Sporthilfe-Chef Hartung: "800 Euro im Monat sind zu wenig, um davon zu leben"
- Sporthilfe-Chef Max Hartung im Sports-Illustrated-Interview
- Max Hartung: "Mit der Grundförderung allein geht es nicht"
- Deutsche Sporthilfe sucht mit Hartung nach innovativen Wegen
Sports Illustrated: Nach Ihrer aktiven Karriere haben Sie den Fokus auf Sportpolitik und Athletenvertretung gelegt. Was treibt Sie heute persönlich an?
Max Hartung: Schon während meiner aktiven Zeit als Athletenvertreter war meine Motivation, gemeinsam mit anderen Sportlerinnen und Sportlern etwas zu bewegen. Wir können mehr erreichen, wenn wir zusammenhalten. Es gibt vieles zu verbessern im Leistungssport - das hat sich bis heute nicht geändert. Jetzt, als nicht mehr aktiver Athlet, arbeite ich in dem Feld weiter, das mich nach wie vor begeistert – für die nächste Generation.
Sports Illustrated: Die Deutsche Sporthilfe ist seit Jahrzehnten die zentrale Förderinstitution. Was funktioniert aus Ihrer Sicht gut – und wo sehen Sie Schwächen?
Hartung: Die Sporthilfe hat ein sehr vielfältiges Programm und ein engagiertes Team. Viele Sportlerinnen und Sportler haben dort direkte Ansprechpartner und spannende Events. Was man als Athlet aber oft nicht sieht, ist die enorme Arbeit dahinter – Vermarktung, Öffentlichkeitsarbeit, politische Kontakte. Die Sporthilfe ist stark aufgestellt, aber es bleibt Luft nach oben, vor allem bei der Höhe der Förderung. Es sind einfach zu viele Sportler, um alle so zu fördern, wie wir es gerne würden.
Sports Illustrated: Wie sehen Ihre Aufgaben aus?
Hartung: Das Spannende ist: Ich kann selbst mitgestalten. Es gibt drei Hauptbereiche: Kommunikation, Public Affairs und Kuratorium. Im Kuratorium engagieren sich Einzelspender, die jährlich rund zwei Millionen Euro beitragen. Diese Menschen bringen wir zusammen, halten Kontakt und nehmen ihre Ideen auf. Außerdem arbeite ich mit unserem Kommunikationsteam an Pressearbeit und Öffentlichkeitsauftritten. Hinzu kommen Termine mit Abgeordneten in Berlin, um über Themen wie Leistung, Fairplay und Miteinander zu sprechen – also wofür wir als Sporthilfe stehen.
Sports Illustrated: Manche Athletinnen und Athleten müssen trotz Förderung viele Dinge selbst zahlen. Wie realistisch ist es heute, in Deutschland vom Leistungssport zu leben?
Hartung: Mit der Grundförderung allein geht es nicht. 700 bis 800 Euro im Monat sind zu wenig, um davon zu leben. Selbst mit Stipendien reicht es oft nur knapp. Gerade in Städten wie München oder Köln reicht das Geld gerade einmal für die Miete. Viele sind abhängig vom Elternhaus. Das kann nicht sein, wenn man zu den Besten der Welt gehört. Da muss sich etwas ändern.

Sports Illustrated: Sollte die Sporthilfe stärker staatlich finanziert werden – oder unabhängiger von staatlichen Strukturen agieren?
Hartung: Wir erhalten derzeit etwa ein Drittel unserer Mittel vom Staat, wollen aber weiterhin breit aufgestellt bleiben. Gleichzeitig fordern wir, dass die staatliche Förderung steigt. Rund elf Millionen Euro im Bundeshaushalt sind gut, aber keine riesige Summe. Eine Erhöhung, die direkt bei den Athleten ankommt, wäre eine sinnvolle Investition.
Sports Illustrated: Der Sportausschuss im Bundestag wurde in der Vergangenheit oft als "zahnlos" kritisiert. Wie lässt sich politische Verantwortung im Sport stärken?
Hartung: Das liegt an den Ausschussmitgliedern selbst. Sie können Themen setzen und Beschlüsse beeinflussen. Der Sportausschuss ist ein entscheidender Player – wenn er seine Rolle aktiv nutzt.
Sports Illustrated: Robert Harting hatte einmal vorgeschlagen, Lottogesellschaften noch stärker einzubinden. Wäre das eine Option?
Hartung: Ein Teil unserer Einnahmen kommt bereits aus Lotterien. Außerdem unterstützt das Bundesministerium der Finanzen die Sporthilfe mit der Briefmarkenserie "Für den Sport". Mit den Fördermitteln aus den Marken mit dem "Plus" sind seit 1968 rund 140 Millionen Euro zusammengekommen.
Sports Illustrated: Welche neuen Ansätze gibt es?
Hartung: Wir wollen die Sporthilfe stärker als gesellschaftspolitischen Akteur positionieren. Wir haben ein Positionspapier veröffentlicht, das viel Aufmerksamkeit erzeugt hat. Uns geht es nicht nur um finanzielle Förderung, sondern auch darum, Impulse für das gesamte System zu geben.
Sports Illustrated: Warum sollte mehr Geld in den Sport fließen?
Hartung: Weil Sport begeistert. Er schafft einzigartige Momente, verbindet Menschen und steht für Werte wie Leistung, Fairplay und Miteinander. Sport ist gesellschaftlicher Kitt – und eine Investition in Zusammenhalt und Demokratie.
Sports Illustrated: Wie bewerten Sie die aktuelle Verteilung der Fördergelder zwischen Medaillensport, Breiten- und Inklusionssport?
Hartung: Ich finde alle Bereiche wichtig. Ich war selbst Trainer von Kindern und weiß, wie schwer es ist, Hallenzeiten zu bekommen. Der ganze Weg vom Schulsport bis zur Nationalmannschaft hängt zusammen. Deshalb bin ich kein Freund davon, Mittel umzuschichten – das ganze System muss gestärkt werden.
Sports Illustrated: Sie haben sich stark für Athletenrechte eingesetzt. Was hat sich seit der Gründung von Athleten Deutschland konkret verbessert?
Hartung: Es gibt mehr Athletenförderung, flexiblere Bundeswehrprogramme, bessere Werbemöglichkeiten und Anlaufstellen für Safe Sport. Vor allem aber gibt es endlich eine Organisation, an die sich Athletinnen und Athleten wenden können – jemanden, der in ihrer Seite steht. Das ist ein riesiger Fortschritt.
Sports Illustrated: Schauen Sie auf die Sportförderung anderer Länder in Europa?
Hartung: Die Niederlande und die skandinavischen Staaten haben spannende Systeme mit starken Vereinen. Aber Deutschland ist speziell: föderal, vereinsbasiert. Wir können uns inspirieren lassen, müssen aber unser eigenes System stärken.
Sports Illustrated: Kann man sich von den USA etwas abschauen?
Hartung: Die dortige Infrastruktur ist beeindruckend, aber oft sehr exklusiv – zugänglich vor allem für Wohlhabende. Ich wünsche mir, dass unsere Sportler und Sportlerinnen hier in Deutschland gute Bedingungen finden und zugleich Vorbilder für den Nachwuchs sind.
Sports Illustrated: Wie stellen Sie sich eine moderne, gerechte Sportförderung im Jahr 2035 vor?
Hartung: Wenn Athleten frei wählen können, wie und wo sie trainieren, ohne finanzielle Sorgen oder Stress mit Ausbildung und Nebenjobs – das wäre ideal. Sie sollen sich voll auf ihren Sport konzentrieren können. Das wäre ein großer Fortschritt.
Sports Illustrated: Wo sehen Sie sich selbst in der Zukunft – als Reformer, Politiker oder Coach einer neuen Generation?
Hartung: Ich empfinde es als großes Privileg, jetzt bei der Sporthilfe zu arbeiten. Ich habe momentan keinen Plan für "danach". Vielleicht kommt irgendwann etwas Neues, aber gerade erfüllt mich diese Aufgabe sehr.
So funktioniert die Deutsche Sporthilfe:
Die Stiftung Deutsche Sporthilfe unterstützt Nachwuchs- und Spitzensportlerinnen und -sportler in Deutschland mit dem Ziel, Leistung, Potenzial und Bedarf über die gesamte Karriere hinweg zu fördern. Seit dem 1. Januar 2025 gilt ein neues Förderkonzept mit vier Förderstufen: Talent-, Potenzial-, Top- und Alumni-Team. In jeder Stufe gibt es drei Förderbereiche: eine Grundförderung, Individualbausteine (z. B. für Ausbildung, Wohnen, Reisen) sowie Prämienzahlungen bei besonderen Leistungen.
Voraussetzung ist die Zugehörigkeit zu einem Bundeskader oder einem von den Spitzenverbänden übermittelten Athleten-Pool. Die Antragstellung erfolgt online über die Sporthilfe. Die Beträge variieren stark je nach Stufe, Sportart, Leistung und Lebenssituation. Ein exemplarischer Richtwert: Für den Perspektivkader („Potenzial“) kann eine Grundförderung von etwa 700 bis 800 Euro pro Monat gelten. Für Spitzenleistungen bei den Olympische Spiele zahlt die Sporthilfe Prämien: 20.000 Euro für Gold, 15.000 Euro für Silber und 10.000 Euro für Bronze.
Mit dem Sports Illustrated-Chefredakteurs Newsletter erhalten Sie aktuelle Sport-News, Hintergründe und Interviews aus der NFL, der NBA, der Fußball-Bundesliga, der Formel 1 und vieles mehr.



