Tennis-Ass Eva Lys: Trotz Autoimmun-Krankheit auf dem Weg in die Top 30
- Tennis-Spielerin Eva Lys im Sports-Illustrated-Interview
- Deutschands beste Spielerin auf dem Weg in die WTA-Top-30
- Eva Lys in Ukraine geboren - lebt seit Kindheit in Hamburg
Es ist einer der ersten wärmeren Tage in diesem Jahr. In Hamburg scheint Ende März endlich die Sonne. Beim Club an der Alster am Rothenbaum werden gerade die Außenplätze für die neue Tennis-Saison vorbereitet.
Eva Lys, seit ein paar Monaten Deutschlands beste Tennisspielerin, kommt gerade vom Training in der Traglufthalle. Der Club in Hamburg ist ihre sportliche Heimat. Sie spielt hier hin und wieder Bundesliga-Tennis, aber trotz der großen Verbundenheit zu Hamburg: Lys, 23, ist jetzt endgültig in der großen, weiten Tennis-Welt angekommen.
Noch vor Kurzem hat sie in Miami aufgeschlagen, davor stand sie in Indian Wells, einem der wichtigsten Turniere im internationalen Tennis-Zirkus, auf dem Platz. Gestern USA, heute Hamburg, morgen Abflug zu einem kleineren 125er-Turnier.
Lys ist gut gelaunt, den Stress merkt man ihr nicht an. Sie ist eine bemerkenswert positive und zugewandte Tennisspielerin. Lys war schon immer so. Und doch spürt man jetzt: Es hat sich etwas verändert seit diesem Wahnsinns-Lauf bei den Australian Open Anfang des Jahres, als sie beim ersten Grand-Slam-Event des Jahres als Lucky Loserin bis in Achtelfinale gestürmt ist – und wenig später zur Nummer eins in Deutschland wurde.
Der Druck ist immer groß, aber die Geduld, die Lys über die Jahre an den Tag gelegt hat, diese Geduld zahlt sich nun aus. Für Lys fühlt es sich an wie eine Befreiung. Peu à peu realisiert sie, was da gerade passiert.

Sports Illustrated: Ist alles schon bei Ihnen angekommen? Sie sind jetzt eine Top-100-Spielerin, plötzlich auch die Beste in Deutschland. Wie konnten Sie diese großen Veränderungen der vergangenen Monate verarbeiten?
Eva Lys: Es dauert bei mir, bis so was wirklich einsickert. Ich bin jemand, der viel reflektiert – und deshalb realisiere ich auch bewusster, was das bedeutet. Ich habe mein ganzes Leben lang auf die Nummer eins in Deutschland geschaut – und jetzt selbst da zu stehen, ist unbeschreiblich. Klar, ich habe mal im Spaß gesagt, ich hatte Glück, dass Angie Kerber und Andrea Petkovic rechtzeitig aufgehört haben – aber natürlich steckt da auch viel harte Arbeit dahinter. Darüber wird oft zu wenig gesprochen.
Sports Illustrated: In Australien haben Sie sportlich, aber vor allem auch finanziell einen großen Sprung gemacht. Wie sehr erleichtert das Ihr Tennisleben?
Lys: Im Moment selbst, in dem du gewinnst, denkst du da nicht dran – da fließen einfach Emotionen. Aber danach realisierst du: Okay, jetzt kann ich viel entspannter planen. Tennis ist ein teurer Sport – Reisen, Team, Trainingsbedingungen. Durch das Preisgeld bin ich für dieses Jahr gut abgesichert. Aber es geht auch darum, nachhaltig zu planen, nicht nur kurzfristig. Ein weiteres Teammitglied für das ganze Jahr zu finanzieren, da bin ich noch nicht ganz. Aber: Es ist ein Schritt in Richtung weiterer Professionalisierung.
Sports Illustrated: Wie hat sich Ihr Standing auf der Tour verändert? Im Locker Room, bei den Kolleginnen?
Lys: Intern ist es tatsächlich ziemlich gleich geblieben. Ich habe schon immer viel Zuspruch bekommen, auch von Spielerinnen, die besser sind als ich. Ich bin jemand, der selbst immer zuerst den Menschen sieht, nicht den Tennisspieler. So empfinde ich das jetzt auch bei den meisten von meinen Mitstreiterinnen auf der Tour. Vielleicht hat sich die Wahrnehmung auf mich von außen verändert – medial, öffentlich. Aber auf der Tour selbst ist es für mich so wie immer, und das finde ich schön.
Viele wissen nicht, auch weil sie jahrelang ein bisschen im Schatten der goldenen deutschen Generation um Kerber und Petkovic stand: Lys, die in Kyjiw geboren wurde und im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern nach Hamburg zog, hat einen harten Weg hinter sich. Ein Weg, der auch viel sportliches Scheitern beinhaltete. Jahr für Jahr versuchte es die aktuelle Nummer 68 der Frauen-Weltrangliste, sich für das Hauptfeld der großen Grand-Slam-Events zu qualifizieren. Immer wieder stand Lys dicht vor dem Ziel. Um dann doch wieder auszuscheiden.
Die sogenannten Qualies sind elende Mühlen. Drei Runden muss man überstehen. Wer alle drei Matches gewinnt, schafft es in den elitären Zirkel des Hauptfeldes. Die Qualifikationsturniere haben etwas Pures an sich. Hier spielen sich die kleinen Dramen ab. Es ist ein gnadenloser Ausscheidungswettkampf. Viele Profis, die selten im Rampenlicht stehen, begegnen sich hier immer wieder. Es ist so ein bisschen die 2. Liga im großen Tennis. Wer dann aber sämtliche "Dog Fights" gewinnt, kann sich nicht nur über viel Geld freuen, sondern auch über mediale Aufmerksamkeit. Lys überstand 2024 drei von vier Qualies. Der Lauf bei den Australian Open war dann auch eine Bestätigung für immer besser werdende Leistungen. Die Wettkampfhärte hat sich Lys aber eben schon lange davor geholt.

Sports Illustrated: Wie groß sind die Widerstände, die Sie überwinden mussten, um jetzt so gut dazustehen?
Lys: Extrem groß. Die Qualies sind mental brutal. Die Luft wird am Tag vor dem ersten Match so dick – alle wissen, wie viel auf dem Spiel steht. Für viele ist das die eine Chance, sich monatelang oder sogar das ganze Jahr abzusichern. Und das Niveau ist hoch. Ich glaube, es gibt Spielerinnen, die im Hauptfeld sind, die würden die Quali nicht überstehen. Es ist ein echter Kampf. Entweder du frisst, oder du wirst gefressen. Ich habe gelernt, mit einem kühlen Kopf da reinzugehen. Nicht zu verkrampfen, nicht zu viel zu wollen – das ist mein Schlüssel.
Was für Lys bei ihrem Kampf auf dem Weg nach oben erschwerend hinzukommt: Sie leidet an Spondyloarthritis, einer entzündlichen rheumatischen Erkrankung. Mit dieser körperlichen Beeinträchtigung muss sie viel stärker auf ihren Körper achten als andere, deswegen geht die Entwicklung bei ihr vielleicht nicht ganz so schnell. Von ihren sportlichen Träumen lässt sie sich deshalb aber nicht abbringen. "Ich habe mir lange überlegt, ob ich meine Krankheit bekannt mache, denn sie soll keine Entschuldigung für verlorene Matches sein", sagte sie einmal. Wie sehr sie manchmal wirklich leidet, das wissen nur ihre Familie und die engsten Freunde.
Sports Illustrated: Sie leben als Tennisprofi mit einer Autoimmunkrankheit. Wie geht es Ihnen derzeit und wie sehr bestimmt die Erkrankung Ihre Saisonplanung?
Lys: Ich bin aktuell sehr zufrieden mit meinem körperlichen Zustand. Natürlich gibt’s Tage, an denen ich mich schlechter fühle, aber ich habe gelernt, besser damit umzugehen – zu wissen, wann ich einfach mal einen Gang zurückschalten muss. Die Turnierplanung ist eng mit meinem Körpergefühl verbunden. Wenn ich merke, mein Immunsystem schwächelt oder es kündigt sich etwas an, lassen wir lieber ein Turnier aus oder reisen später an. Das ist ein ständiger Balanceakt für mein ganzes Team. Ziel ist, dem Körper gar nicht erst die Gelegenheit zu geben, in einen Schub zu rutschen.
Sports Illustrated: Und wenn es doch zu einem Schub kommt: Wie gehen Sie damit um?
Lys: Für mich ist das kein schwarzer Tag. Es ist einfach ein Tag, an dem ich kein Training machen kann, weil manche Bewegungen zu schmerzhaft sind. Ich bleibe dann ruhig, passe mein Programm an. Es hilft, das nicht zu dramatisieren.
Ende Mai startet in Paris das zweite Grand-Slam-Turnier des Jahres. Lys muss bei den French Open nicht mehr durch die kräftezehrende Qualifikation. Sie startet im Stade de Roland Garros aufgrund ihres Rankings erstmals vom Hauptfeld aus in das Event. Es ist der Lohn für die vielen Jahre der Schufterei.
In Paris wird auf Sand gespielt. Eigentlich nicht ihr Lieblingsbelag. Andererseits: Lys nimmt den Ball früh, ist aggressiv und returniert gut. All diese Dinge braucht man, um auch auf dem etwas langsameren Sand zu überleben und erfolgreich zu sein. Ihr Biss, das Selbstbewusstsein und die daraus immer wieder entstehende neue Energie können ihr, wie in Melbourne, vielleicht dabei helfen, erneut für Aufsehen zu sorgen und in der Weltrangliste weiterzuklettern. "Ich möchte die Top 30 anpeilen", hat sie zuletzt in Miami gesagt. Es ist diese besondere Form der Kühnheit, die Eva Lys ausmacht. Als Mensch und als Tennisprofi.
Mit dem Sports Illustrated-Chefredakteurs Newsletter erhalten Sie aktuelle Sport-News, Hintergründe und Interviews aus der NFL, der NBA, der Fußball-Bundesliga, der Formel 1 und vieles mehr.
Mehr Sport-News
Michael Schumachers folgenschwerer Skiunfall ist mittlerweile elf Jahre her. Aber noch immer ist Schumi einer der erfolgreichsten Rennfahrer in der Geschichte der Formel 1. Das waren die größten Grand-Prix-Siege von Michael Schumacher in der Königsklasse.
Julian Nagelsmann ist neuer Bundestrainer von Deutschland. Zuvor war er Trainer des FC Bayern München. Doch wie verlief seine Karriere bislang? Welche Titel hat er gewonnen? Wer ist seine Freundin? Wie hoch ist sein Gehalt? Alle Informationen gibt's hier.
Den NFL Game Pass könnt Ihr jetzt bei Prime Video buchen. DAZN und Amazon sind eine neue Partnerschaft eingegangen, damit die NFL-Fans in Deutschland alle Spiele auch bei Prime Video schauen können. So viel kostet der NFL Game Pass.


