Schwimmen

Anna Elendt: "Bekomme Unterstützung, aber das reicht nicht für USA"

Anna Elendt ist Deutschlands beste Brustschwimmerin. Die 24-Jährige trainiert seit Jahren in Texas, weil die Bedingungen dort unschlagbar sind. Dennoch hat sie einen Nebenjob, um sich das teure Leben in den USA finanzieren zu können.

Schwimmerin Anna Elendt
Credit: Getty Images
 

Sports Illustrated: Mit Ihrem WM-Sieg 2025 sind Sie die erste deutsche Brustschwimm-Weltmeisterin seit Jahrzehnten. Wie hat sich das angefühlt – und was hat sich seitdem in Ihrem Leben verändert?

Anna Elendt: Am Anfang habe ich es gar nicht richtig realisiert, weil ich auf der Außenbahn geschwommen bin und nicht viel sehen konnte. Ich wusste nur, dass ich auf keinen Fall Letzte war. Dann habe ich erst begriffen, dass ich auf der ersten Bahn geschwommen bin und es der erste Platz war. Das war ein unglaubliches Gefühl, das eine Weile gebraucht hat, um verarbeitet zu werden. Ansonsten hat sich bisher nicht viel verändert. Es sind eher die kleinen Momente der Freude, wenn ich die Medaille bei mir im Wohnzimmer sehe.

Sports Illustrated: Sie haben in Singapur von der Außenbahn aus gewonnen – ein seltener Triumph im Schwimmen. Woher nehmen Sie Ihre mentale Stärke?

Elendt: Mein Trainer hat uns jahrelang gesagt: „If you have a lane, you have a chance.“ Ich konzentriere mich ausschließlich auf mein eigenes Rennen und meine Taktik und lasse mich nicht von anderen ablenken. Früher fiel es mir schwer, auf der Außenbahn zu starten, aber dieses Mal war es kein Nachteil, weil ich dadurch mehr Zeit hatte, mich auf das Rennen vorzubereiten.

Sports Illustrated: Sie trainieren seit mehreren Jahren in den USA, an der University of Texas in Austin. Wie unterscheidet sich das Training dort von dem in Deutschland?

Elendt: Bis ich 16 oder 17 Jahre alt war, habe ich in Deutschland trainiert, danach in den USA. Ich kann es schwer vergleichen, da ich nur eine begrenzte Zeit in Deutschland geschwommen bin. Das Umfeld hier ist anders: Trainingsgruppen mit 40 Athleten auf hohem Niveau. Ich schwimme hier mit fünf bis zehn der schnellsten Brustschwimmerinnen und Schwimmer. Schon im ersten Jahr wurde mir klar, dass ich nicht mehr die Schnellste bin. Mittlerweile trainiere ich in einer Pro-Gruppe mit Weltklasse-Athleten wie Léon Marchand, Regan Smith und Summer McIntosh.

Anna Elendt
Anna Elendt
Credit: Getty Images
x/x

Sports Illustrated: War es geplant, dass Sie in so eine starke Trainingsgruppe gekommen sind?

Elendt: Texas hat eine große und lange Schwimmtradition. Mit Bob Bowman, der viele Athleten von der Arizona State University mitgebracht hat, hat sich Austin zu einem Hotspot entwickelt. Bowman ist ein erfahrener Trainer, der früher Rekord-Olympiasieger Michael Phelps betreut hat.

Sports Illustrated: Haben Sie auch Kontakt zu anderen deutschen Sportlern in den USA wie Zehnkampf-Weltmeister Leo Neugebauer?

Elendt: Wir sehen uns ab und zu im Kraftraum und sprechen dann Deutsch. Es ist schön, ab und zu jemanden aus Deutschland zu treffen, mit dem man die Sprache teilt und gemeinsame Erfahrungen hat – besonders in einem Umfeld, das ansonsten sehr international geprägt ist.

Sports Illustrated: Nach Olympia 2024 haben Sie offen über Selbstzweifel gesprochen. Was hat Sie motiviert, weiterzumachen – und wie haben Sie Ihr Selbstvertrauen zurückgewonnen?

Elendt: Nach Olympia habe ich die längste Pause meiner Karriere eingelegt. Ich habe erst langsam wieder mit dem Training begonnen, Fortschritte gemacht und mich entschieden, nur noch für mich zu schwimmen. Der Druck von außen fiel weg, und ich konnte frei und bewusst über mein Training und meine Ziele entscheiden.

Sports Illustrated: Haben Sie nach Ihrer Auszeit noch härter trainiert?

Elendt: Ja, definitiv. Nach meiner Auszeit habe ich mit Bob Bowmans Trainingsplänen begonnen, und sowohl der Umfang als auch die Intensität sind deutlich höher als zuvor. Es ist anspruchsvoll, aber gerade das motiviert mich, jeden Tag Fortschritte zu sehen.

Sports Illustrated: Sie arbeiten neben dem Training auch Teilzeit als Projektmanagerin bei einem Finanztechnologie-Unternehmen in den USA, um Ihre Karriere zu finanzieren. Macht es Ihnen Spaß oder ist es eine Belastung?

Elendt: Es ist ein Mix aus beidem. Es macht mir Spaß, weil die Arbeit eine willkommene Ablenkung vom Training bietet und mir hilft, den Kopf frei zu bekommen. Gleichzeitig ist es anstrengend, besonders an vollen Trainingstagen: Ich stehe um 5:20 Uhr auf, trainiere von 6:00 bis 7:30 Uhr, arbeite dann von 8:30 bis 13:00 Uhr und gehe anschließend von 14:00 bis 16:00 Uhr noch einmal ins Wasser. Die Teilzeitstelle ist notwendig, um meine Karriere zu finanzieren, denn das Leben in den USA ist teuer, und viele Kosten – wie Trainer, Vereinsbeiträge und Versicherung – muss ich selbst tragen.

Anna Elendt
Anna Elendt
Credit: Getty Images
x/x

Sports Illustrated: Müssen Sie alles komplett selbst finanzieren?

Elendt: Ich erhalte noch Unterstützung von der Sporthilfe. Das reicht aber nicht für Amerika, da die Mieten und Lebenshaltungskosten hier sehr hoch sind. Trotzdem bin ich dankbar, dass ich diese finanzielle Unterstützung bekomme.

Sports Illustrated: Werden Sie für immer in den USA bleiben – oder kehren Sie nach Deutschland zurück?

Elendt: Ich plane, irgendwann wieder nach Deutschland zurückzukehren, aber solange ich aktiv schwimme und auf hohem Niveau trainiere, bleibe ich in den USA. Das Umfeld hier, das Training und die Möglichkeiten sind einfach unschlagbar. Gleichzeitig freue ich mich auf die Zeiten, in denen ich nach Deutschland zurückkehren und Familie, Freunde und Heimat sehen kann – zum Beispiel an Weihnachten.

Sports Illustrated: Was vermissen Sie an Deutschland am meisten?

Elendt: Am meisten vermisse ich die kleinen, alltäglichen Dinge. Ein richtiges deutsches Frühstück mit frischen Brötchen und Aufstrichen, einen guten Döner zwischendurch oder Klassiker wie Ahoi-Brause – solche Dinge erinnern mich sofort an Zuhause.

Sports Illustrated: Was machen Sie, wenn Sie nicht im Schwimmbecken sind? Welche anderen Hobbys haben Sie?

Elendt: Ich verbringe gerne Zeit mit Hobbys, die mir helfen, zu entspannen und abzuschalten. Ich spiele gerne Videospiele, aber eher ruhige wie Animal Crossing oder Sims, die mir erlauben, in andere Welten einzutauchen. Außerdem koche ich sehr gern und probiere neue Rezepte aus, zum Beispiel Butter Chicken, Curry oder Sauerteigbrot.

Sports Illustrated: Mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028: Sehen Sie sich als Medaillenkandidatin – oder zählt für Sie vor allem der Weg dorthin?

Elendt: Vor meiner WM-Medaille hätte ich mich vor allem auf den Weg dorthin konzentriert und weniger auf mögliche Ergebnisse geschaut. Jetzt ist die Konkurrenz bei den Olympischen Spielen sehr groß, aber ich sehe durchaus Chancen. Mein Hauptziel bleibt, mich kontinuierlich zu verbessern, meine eigenen Stärken auszubauen und mich auf mich selbst zu fokussieren – das ist für mich der Schlüssel, um erfolgreich zu sein, egal welche Medaille am Ende herauskommt.



Mit dem Sports Illustrated-Chefredakteurs Newsletter erhalten Sie aktuelle Sport-News, Hintergründe und Interviews aus der NFL, der NBA, der Fußball-Bundesliga, der Formel 1 und vieles mehr.

NEWSLETTER ABONNIEREN