MMA

Bis aufs Blut: Darum erlebt MMA Oktagon so einen unglaublichen Boom

Hunderttausende Fans, Free-TV-Premieren und Millionenumsätze: Die MMA-Promotion Oktagon boomt. Warum ist der Kampfsport so beliebt? Sports Illustrated war zu Besuch bei einem Event in Frankfurt – und ganz nah am Käfig dran.
 

MMA-Kampf
Credit: Sports Illustrated
  • MMA: Eine der schnellstwachsenden Kampfsportarten weltweit
  • Oktagon MMA läuft seit 2024 bei RTL im Free-TV
  • Oktagon treibt den MMA-Boom in Europa voran

„Ohhh!“ mit einem erwartungsvollen Aufschrei schnellen die Zuschauer aus ihren grauen Sitzschalen in der Frankfurter Festhalle. Nahezu jeder der rund 9.000 Menschen im Rund ist plötzlich aufgesprungen und blickt gebannt in Richtung des Käfigs, in dem Fedor Duric seinen verschwitzten rechten Arm eng um den Hals seines Gegners geschlungen hat und ihn mit dem linken Unterarm tiefer in den Würgegriff drückt.

Petru Buzdugan, ein moldawischer Kämpfer und Durics Gegenüber, ist sich – das ist in seinem blutverschmierten Gesicht zu erkennen – ähnlich wie die Zuschauer des Ernstes der Lage bewusst. Doch mit jeder Sekunde, in der Buzdugans Sauerstoff zufuhr abgeschnürt ist, schwinden seine Kräfte.

Mit müden, aussichtslosen Handbewegungen versucht er, sich aus dem Griff zu befreien, irgendwie einen Atemzug zu erhaschen. Sein Gesicht läuft rot an. Das Blut strömt unentwegt aus seiner Stirn, die Duric kurz zuvor mit harten Ellbogenschlägen aufgebrochen hatte, über die hervorquellenden Augen. Buzdugan richtet sich mit letzter Kraft und Duric auf dem Rücken noch mal auf – und bricht neben dem Maschendrahtzaun zusammen. Der Griff von Duric, der auch die nackten Beine um den Bauch seines Gegners verhakt hat, sitzt zu fest.

Ähnlich wie bei einer Anakonda, die sich um ihre Beute windet und ihr mit schierer Muskelkraft die Luft abschnürt, lässt auch Duric keinen Ausweg mehr zu. Buzdugan klatscht mit der Hand gegen Durics Arm und signalisiert: Ich gebe auf. Der Schiedsrichter geht dazwischen, Duric lässt augenblicklich ab, nimmt Anlauf und springt mit einem Satz auf die fast drei Meter hohe Käfigwand und lässt sich in seiner Heimat Frankfurt vom grölenden, klatschenden Publikum feiern.

Über die lauten Boxen dröhnt, „Jump around“ von House of Pain, die Käfigtür springt auf, und mehrere Männer aus Durics Team laufen auf ihn zu, beglückwünschen ihn. Die Ringrichter wischen auf dem weißen Käfigboden die Blutflecken auf.

Credit: Oktagon
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Nach Durics Kampf steigen noch fünf weitere Fights an diesem Abend, insgesamt sind es zehn. Von 18.00 bis 0.00 Uhr wird den Zuschauern MMA – kurz für Mixed Martial Arts, also „gemischte Kampfkünste“ – nonstop geboten. Die Festhalle ist ausverkauft „Oktagon 76“ reiht sich ein als das nächste erfolgreiche Event der gleichnamigen Organisation.

MMA-Hype im Zentrum von Europa – vor wenigen Jahren noch undenkbar, sagt auch Pavol Neruda. Der Slowene ist einer der beiden Gründer von Oktagon. „Als wir Oktagon 2016 kreiert haben, war es für MMA eine dunkle Zeit. Hätten wir damals unsere Ziele auch so offen ausgesprochen, hätten die Leute wohl gesagt, dass wir durchdrehen.“ „Wir“: Das ist neben Neruda sein Pendant und Geschäftspartner Ondrej Novotny. Eines der Ziele, das sich die beiden damals auf die Fahne geschrieben hatten: MMA neben Fußball zu einer der beliebtesten Sportarten Europas zu machen.

Pavol Neruda
Credit: Oktagon
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„Ich habe früher als Manager von MMA-Kämpfern gearbeitet. Ich fand es schade, dass der Sport mit seinen Geschichten und Akteuren so unbekannt war. Gleichzeitig sah ich es aber auch als Chance“, erzählt Neruda. „Irgendwann kam mir die Idee für eine Reality-TV-Show, und ich kontaktierte dafür Ondrej.“

Dieser war in seiner Heimat Tschechien bereits ein bekannter Kommentator und Moderator, speziell im Kampfsport. „Wir wussten beide, dass in MMA unglaublich viel Potenzial steckte“, sagt Novotny. Im Sommer 2016 wurde daraufhin die erste Staffel „Oktagon Challenge“ ausgestrahlt.

In dem Reality-TV-Format wurden zwei Teams aus je vier MMA-Kämpfern geformt, die alle zusammenlebten, trainierten und im Finale bei einem Event gegeneinander kämpften. „Pavol wollte eigentlich nur die TV-Show machen und es dabei belassen“, erzählt Novotny. „Aber für mich war von Anfang an klar: Ich will eine Promotion aufbauen.“

Ondrej Novotny
Credit: Oktagon
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Der Erfolg der ersten Staffel dürfte wohl sein Übriges getan haben: Aus der TV-Show heraus gründeten Neruda und Novotny Oktagon – mit Gewichtsklassen, Titelgürteln und Events. Zunächst konzentrierte sich die Organisation, deren Namen sich aus der achteckigen Form des Kampfkäfigs ergibt, auf Tschechien und die Slowakei. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Promotion mit dem Produkt MMA jedoch immer populärer, auch über ihre ursprünglich definierten Grenzen hinaus.

Im Juni 2021 stieg in der Festhalle in Frankfurt das erste Oktagon-Event in Deutschland, im November 2023 wurde die Kölner Lanxess Arena mit knapp 20.000 Zuschauern gefüllt, ein Jahr später stellte Oktagon einen Weltrekord auf, als man den Deutsche Bank Park in Frankfurt mit rund 60.000 Menschen ausverkaufte.

Noch nie zuvor lockte ein MMA-Event auch nur ansatzweise so viele Zuschauer an. „Wir haben von Anfang an in dieser Größenordnung gedacht“, sagt Neruda. „Wir wollten es riesig machen und den Menschen die Schönheit dieses Sports näherbringen.“

Der Frankfurter Christian Eckerlin gewann im ausverkauften Deutsche Bank Park im Herbst 2024 den Hauptkampf um den Titel als König von Deutschland
Credit: Oktagon
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Doch was machte Neruda und Novotny so sicher, dass sich der Sport durchsetzen würde? Spricht oder liest man über MMA, fällt oft die Bezeichnung „Königsdisziplin des Kampfsports“. Der Grund: Bei Mixed Martial Arts – wie es der Name schon verrät – werden verschiedene Kampfsporttechniken wie Kickboxen, Ringen, Judo, Jiu-Jitsu, Taekwondo oder Boxen eingesetzt.

Das Ziel: den Gegner kampfunfähig zu machen, und zwar durch Knock-out, Aufgabe – auch genannt Submission – oder technischen K.o., wenn der Ringrichter den Fight vorzeitig beendet, weil sich einer der Kämpfer nicht mehr verteidigen kann. Gelingt das nach drei Runden à fünf Minuten (bei Titelkämpfen fünf Runden) nicht, wird der Gewinner über eine Punktvergabe entschieden.

Entgegen der weitverbreiteten Annahme gibt es dabei auch Regeln. Kopfstöße, Attacken der Wirbelsäule, des Hinterkopfs, der Augen, der Luftröhre oder der Leistengegend sind genauso verboten wie Kniestöße oder Tritte gegen den Kopf eines Gegners, der am Boden liegt. Kratzen, Angriffe auf Finger und Zehen oder Halten an Shorts und Handschuhen – neben dem Mundschutz die einzige Ausrüstung im Käfig – sind ebenfalls tabu.

Komplex wirkt das zunächst einmal nicht. Muss es wohl auch nicht. Die Beliebtheit von MMA basiert im Grunde auf der jahrhundertealten Faszination für den simplen Zweikampf – Stichwort Gladiatorenkampf. Auf den zweiten Blick wird jedoch deutlich: Der Reiz des Sports liegt vor allem auch in seiner zeitgemäßen Unberechenbarkeit.
Durch die Vielzahl von Kampftechniken ist jeder Fighter und damit auch jeder Kampf einzigartig. Boxertyp gegen Ringerstil, Submissionexperte gegen Kickboxer: Die möglichen Endszenarien eines Kampfes sind nahezu unendlich.

MMA
Credit: Oktagon
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Während die Zuschauer beim Boxen eben „nur“ auf einen überraschend platzierten Schlag hoffen können, kann es im Käfig innerhalb von Sekundenbruchteilen beispielsweise durch das unerwartete Ergreifen eines Arms für eine Submission oder einen Kick gegen das Bein zur Entscheidung kommen. Dementsprechend fiebern auch die Zuschauer in Frankfurt fast während der kompletten Show gespannt von den Rändern ihrer Sitzschalen mit – selbst in den Momenten, in denen sich die Kämpfer zunächst abwartend annähern.

Die Essenz des Sports passt demnach gut in die heutige Zeit, in der sich Short-Form-Content längst als das Goldene Kalb der Medienlandschaft etabliert hat. In der sich Fußballspiele oder Formel-1-Rennen oft stundenlang ohne echte Höhepunkte ziehen und für viele Sport-Fans wie die ungeliebte Lektüre eines dicken, angestaubten Buchs anfühlt. Und in der MMA-Events stattdessen wie die aufregende For-You-Page auf dem bunt aufleuchtenden Smartphone wirken, bei der hinter jedem Swipe das nächste komprimierte, spektakuläre Highlight wartet. Und selbst, wenn der eine Swipe mal nicht gefällt: Nach spätestens 15 Minuten steigt ohnehin der nächste, frische Kampf. Drei mal fünf Minuten statt 90 Minuten inklusive möglicher Verlängerung und Elfmeterschießen. Die Short-Videos des Sports.

Neu ist der Sport dabei eigentlich nicht. Spätestens seit dem Hype um den Kampfsport-Star Conor McGregor hat sich die UFC in der letzten Dekade als MMA-Marktführer im Mainstream etabliert. Anders als in Amerika, wo selbst US-Präsident Donald Trump zum kommenden Independence Day ein UFC-Event vor dem Weißen Haus steigen lassen will, tat sich die UFC in Europa hingegen schwer. Erste Versuche zu Beginn der 2010er-Jahre, MMA auch auf dem alten Kontinent populär zu machen, wurden – auch aufgrund eines von 2010 bis 2015 geltenden Übertragungsverbots von MMA – schnell wieder eingestellt.

Barclays Arena in Hamburg ausverkauft
Credit: Oktagon
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Wie gelang es also Oktagon? „Denken Sie an ,Game of Thrones““, sagt Novotny. „Es ist egal, ob es in Deutschland oder Japan läuft, alle schauen es.  Warum? Weil Menschen gute Geschichten lieben.“

Wie keine andere MMA-Organisation in Europa setzte Oktagon schon früh auf Storytelling und inszenierte Dramatik: hochwertige Dokumentationen über Kämpfer und ihre persönlichen Geschichten, Behind-the-Scenes-Material, virale Social-Media-Clips, Rivalitäten, epische Einmärsche zum Käfig, Halbzeit-Shows. „Wir wussten, dass viele Menschen Kampfsport nicht kennen oder mögen. Deswegen mussten wir zunächst einen Kuchen aus Geschichten backen, für den sich die Menschen interessieren. Die Kämpfe sind dann sprichwörtlich nur das Sahnehäubchen auf diesem Kuchen“, sagt Novotny.

Für diese Geschichten setzt Oktagon auch auf nicht unumstrittene Charaktere. Das deutsche MMA-Aushängeschild ist Christian Eckerlin. Neben dem Profi-Sport besitzt der 38-Jährige mehrere Laufhäuser und einen Tabledance-Club in Frankfurt. Bereits seit 2021 betreibt er außerdem einen Youtube-Kanal, auf dem er authentische Einblicke in seine Sportart und sein Leben abseits des Käfigs gibt. Im Herbst 2025 erreichte er damit über 350.000 Abonnenten. „Wir sind im Sport-Entertainment“, sagt Neruda. Es reicht nicht aus, nur ein guter Athlet zu sein. Wer bezahlt werden möchte, muss sich auch verkaufen können.“

Doch nicht nur aufgrund ihrer streitbaren Persönlichkeiten sieht sich Oktagon immer wieder mit einem ganz bestimmten Image konfrontiert: dem der übermäßigen Brutalität. „Ich weiß, dass sich Menschen bei MMA schwer verletzen können“, sagt Novotny, „aber meistens sind die Verletzungen nicht so schwer wie in anderen Sportarten. Im Kampfsport steht man seinem Gegner gegenüber und kann sich darauf vorbereiten. Im Fußball hingegen weiß man nie, wann von hinten jemanden einen brutal umgrätscht.“ 

MMA
Credit: Oktagon
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Blickt man auf das grölende Publikum in Frankfurt, das sich vor allem aus jungen Männern zusammensetzt und aus dem immer mal wieder „Hau ihm auf die Fresse!“-Rufe zu hören sind, drängt sich trotzdem die Frage auf, ob Oktagon mit seinen MMA-Events nicht auch Gewalt glorifiziert. „Wir zoomen bewusst nicht explizit auf die blutigen Szenen oder zeigen irgendwelche Zeitlupen, bei denen Kämpfer einen Zahn verlieren oder so“, sagt Neruda.

„Wir möchten vor allem zeigen, dass dies das höchste Niveau ist, auf dem Menschen miteinander konkurrieren können. Dass in einer kontrollierten Umgebung Weltklassesportler gegeneinander kämpfen.“ Demnach würde Oktagon genau das Gegenteil bewirken, als Gewalt unter jungen Menschen salonfähig zu machen. „Wir zeigen den Menschen: Wenn ihr euch für Kampfsport interessiert, könnt ihr es hier machen.

Hier gibt es Regeln, hier gibt es Schiedsrichter. Ich kenne viele Fälle von jungen Männern, die in einem gewalttätigen Umfeld waren, zum Beispiel als Hooligan beim Fußball, oder die sich regelmäßig auf der Straße geprügelt haben. Diese Männer bekamen durch MMA und den Sport eine Perspektive, lernten Werte wie Respekt und konnten ihr Leben positiv verändern. Ich glaube deshalb, dass es eher einen positiven Effekt auf junge Menschen hat, und bin zuversichtlich, dass sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit auch irgendwann dahingehend ändert. Das ist unsere Mission.“ Man sehe sich nicht zuletzt auch als Familienunternehmen, sagt sein Partner Novotny. „Wir wollen Frauen, Großeltern, Kinder, alle ansprechen“, sagt er und fügt wohl halb im Scherz an: „Wir wollen irgendwann mal Teil des Disney-Channels sein.“

Die 25-jährige gilt als eines der Gesichter der neuen MMA-Generation, bei der auch Frauen im Käfig antreten
Credit: Oktagon
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Kategorisch ausschließen sollte man zunächst einmal verrückt klingende Aussagen von Neruda und Novotny – das hat die zunächst einmal verrückt klingende Erfolgsgeschichte von Oktagon bewiesen – nicht. Dass sie zur Zusammenarbeit mit großen TV-Sendern fähig ist, hat die Promotion jedenfalls bereits bewiesen: Seit Ende 2024 läuft Oktagon in Deutschland exklusiv bei RTL.

Zunächst auf dem hauseigenen Streaming-Portal RTL+, ehe seit Herbst dieses Jahres zum ersten Mal Events der Promotion im Free-TV laufen. Neben den Einnahmen durch TV-Übertragungen und Ticketing – das laut Novotny noch immer den größten Teil der Einnahmen ausmacht – finanziert sich Oktagon mittlerweile auch zunehmend über Sponsoren und Partner. Brands wie Continental oder Rexona arbeiteten bereits mit Oktagon zusammen, als dauerhafter Partner ist seit Längerem unter anderem der Energydrink-Hersteller Monster Energy an Bord.

In den kommenden Jahren soll Oktagon zum ersten Mal auch in anderen europäischen Ländern Events abhalten und sich zudem im Nahen Osten als führende MMA-Organisation etablieren. Wie sie dabei geerdet bleiben würden: „Ach, es ist einfach“, sagt Novotny. „Es fühlt sich so an, als könnte man jeden Tag in ein Spielwarengeschäft und sich alles aussuchen, was man möchte, ohne die eigene Mutter im Nacken zu haben.“ Novotny und Neruda haben ihr Unternehmen und MMA in Europa in den Mainstream gekämpft – und die nächste Runde hat wohl eben erst begonnen.
 



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