Tennis

Andrea-Petkovic-Kolumne: Nervenflattern unter Druck keine Frauensache

Versagen Athletinnen unter Druck häufiger als Männer? Andrea Petkovic beschreibt in ihrer Kolumne eigene Erfahrungen, analysiert Geschlechterklischees im Sport und erklärt, warum Nervenstärke im Wettkampf nichts mit dem Geschlecht zu tun hat.

Sports-Illustrated-Kolumnistin Andrea Petkovic
Credit: Getty Images
  • Andrea-Petkovic-Kolumne über Geschlechterklischees im Sport
  • Andrea Petkovic: "Irgendetwas an dieser Frage nervte mich sehr"
  • Ex-Tennisspielerin Petkovic analysiert Drucksituationen im Sport
 

Ich hatte gerade einen 3:5-Rückstand im dritten Satz im Achtelfinale der French Open aufgeholt und das Match noch gedreht, als ich auch schon voll geduscht und halb gedehnt in der Pressekonferenz saß. Es war nicht das erste Viertelfinale meines Lebens bei einem Grand Slam gewesen, aber es war auch nicht so, dass ich das Kaliber Spielerin war, die dies viermal im Jahr erreichte.

Die erste Frage war folgende: "Woran, glaubst du, liegt es, dass Frauen Matches nicht ausserviert bekommen?" Ich nehme an, ich hätte erklären sollen, warum meine Gegnerin es nicht geschafft hatte, zu gewinnen, obwohl sie 5:3 geführt hatte (scheinbar zählte nicht, dass ich den Sack bei 6:5 zugemacht hatte).

Weil ich das weder wusste noch beantworten konnte, haute ich halbseidene Klischees raus. Vielleicht schnaufte ich kurz, bevor ich in meinen Automatismus ging, wahrscheinlich aber nicht. Solche Fragen waren so normal, dass es mir nicht einmal auffiel, wie unangebracht sie waren. Frauen waren dies, Frauen waren das.

Andrea Petkovic: "Dieses Vorurteil wird im Frauensport noch lange eine Rolle spielen"

Aber irgendetwas an dieser Frage nervte mich im Nachhinein so sehr, dass ich – als die Korinthenkackerin, die ich bin – hinging und durchzählte, wie viele Männer und wie viele Frauen in den letzten drei Tagen bei den French Open ihre Matches nicht ausserviert bekommen hatten. Es waren einige, aber nicht so viele, wie man denken würde.

Viel wichtiger: Den Männern gelang es einmal weniger als den Frauen. Zum Glück gewann ich auch mein nächstes Match und marschierte vorbereitet in die Pressekonferenz, um besagten Journalisten zu düpieren. Wenn es um Tennis-Statistiken ging, war ich schon immer unsympathisch gut informiert. Manch einer würde sagen, es war das Einzige, was ich anderen Spielerinnen voraus hatte; Talent war es sicher nicht.

Der Punkt ist nicht, dass Männer öfter Matches nicht ausserviert bekommen als Frauen. Der Punkt ist, dass Nerven im Sport eine Rolle spielen, egal ob du ein Mann oder eine Frau bist. Diese Art von Vorurteil wird im Frauensport noch lange Zeit eine Rolle spielen, und irgendwann, ganz ehrlich, findet man sich damit ab.

Ex-Tennisspielerin Petkovic kämpft gegen Vorurteile an

An manchen Tagen, wenn ich gut gegessen und genügend Proteine ins Frühstück eingebaut habe, kämpfe ich dagegen an. An anderen lasse ich es bleiben.
Auch bei der diesjährigen Fußball-EM der Frauen gab es sexistische Vorkommnisse (wir erinnern uns alle an den inzwischen berühmt-berüchtigten spanischen Kuss vor zwei Jahren bei der WM).

Diesmal waren es "nur" ein paar Beleidigungen hier und da, eine Spielerin, deren Make-up laut einiger Fans eine scheinbar direkte Korrelation zu ihrem Spiel hatte, und die klassischen "Die sieht aus wie ein Mann"-Kommentare.

Es gab außerdem die seltsame Dynamik, dass enorm viele Elfmeter verschossen wurden. Das musste natürlich daran liegen, dass sich Frauen da unten auf dem Feld abmühten. Und auf irgendeine Weise stimmte das auch. Bloß nicht aus dem Grund, der einen auf Anhieb anspringen würde.

Petkovic: "Frauensport wächst – in allen Belangen"

Ich weiß, Sie denken, Frauen sind physisch schwächer, und daran liegt es – oder vielleicht denken Sie heimlich sogar, dass sie auch mental schwächer sind. Es ist verlockend, das anzunehmen, aber deswegen stimmt es noch lange nicht.

Mit der Professionalisierung des Fußballs der Frauen ist auch die Datenlage gewachsen. Die Torhüterinnen haben mehr Zahlen, auf die sie zurückgreifen können, und antizipieren nun häufiger, wohin die Schützin zielen wird. Sie sind außerdem besser trainiert: mehr Explosivität, mehr Sprungkraft, mehr Fun.

Es gibt ein ähnliches Phänomen im Tennis. Wenn die Gegnerin mehr Raum zumacht, beginnt man unbewusst genauer zu zielen, und die Fehlerquote erhöht sich. Coco Gauff hat so die French Open dieses Jahr gewonnen.

Diese EM der Frauen war außerdem die bestbesuchte aller Zeiten, plus die Millionen vor den Fernsehern. Unterm Radar schießt es sich leichter als vor aller Augen. Aber auch daran werden sich die Frauen gewöhnen. Der Frauensport wächst – in allen Belangen. Die Annahme, dass Frauen es mental nicht draufhaben, hoffentlich nicht. Ich bin und bleibe optimistisch.



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