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Sport – oder stille Zeit: Braucht es Sport-Events an Weihnachten wirklich?

An den Weihnachtsfeiertagen wird in der Premier League, der NFL und der NBA gespielt. Ist das gute Tradition? Oder wär’s auch hier Zeit für ein wenig Besinnlichkeit? Dieses Thema diskutieren wir in unserer Streitfrage. 

Ein Maskottchen beim NBA Christmas Game
Credit: Getty Images
 

Pro: Leonard Friedl (Autor)

Stellen sie sich mal vor, es ist Heiligabend. Sie schreiten ins Wohnzimmer. Statt der Tanne empfängt Sie eine geschmückte Plastikpalme. Im Hintergrund wummert statt der Weihnachtsklassiker von Frank Sinatra und Dean Martin die Bravo-Hits-CD von 2009, während Sie die Geschenke für die Silvester-Schnitzeljagd in Klarsichtfolie wickeln. Danach gehen Sie schlafen, die nächsten beiden Tage steht ja ohnehin nichts an. 

Mit Traditionen zu brechen, lässt uns nicht selten erst mal etwas schaudern. Ähnlich dürfte es dieses Jahr wohl Millionen von Premier-League-Fans gehen: Zum ersten Mal seit Gründung der Liga 1992 steigt am Boxing Day, dem 26. Dezember, der seinerzeit für Fußballspiele en masse berühmt war, lediglich eine Partie – ein Affront in der englischen Fußballkultur, der für weitaus mehr als nur ein irritiertes Stirnrunzeln sorgt. 

An keinem anderen Datum im Jahr ist es so vielen Fans möglich, ihren Sport zu verfolgen. Für manche Familien ist der Boxing Day der einzige Tag im Jahr, an dem Opa und Enkel, Vater und Tochter zusammen im Stadion oder zumindest gemeinsam vor dem Fernseher das Lieblingsteam anfeuern können. Für nicht wenige sind die Sportübertragungen ein Zufluchtsort während besonders stressiger und manchmal auch besonders einsamer Tage.  

Und die Sportler selbst? Die passen sich – wie NFL-Star Patrick Mahomes erklärte – an, verschieben ihr privates Familienfest einen Tag nach hinten und sprechen über die große Ehre, vor den Augen der gesamten Sportwelt auftreten zu dürfen. Schöne Bescherung! 

Das NBA Christmas Game ist in den USA Kult
Das NBA Christmas Game ist in den USA Kult
Credit: Imago
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Contra: Fabian Herling (Volontär)

Es ist der 26. Dezember, kurz nach dem Gänsebraten. Während Familien zusammensitzen, Geschenke auspacken oder mit den Kindern durch den Schnee toben, pfeift im englischen Birmingham ein Schiedsrichter das nächste Boxing-Day-Spiel der Premier League an. Parallel dribbelt Steph Curry auf dem NBA-Court, während Millionen Amerikaner den Fernseher lauter stellen. Und da stellt sich die Frage: Müssen wir das wirklich haben?

Sport ist Emotion, Spektakel, Leidenschaft. Aber er braucht – wie wir alle – Pausen. Feiertage wie Weihnachten sind Rückzugsorte. Zeiten, in denen das Leben nicht auf Hochtouren laufen sollte. Und doch zelebriert die Premier League den Boxing Day wie einen eigenen Feiertag, während die NBA aus den Christmas Games ein globales Event macht.

Aber bei all der Tradition, die solche Events mittlerweile haben mögen: Was bleibt für Spieler, Betreuer, Mitarbeiter, Ordnungskräfte, Catering-Personal? Die Antwort ist bitter: Für sie alle gibt es kein Familienfest, kein Abschalten, kein Zuhause. Weihnachtsfrieden gibt’s nur für die, die zusehen. Nicht für die, die liefern müssen.

Der Sport muss nicht überall und immer stattfinden. Es braucht Zeiten, in denen das Spiel ruht, damit wir es als Gesellschaft auch tun können. Wer Res­pekt vor Werten wie Familie, Besinnlichkeit und innerer Einkehr hat, kann nicht gleichzeitig Sportevents auf Feiertage legen. 



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