser: Selbst der All England Club, der das Turnier seit 1877 ausrichtet, kann die Südfrucht-Präsenz nicht wirklich erklären. „Ja, das ist eine Ananas auf der Spitze“, heißt es auf der Website der Championships, „und nein, niemand scheint genau zu wissen, was sie da zu suchen hat.“

Die plausibelste Erklärung ist, dass die Delikatesse, die Christoph Kolumbus von seinen Eroberungszügen aus der „Neuen Welt“ nach Europa brachte, im kühlen England Ende des 19. Jahrhunderts schwer aufzutreiben war. Wer eine serviert bekam, ob als Nachtisch oder Sportprämie, musste sich diese Ehre schon durch besonders adlige Geburt oder eine unwiderstehliche Vorhand verdienen. Die Ananas wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts im großen Stil importiert.

Die Männer spielen um die Ananas, die Frauen um einen autoreifengroßen Teller

Zu dieser Zeit nistete sie sich auch als Motiv in Stillleben europäischer Maler ein, bei Henri Matisse, Oskar Kokoschka oder Suzanne Valadon. Sie hat eine expressive, grafische Form, die mit ihrer Blätterkrone jeden Obstkorb dominiert.

Bis heute muss man für den Erhalt der Wimbledon-Trophy nicht nur hervorragend Tennis spielen, man muss auch ein Mann sein. Die Frauen bekommen für einen Finalsieg nämlich das „Venus Rosewater Dish“, einen verzierten, autoreifengroßen Edelmetallteller, der an die Meisterschale der Fußball-Bundesliga erinnert. Daher gleichen die Wimbledon-Triumphfotos mit Siegerin und Sieger einem Trophäen-Wettrüsten mit Neid-Potenzial. Meine Schale ist größer als dein Pokal! Dafür habe ich ein geheimnisvolles Bromeliengewächs obendrauf!

Die Wimbledon-Trophäen nebeneinander: das Venus Rosewater Dish (r.), das die Siegerin bekommt, und, mit der goldenen Ananas, der Pokal für den Sieger, der einfach nur "Gentlemen's Singles Trophy" heißt
Credit: Getty Images
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Vor Kurzem ging der Wimbledon-Pott der Männer sogar außerhalb der Turniersaison durch die Medien. Dem früheren Grand-Slam-Sieger Boris Becker wurde in seinem Insolvenzverfahren vorgeworfen, eine Wimbledon-Trophäe von 1985 bei der Angabe seiner Besitztümer unterschlagen zu haben. Der ehemalige Tennis-Liebling, der zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, hatte darauf bestanden, nicht zu wissen, wo sich das Objekt befindet. Außerdem handele es sich lediglich um eine verkleinerte Nachbildung, denn seit 1886 darf kein Sieger mehr den Original-Pokal mit nach Hause nehmen. Die Traurigkeit darüber dürfte sich jedoch in Grenzen halten, denn diese goldene Ananas ist alles andere als ein Trostpreis. Schließlich bekommt jeder Wimbledon-Sieger zusätzlich um die zwei Millionen Euro.

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