Tennis

Andrea Petković: Was man aus Niederlagen (nicht) lernen kann

Alle drei Grand-Slam-Finals seiner Karriere hat Alexander Zverev verloren. Wichtig dabei: Die richtige Aufarbeitung. Andrea Petkovic schreibt in ihrer exklusiven Sports-Illustrated-Kolumne über den richtigen Umgang mit dem sinnlosen Verlieren.

Alexander Zverev
Credit: Imago
 

Tolstoi schreibt in „Anna Karenina“: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“ Genauso verhält es sich mit Siegen und Niederlagen. Alle Siege sind in ihrem alles vergessen machenden Glücksmoment einander ähnlich. Es zählt nicht mehr, ob man falsche Entscheidungen getroffen hat oder die Vorbereitung nicht optimal war. Wenn am Ende ein Sieg steht, ist alles andere obsolet. Niederlagen hingegen sind einzigartig wie Schneeflocken oder Daumenabdrücke. Es gibt Niederlagen, die einen Neuanfang einleiten, solche, die jemandes Schicksal besiegeln (von dieser Art scheinen besonders Fußballtrainer betroffen zu sein), welche, die eine einzige falsche Entscheidung bestrafen, oder die schlimmste aller Niederlagen: die sinnlose. Man kann weder etwas aus ihr lernen, noch ist sie für einen Neuanfang gut. 

Diese Art der Niederlage erlitt Alexander Zverev im Finale der Australian Open. Diese Art der Niederlage erleiden viele Bundesligavereine, wenn sie gegen den FC Hollywood, Entschuldigung, gegen den FC Bayern München antreten müssen. Sie passiert einem, wenn die Gegner auf der anderen Seite einfach besser sind. Die Vorhand mehr cross als longline zu spielen, hätte für Alexander Zverev gegen Jannik Sinner an diesem Tag keinen Unterschied gemacht. Und für viele Bundesligavereine hätte es gegen den FC Hollywood, zefix aber auch, den FC Bayern München natürlich, auch keinen Unterschied gemacht, diesen für jenen Spieler aufzustellen. Die Qualität der gegnerischen Seite baut sich vor einem auf wie eine unüberwindbare Wand. In etwa so wie die Felsformation El Capitan in der Kletter-Dokumentation „Free Solo“, die nicht nur gefühlt spaltenlos gerade vor einem aufsteigt, sondern auch noch über einen drüberwächst. 

Der Erkenntnisgewinn nach so einer Niederlage ist mau. Der andere, die andere war besser. Das mag vielen beruhigend erscheinen, als könnte diese Einsicht für einen Frieden mit sich selbst sorgen. Das funktioniert, wenn man wie scheinbar Jannik Sinner unter die Stoiker gegangen ist. Bei vielen anderen sorgt es für einen Knick im Ego. Und mit „viele andere“ meine ich mich. Aber ich glaube nicht, dass ich die Einzige bin. Es ist einfacher, im Post-Niederlagen-Taumel zu denken: Hätte ich dies und das getan, wäre es anders geworden, als akzeptieren zu müssen, dass, egal was man getan hätte, das Resultat das gleiche gewesen wäre. Wozu spielen, rennen, teilnehmen? Da kann man gleich die weiße Flagge hissen. 

Der große Unterschied ist natürlich, dass in einem Mannschafts- und Vereinssport wie Fußball der Grund für den Qualitätsunterschied meist im Außen liegt. Im Budget oder der Vereinsstruktur, in der Stadtgröße oder im Vorstand. Seien wir ehrlich, vor allem im Budget. Man muss also nicht zu tief im eigenen Innen herumgraben. Im Einzelsport andererseits, tja, da ist es um einiges komplizierter. Ist der oder die andere einfach begabter? Die bessere Tennisspielerin, der stärkere Schwimmer? Muss man schlechthin akzeptieren, dass Michael Phelps einen längeren Oberkörper hat und damit Vorteile im Schwimmbecken? Und hilft es einem, sich zu vergegenwärtigen, dass er wenigstens kein Model werden könnte mit den kurzen Beinchen? Ich weiß es nicht.

In der Theorie stellt man sich vor, dass das Akzeptieren der eigenen Grenzen zu einer Art innerem Frieden führt. In der Realität gibt es ewige Talente wie Nick Kyrgios, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, nie ihr volles Potenzial auszuschöpfen, aus purer, selbstzerstörerischer Angst, dass dieses Potenzial an Grenzen stoßen könnte. Es ist einfacher, nicht zu trainieren und nicht zu wissen, als alles zu geben und womöglich einen Endpunkt zu erreichen. Edler ist es nicht. Das Gute am Tennis im Gegensatz zum Fußball ist jedoch, dass sich Leistungslücken ohne Großinvestor schließen lassen. Ganz ohne Investition geht es zwar nicht. Aber sie beschränkt sich auf den Willen und den Ehrgeiz, weiterzumachen. Trotzdem weiter zu probieren, trotzdem weiter zu trainieren, trotzdem weiter zu glauben. Denn das ist das Ding mit Leistungslücken: Im Tennis ändern sie sich wöchentlich. Es sei denn, man ist Stoiker. So wie Jannik Sinner. 



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