Andrea-Petkovic-Kolumne: Wetten, Hass...?
- Hassnachrichten gehören für Petkovic zum Tennis-Alltag
- Sportwetten machen Siege und Niederlagen zum Risiko
- Petkovic vermisst die Beleidigungen heute fast
Es wechselt meist zwischen dem Wunsch, dass mir ein Bein abfiele, und dem Begehren danach, dass meiner Familie etwas zustoße. Manchmal kam es vor, dass mir vorgeschlagen wurde, in die Pornoindustrie zu wechseln, wo ich sicher besser aufgehoben wäre als beim Tennissport. Diese Art von Nachrichten wurde zum Alltag, als Sportwetten ihren Siegeszug antraten. Ob auf Instagram oder Twitter, teils sogar bei LinkedIn: Auf keinem einzigen sozialen Medium war man mehr sicher.
Anfangs war ich geschockt und verletzt: „Wie kann man nur?“ und „Wo ist die Menschheit hingekommen?“. Aber nach einer Weile wurde es Routine, nach einem Match erst mal 20 Minuten Hassnachrichten zu löschen. Es wurde einfacher, als Instagram das Angebot in sein Sortiment aufnahm, dass man zusätzlich zu dem einen Hassaccount auch alle weiteren mit der Person assoziierten Accounts blockieren konnte. Daraufhin verschwanden persönliche Nachrichten à la „STIRB“ in Masse, und man verlor nicht mehr so schnell den Überblick.
Ich begann außerdem, die Nachrichten, die etwas Kreativität zeigten (wie besagte Industriewechsel-Vorschläge), wertzuschätzen und umherzuzeigen, die lustigen amüsierten mich. Das waren jedoch die Ausnahmen. Die Regel waren Nachrichten voller Rechtschreibfehler und Grammatikgemetzel – und so beleidigten sie mich gleich doppelt, als Tennisspielerin und als Autorin. Als Mensch? Na ja. Vielleicht zu Beginn, aber es bedarf schon ein wenig mehr als Beschimpfungen von Oleg aus Sibirien.
Viele denken, dass man als Sportler solche Nachrichten nur als Folge bitterer Niederlagen erhält, aber die Wahrheit ist: Man kann es Sportwettern nicht recht machen. Verliert man entgegen der Quote, ist man ein Stück Abfall. Gewinnt man entgegen der Wettquote, hat man es ebenfalls nicht verdient, weiterzuleben. Wetter sind kapriziös wie das Wetter, man kann sie nicht wirklich glücklich machen.

Wie Sportwetten den Hass im Tennis befeuern
Ich verstehe Sportwetten und die Menschen dahinter, wirklich. Im Grunde sind sie aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ich: So wie ich den Sieg oder die Niederlage eines Tennisspiels als den ultimativen Nervenkitzel empfand, so empfinden Wetter den Sieg oder die Niederlage von jemand anderem. Das Geld, das anschließend aufs Konto fließt, sei es Preisgeld oder Wettgewinn, gleicht einander wie ein Ei dem anderen. Wir sind von der gleichen Machart: Der normale Bürojob ist zu langweilig oder zu sehr außer Reichweite, und wieso sollte man Jahre auf Ausbildung und Studium verschwenden, wenn man mit einer einzigen Wendung des Schicksals all seine Probleme gelöst bekommt?
Okay, mag man einwenden, ein Sportler, eine Sportlerin hat immerhin sein oder ihr ganzes Leben dem Training geopfert, um einmal vom Licht des Schicksals angeblickt zu werden, und was hat ein Sportwetter schon getan, außer Drohnachrichten zu verschicken? Und das stimmt, das ist wirklich ein guter Punkt. Meine Textnachrichten sind auch meistens freundlich beleidigend, nicht offensichtlich beleidigend, und wirklich jedes Mal ohne Kommafehler.
Es gibt viele kleine und große Skandale um Sportler und Wetten, besonders im Tennissport. Im Einzelsport manipuliert sich's leichter als in Mannschaften, wobei auch die nicht immun sind. Überall, wo es Geld im Sport gibt, sind die Wetten nicht weit. Ich wurde in meiner Karriere nie angesprochen, ob ich ein Match mit Absicht verlieren könnte. Vielleicht strahlte ich nicht genügend kriminelle Energie aus. Oder aber, das ist die wahrscheinlichere Version: Ich verdiente relativ schnell Geld mit dem Tennisspielen. Die Hassnachrichten bekam ich trotzdem. Irgendwie vermisse ich sie heute. Inzwischen bin ich offenbar niemandem mehr wichtig genug, dass sie sich die Mühen machen würden, mich zu beleidigen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aus dem Sinn, aus der Wette.
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