Tennis

Das deutsche Tennis in der Krise: Warum Alexander Zverev allein zu wenig ist

Hinter Zverev klafft eine große Lücke: Deutschlands Tennis verliert den Anschluss an die Weltspitze. Ex-Profi Philipp Kohlschreiber erklärt in seinem Kommentar, woran das liegt – und was sich ändern muss, damit wieder mehr Spieler den Sprung nach oben schaffen.
 

Philipp Kohlschreiber
Credit: ATP Tour
  • Zverev bleibt die einzige deutsche Konstante auf der ATP-Tour 
  • Fehlende Nachwuchsarbeit und veraltete Strukturen bremsen die Entwicklung
  • Philipp Kohlschreiber fordert im Gastkommentar klare Identität und moderne Trainingszentren

Es ist ein schrittweiser Abstieg – und das schon seit Jahren: Das deutsche Tennis entfernt sich immer weiter von der Weltspitze. Denn abgesehen von Alexander Zverev haben wir keine Spieler mehr, die konstant auf höchstem Niveau auftreten. Hinter Zverev klafft ein großes Loch. Zwar verfügen wir mit Jan-Lennard Struff, Daniel Altmaier und Yannick Hanfmann über gute Profis, sind aber in der Breite zu schwach. Zwischen ATP-Rang 100 und 200 findet man kaum deutsche Spieler. Bei den Frauen sieht es noch ernüchternder aus: Seit dem Karriereende von Angelique Kerber steht keine Deutsche mehr in den Top 20.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Es wäre zu kurz gegriffen, allein den Verband verantwortlich zu machen. Häufig fehlt es Spielern und Eltern an Kompromisslosigkeit und Ehrgeiz. Zudem haben sich die Strukturen über Jahre kaum verändert. Das Konkurrenzdenken zwischen Verband und Heimtrainern blockiert Fortschritt- entscheidend wäre eine gemeinsame Ausrichtung.

Alexander Zverev
Credit: Getty Image
x/x

Fehlende Identität und alte Strukturen bremsen das deutsche Tennis

Außerdem sollte man sich die Frage stellen: Wofür steht das deutsche Tennis eigentlich? Andere Nationen haben eine klare Identität. Die Spanier sind berühmt für Beinarbeit und Zähigkeit, die US-Amerikaner für ihren unerschütterlichen Glauben. Deutschland wirkt diffus – mal Sandplatz-, mal Hartplatznation, am Ende von allem ein bisschen. Hier braucht es Klarheit: eine Spielphilosophie, die Technik, Akribie oder Härte in den Mittelpunkt stellt – und eine eindeutige DNA, an der sich Spieler orientieren können. 

Entscheidend ist eine klare Linie in der Ausbildung. Dazu braucht es junge, hungrige Trainer, die nah an den Spielern sind, statt Coaches, die seit 30 Jahren unverändert arbeiten. Gefragt sind schlagkräftige Elitezentren, in denen die besten Spielerinnen und Spieler zusammenkommen und sich gegenseitig pushen. Dort müssen Standards gelten: starke Sparringspartner, moderne Infrastruktur, konsequente Athletikarbeit. Ein Blick nach Spanien oder Frankreich zeigt, wie gut Talentförderung in professionellen Zentren funktionieren kann.

Ehemalige Profis wie Andrea Petkovic, Julia Görges, Tommy Haas oder Nicolas Kiefer sollten aktiv eingebunden werden. Ihre Erfahrung kann kein Verbandstrainer ersetzen. Wichtig ist dabei, dass man die Heimtrainer nicht verdrängt, sondern integriert. Vertrauen statt Besitzdenken – das Prinzip muss lauten: „Bring your coach“.

Ein weiterer Schlüssel liegt auch im mentalen Bereich. Denn Tennis ist gnadenlos: Jede Woche verliert man. Nur ein Spieler gewinnt am Ende das Turnier. Wer schon im Juniorenbereich Niederlagen als Lernchance begreift, entwickelt später die nötige mentale Härte. Mentales Training sollte daher bereits bei den 12- bis 14-Jährigen beginnen.

Credit: Lara Kinnman
x/x

Mentale Stärke allein reicht nicht – Deutschland braucht mehr Turniere

Auch eine lebendigere Turnierlandschaft ist entscheidend. Mehr Events im eigenen Land bedeuten Wildcards, Matchhärte und geringere Kosten. Frankreich profitiert von Roland Garros, Italien von einer dezentralen Förderung und Spanien von seiner Tenniskultur sowie Akademien, in denen Idole wie Rafael Nadal tatsächlich präsent sind.

Trotz allem gibt es Hoffnung: Justin Engel besitzt das Potenzial für die Top 10, wenn er fit bleibt und die Rahmenbedingungen stimmen. Bei den Frauen wird es länger dauern, doch mit Ella Seidel ist erstmals wieder eine junge Spielerin in die Top 100 vorgestoßen. Zudem zeigen Talente wie Max Schönhaus, Niels McDonald und Jamie Mackenzie im Juniorenbereich bereits Weltklasseleistungen. Jetzt gilt es, diese Spieler beim Übergang zu den Profis erfolgreich zu begleiten – und dafür zu sorgen, dass viele weitere Talente nachrücken.
 



Mit dem Sports Illustrated-Chefredakteurs Newsletter erhalten Sie aktuelle Sport-News, Hintergründe und Interviews aus der NFL, der NBA, der Fußball-Bundesliga, der Formel 1 und vieles mehr.

NEWSLETTER ABONNIEREN