Nach Horror-Sturz: So kämpft sich Ski-Star Aleksander Kilde zurück auf die Piste
- Aleksander Aamodt Kilde feiert nach schwerem Sturz in Wengen sein Comeback
- Der norwegische Ski-Star kämpfte monatelang mit Verletzungen und Komplikationen
- Kilde kehrt verändert zurück – mit Blick auf Wengen, Olympia und Medaillen
Das Video von seinem Sturz hat Aleks Kilde oft gesehen. Das erste Mal im Krankenhaus. Auf der Intensivstation. Gleich nachdem er wieder bei Bewusstsein war. Kilde sah, wie er bei Tempo 145 in der letzten Kurve der Abfahrt von Wengen keinen Druck mehr auf den Ski bekam. Wie es ihn aushebelte, wie er nicht links Richtung Ziel fuhr, sondern gerade aus ins Fangnetz rauschte.
Wie er regungslos liegen blieb, wie Marco Odermatt im Zielraum entsetzt die Hände vor den Kopf schlug. Wie verzweifelte Trainer, wie schockierte Zuschauer für einige Momente um sein Leben bangten.
Sich sofort mit diesen fürchterlichen Sekunden zu konfrontieren, das sei ihm ganz wichtig gewesen, sagt Aleks Kilde. „Ich wollte wissen, was passierte, wie es dazu kommen konnte.“ Und so begann noch an jenem 13.Januar 2024 die Aufarbeitung des Unfalls. So begann eine lange Leidenszeit. Und der langsame und beschwerliche Weg zurück zu seinem Comeback.

Aleksander Aamodt Kilde ist einer der erfolgreichsten Speed-Spezialisten in der Geschichte des alpinen Skisports. Zwölf Siege in der Abfahrt, neun im Super-G, nur fünf Rennläufer kamen in den schnellen Disziplinen auf mehr Triumphe. Maier, Svindal, Eberharter, Paris, Klammer, eine illustre Gesellschaft. 2020 gewann der Norweger den Gesamt-Weltcup, je zweimal am Saisonende die kleinen Kristallkugeln für die Gesamtwertung in Abfahrt und Super-G. Kilde dominierte die Konkurrenz, 2022 und 2023 triumphierte er in den beiden Klassikern von Wengen und Kitzbühel, dieses Double in zwei Jahren hintereinander zu gewinnen, das war keinem anderen seit Franz Klammer 1975 und 1976 mehr gelungen.
Aber dann kam dieser verhängnisvolle Januar-Tag 2024. Im Gespräch schildert Kilde, wie schwach er sich an jenem Morgen gefühlt habe, gezeichnet von den Trainingseinheiten und den Rennen in den Tagen und Wochen davor wie auch von einem Infekt. „Natürlich wäre es viel sinnvoller gewesen, an diesem Tag nicht zu starten, sondern im Bett zu bleiben“, sagt Kilde. „Aber hinterher ist man ja immer schlauer.“ Und so veränderte der Tag sein ganzes Leben.
Die Abfahrt von Wengen gilt als eine der berüchtigtsten Pisten im Skirennsport, manche halten sie für noch schwieriger als die Streif. Minsch-Kante, Canadian Corner, Haneggschuss, die Piste verlangt den Läufern alles ab, gerade auch wegen ihrer knapp viereinhalb Kilometer, es ist die längste Strecke im gesamten Weltcup. Auch Aleks Kilde war schon knapp zweieinhalb Minuten unterwegs, als ihm vor der Zielkurve ganz einfach die Kraft ausging. „Normalerweise ist das kein Problem für mich“, sagt er, aber ich war einfach müde. Ich fuhr mit halb vollem Tank, war bald auf Reserve. Und dann ging mir das Benzin aus.“

Seine Erinnerungen an die Minuten und Stunden danach sind nicht mehr als Bruchstücke. Dass er noch an der Unfallstelle seinem Physio gesagt habe, dass seine Schulter wohl kaputt sei, das weiß er noch. Dann ein kurzer Moment im Hubschrauber. Und dann das Krankenbett in der Klinik in Bern. Immer wieder wachte er auf. Immer wieder fiel er zurück in die Dunkelheit.
Angesichts der Wucht des Aufpralls machte die erste Diagnose noch Hoffnung – eine Fleischwunde in der Wade, eine ausgekugelte Schulter, mehr sei es nicht. Doch dann begannen die Komplikationen, tatsächlich hatte sich Kilde beim Sturz mit dem Ski einen Nerv im Bein durchtrennt, sechseinhalb Wochen kam er daraufhin nur im Rollstuhl voran. Und dann musste auch die linke Schulter wegen zwei gerissener Bänder erneut operiert werden. Zudem fing sich Kilde dort noch eine Infektion ein, die sich zu einer lebensbedrohlichen Sepsis ausweitete, drei Monate war er auf Antibiotika und außer Gefecht.
In jener Zeit habe er oft daran gedacht, nie mehr in den Skirennsport zurückzukehren, sagt Kilde. Er war ja schon 31, hatte viel gewonnen, warum sich das alles noch mal antun?
„Natürlich musste ich keinem mehr etwas beweisen. Und die Karriere zu beenden, das war ein sehr bequemer Gedanke, es wäre ein leichter Ausgang für mich gewesen. Aber dann begann ich allmählich, das Leben als Rennläufer zu vermissen. Den ganzen Winter unterwegs zu sein, den Berg für dich allein zu haben, den Schnee zu spüren und die kalte Luft. Und schnell Ski zu fahren. Deswegen wollte ich auch unbedingt zurück."
Auch weil er nicht als derjenige im Gedächtnis bleiben wollte, den sie reglos von der Piste kratzten. Sondern als einer, der aufrecht unten ankommt. Der selbst darüber entscheidet, wann er ein letztes Mal im Ziel abschwingt.

Eineinhalb Jahre quälte sich Kilde durch die Reha, vor einigen Monaten stand er im August beim Training in Chile erstmals wieder auf Skiern. Doch sosehr er sich über die Trainingsfahrten gefreut habe, so sehr kam bald auch die Ernüchterung. Gerade wegen der eingeschränkten Schulter, die ihn noch immer behinderte – und die er wohl auch für den Rest seines Lebens nie mehr so bewegen und belasten kann wie vor Wengen 2024. „Ich musste erkennen, ich habe eine völlig andere Physis als früher“, sagt Kilde. „Der Körper ist nicht mehr der, den ich kannte.“
Die größte Herausforderung sei gewesen, die Einschränkung zu akzeptieren. Geduldig zu bleiben. Seine Lebensgefährtin war dabei eine große Unterstützung, Mikaela Shiffrin, die erfolgreichste Skirennläuferin der Geschichte, die selbst mit vielen Verletzungen zu kämpfen hatte. Nur zwei Wochen nach dem Sturz ihres Freundes landete auch sie bei der Abfahrt von Cortina im Fangzaun und kam mit dem Hubschrauber in die Klinik, Ende 2024 zog sie sich beim Riesenslalom von Killington schwere Wunden im Bauchbereich zu. Und immer wieder kehrte sie in den Weltcup zurück. „Wenn sich jemand auskennt mit dem Thema Resilienz, dann ist es sie“, sagt Kilde. „Es verging in den letzten 22 Monaten kein Tag, an dem wir nicht darüber sprachen, wie ich mich und wie wir uns wieder zurückkämpfen in den Rennsport. Ich weiß nicht, ob ich all das ohne ihre Hilfe so geschafft hätte.“

Immer wieder wurde auch die Familienplanung zum Thema, allerdings eher unfreiwillig. In einem Podcast hatten Shiffrin und Kilde erzählt, wie sie von vielen Fans gedrängt würden, nach so vielen Rückschlägen endlich aufzuhören mit dem Skifahren, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Aber dass dafür die Zeit noch nicht reif genug sei, sagt Kilde. „Unsere Karriere im Skisport ist sehr kurz und das Leben danach noch sehr lang. Eines Tages wird der Tag kommen, an dem wir sagen: Das war's, jetzt können wir unser Leben weiterplanen. Aber so weit sind wir noch nicht. Noch lange nicht.“ Denn auch Kilde hat noch viel vor.
Und sosehr er am Anfang des Interviews noch davon sprach, dass es ihm erst einmal darum ginge, in dieser Saison zurückzukehren in den Skisport, ohne große Erwartungen, dass ihm Siege und Podiumsplatzierungen überhaupt nicht wichtig seien – so sehr ist dann doch wieder der Rennfahrer aus ihm herauszuhören, als es um die Winterspiele im Februar geht. „Ich fahre da nicht mit, nur um dabei sein. Natürlich will ich um Medaillen kämpfen. Ich bin noch nicht fertig mit dem Skisport.“
Und auch noch nicht fertig mit dem Lauberhorn. „Es mag absurd klingen“, sagt Kilde. „Aber ich liebe Wengen.“ Kilde freut sich auf die Rückkehr Mitte Januar, an einen Ort des Grauens wie auch einen Ort des Triumphs. „Es ist eine komplizierte Beziehung. Ich habe Wengen oft bezwungen, das letzte Mal wurde ich bezwungen. Das möchte ich nicht auf mir sitzen lassen. Jetzt bin ich wieder an der Reihe.“ Wichtig ist nur, dass er dann mit vollem Tank an den Start geht. Dass das Benzin reicht bis zum Ziel.
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