Tennis-Star Darja Kasatkina: "Ich möchte die Freude auf dem Platz zurück"
- WTA-Profi Darja Kasatkina im exklusiven Interview
- Kasatkina über Grand-Slam-Titel, mentalen Druck und einen neuen Tennisschuh
- Darja Kasatkina: "Ich will den Spaß am Tennis wiederfinden"
Sports Illustrated: Wir führen dieses Gespräch Ende November – treffen wir Sie gerade in der Offseason an? Wie verbringen Sie Ihre Tage aktuell?
Darja Kasatkina: Die Offseason ist schon wieder vorbei, ich bin zurück im Training und bereite mich auf die neue Saison vor. Deshalb stehen täglich Tennis- und Fitnesseinheiten auf dem Plan. Ich habe noch einige Wochen Vorbereitung vor mir, um eine solide Fitnessbasis aufzubauen. Jetzt beginnt die richtige Arbeit wieder.
Sports Illustrated: Die WTA-Tour wirkt momentan extrem ausgeglichen, viele unterschiedliche Spielerinnen gewinnen Grand Slams. Wie nehmen Sie das wahr?
Kasatkina: Das Level ist brutal hoch. Ich bin jetzt in meiner zwölften vollen Saison auf der Tour, und man merkt mit jedem Jahr, wie die Leistungsdichte wächst. Es gibt keine leichten Matches mehr. Selbst gegen Newcomerinnen oder vermeintlich niedrig platzierte Spielerinnen muss man voll da sein – körperlich wie mental. Um mithalten zu können, muss ich immer mein Leistungsmaximum abrufen.
Sports Illustrated: Ist es in so einer offenen Phase gefühlt schwieriger oder leichter ein Grand Slam zu gewinnen?
Kasatkina: Ein Grand Slam zu gewinnen kann niemals einfach sein, das ist die Krönung im Tennis und die größte Herausforderung unseres Sports. Aber: Früher, als Serena Williams alles gewonnen hat, schien die Tür für andere verschlossen. Die hat sich jetzt ein Stück geöffnet. Wenn so viele unterschiedliche Spielerinnen die Slams gewinnen, kommt dir schon der Gedanke: „Warum sollte ich nicht die nächste sein?“ Das motiviert ungemein. Aber klar: Es bleibt brutal schwer. Selbst die besten Spielerinnen gewinnen vielleicht fünf Turniere im Jahr – das zeigt, wie hart der Wettbewerb ist.
Sports Illustrated: Führt das als Spielerin automatisch zu höheren Erwartungen an sich selbst?
Kasatkina: Ich habe diesen Fehler in der Vergangenheit gemacht. Ich bin jetzt 28, war einige Jahre auf der Tour und habe gelernt: Diese Erwartungen existieren eigentlich nur in unseren Köpfen. Wir neigen dazu, uns selbst Druck zu machen. Aber am Ende ist Tennis nur ein Spiel, ein Match, das man gewinnen möchte. Ich versuche, mich von Druck und Erwartungen zu lösen.

Sports Illustrated: Wie wichtig ist Ihnen Ihre Weltranglistenposition?
Kasatkina: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir egal ist. Über das Ranking kommt man in Turniere rein, es entscheidet über die Setzliste. Es ist aber nicht alles. Viel entscheidender ist, wie man sich auf dem Platz fühlt. Wenn man sich schlecht fühlt, hilft auch ein gutes Ranking nichts – man wird nicht gut spielen. Aber wenn man sich gut fühlt und Matches gewinnt, verbessert sich das Ranking automatisch. Es ist also eher ein Nebenprodukt harter Arbeit und guter Leistung.
Sports Illustrated: Wie weit entfernt fühlen Sie sich aktuell von den absoluten Top-Spielerinnen?
Kasatkina: Wenn man nur mein letztes Jahr betrachtet, dann ziemlich weit. Tennis verändert sich schnell, das kann in ein paar Monaten schon wieder ganz anders sein. Ich habe aber auch verstanden: Es bringt nichts, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Man muss besser sein als sein früheres Ich, nicht besser als jemand anderes. Dieser Vergleich erzeugt nur unnötigen Druck. Ich will wieder mehr Freude auf dem Platz empfinden – das ist mein Ziel.
Sports Illustrated: Das müssen Sie erklären.
Kasatkina: Ich vermisse die Zeiten, in denen ich wirklich Spaß auf dem Platz hatte. Natürlich ist der Profisport hart, es gehört ein gewisses Maß an Leiden dazu. Aber wenn der Spaß komplett fehlt, funktioniert es nicht mehr. Ich möchte wieder das Gefühl der Freude zurückhaben, das ich hatte, als ich als Kind mit dem Tennis begonnen habe. Das hat für mich jetzt Priorität.
Sports Illustrated: War das der Grund dafür, dass Sie Ihr Tennisjahr 2025 früher beendet haben?
Kasatkina: Auch. Ehrlich gesagt hätte ich schon früher auf meinen Körper und meinen Geist hören sollen. Als ich es dann tat, war es fast schon zu spät – mein Kopf hat regelrecht geschrien. Die Signale waren schon lange da: Erschöpfung, mentale Müdigkeit, Veränderungen im privaten Umfeld, die Lage in der Welt – all das hat sich über Jahre aufgestaut. Und dann noch der tägliche Anspruch, ständig Leistung zu bringen. Irgendwann ging es einfach nicht mehr. Ich musste ehrlich zu mir sein und sagen: „Dash, du brauchst eine Pause. Und du hast sie verdient.“
Sports Illustrated: Hat Ihnen die Auszeit geholfen?
Kasatkina: Absolut. Ich fühle mich mental viel besser. Ich spüre schon jetzt, wie wichtig und notwendig dieser Schritt war.

Sports Illustrated: Wir führen dieses Gesprächs im Rahmen des Launches des neuen Adidas Barricade. Was verbinden Sie mit dem Schuh?
Kasatkina: Sehr viel. Der Barricade war mein allererster professioneller Tennisschuh. Ich war zehn Jahre alt, als ich ihn zum ersten Mal ein Barricade-Modell hatte. Das weckt beim Tragen natürlich nostalgische Gefühle. Für meine Füße ist der Schuh perfekt, ich hatte nie Probleme damit, bin Fan des Designs. Wenn ich in diesem Schuh viele Turniere gewinne: Umso besser.
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