Radsport in Afrika: Ein Kontinent träumt vom ersten Tour-de-France-Sieg
- Radsport in Afrika: Ambitionierte Team und Fahrer
- An Chancen für Radsport in Afrika mangelt es noch
- Irgendwann wird ein Afrikaner die Tour de France gewinnen
"About sixty. Six, zero", sagt Adrien Niyonshuti im Dokumentarfilm "Rising from Ashes": Etwa 60 Familienmitglieder habe er im Genozid der Hutu an den Tutsi 1994 verloren. "Even now, it’s still hard, you know" – noch immer sei das sehr schwer für ihn.
Jahre später fand er zum Radsport und wurde als Teil des Team Rwanda nicht nur zum Star des genannten Films, sondern auch zum Helden einer Nation: Niyonshuti fuhr für Team Dimension Data 2016 und 2017 auf der UCI WorldTour, trug bei Olympia 2012 die Flagge seines Landes und inspirierte zahlreiche junge Menschen in seiner Heimat – darunter auch seinen jüngeren Cousin Eric Muhoza, dem er 2015 sein erstes professionelles Rad kaufte und ihn in seine Akademie aufnahm.
Eric Muhoz: "Ich möchte in einem WorldTour-Team fahren"
Heute ist Muhoza 23 und selbst Profi. Das Ziel des jungen Mannes, der 2023 bereits für das saarländische Continental-Team BikeAid an den Start ging: "Ich möchte meinen Traum verwirklichen. Ich möchte in einem WorldTour-Team fahren." Aber der Weg aus Afrika, speziell aus dem so konfliktgeplagten Osten, auf die WorldTour – deren Stars und Teams im Wesentlichen aus Europa kommen, deren große Rennen ebenfalls hauptsächlich in Europa stattfinden – bleibt für viele ambitionierte Radsportler aus Ländern wie Ruanda, Uganda, Äthiopien oder Kenia meist eines: ein Traum.
Allerdings: Das muss und soll nicht so bleiben. Nicht für Eric Muhoza und nicht für seine Kolleginnen und Kollegen vom Team Amani, das 2018 vom mittlerweile verstorbenen kenianischen Radprofi Sule Kangangi und dem US-amerikanischen Anwalt für internationales Strafrecht, Mikel Delagrange, gegründet wurde – und für das Muhoza seit vergangenem Jahr fährt.

Die erste Straßenradsport-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden, die vom 21. bis 28. September in Kigali, Ruandas Hauptstadt, stattfand, gibt den Talenten zusätzliche Hoffnung – und womöglich die nötige Gelegenheit, sich in prominente Schaufenster der großen Teams zu rücken.
Radsport in Afrika: Talentierten Fahrern fehlen "opportunities"
Denn neben dem Geld, das in diesem gerade im Leistungssport so teuren Sport nötig ist – ein Profi-Rennrad kann gut und gerne 10.000 Euro kosten –, sind es vor allem Gelegenheiten, "opportunities", wie man in den Gesprächen immer wieder hört, die den ostafrikanischen Radsport-Talenten so schmerzlich fehlen.
Mikel Delagrange, der im Team Amani als eine Art "Head Cheerleader" fungiert – Pressesprecher, Werbetrommelrührer und Brückenbauer nach Europa in Personalunion –, erklärt es am Beispiel der Tour du Rwanda, der "Tour de France Afrikas": "Die besten Athleten Afrikas kommen zur Tour du Rwanda und treten dort gegen Teams wie UAE, TotalEnergies oder Israel–Premier Tech an."
"Diese Jungs haben bereits fünf Rennen hinter sich, bevor sie im Februar nach Ruanda kommen. Und am Wochenende darauf stehen sie schon wieder bei einem anderen Rennen am Start. Die Afrikaner aber fahren vielleicht erst wieder bei ihren nationalen Meisterschaften Mitte des Sommers – und dann vielleicht, falls sie ausgewählt werden, bei der WM. Sie haben drei Rennen im ganzen Jahr."
Afrikanische Radfahrer brauchen mehr Rennen
Im Radsport gehe es schließlich um die "number of fails" – die Zahl der Möglichkeiten, sich mit den Besten zu messen und zu verlieren, um daraus zu lernen, sagt Delagrange: "Morgens aufwachen, praktisch aus dem Bett an den Start eines Radrennens fallen, scheitern, nach Hause kommen, Muttis Erbsensuppe essen – und am nächsten Wochenende alles wieder von vorn."
Von diesen Gelegenheiten habe ein junges Talent aus Belgien etwa 70 pro Jahr – eine Zahl, von der Talente aus Afrika nur träumen können. Die Richtlinien der UCI für die Teilnahme an hochklassigen Rennen in Europa, die Schwierigkeiten für ostafrikanische Sportler, an die nötigen Visa zu gelangen, sowie die schmalen Budgets erlauben oft nur die Teilnahme an Rennen in der Region oder auf dem Kontinent.

"Unser Ziel, mein Traum im Moment, ist es, auf 40 Fails pro Jahr zu kommen", sagt Delagrange. Der Weg dorthin führt für Team Amani nicht nur über den Asphalt – also klassische Straßenrennen –, sondern auch über Gravel, gewissermaßen über Feldwege. In dieser Trendsportart sind die Teilnahmebedingungen lockerer. "Wir müssen es nur an die Startlinie schaffen – was allerdings auch nicht immer einfach ist."
Team Amani will sich mit den besten Radfahrer messen
Sich als kleines Team mit Rennrad-Primus Tadej Pogačar zu messen, sei so gut wie unmöglich ("There’s no way in hell", so Delagrange). Gegen sein Pendant im Gravel-Bereich, den US-Amerikaner Keegan Swenson, seien die Fahrer des Team Amani hingegen schon häufiger angetreten.
Das Rezept des Teams aus Iten in Kenia: erst die Gravel-Szene erobern, dann peu à peu auch die Straße – ab dieser Saison sogar mit einem Continental-Team im Männerbereich.
Auch in der Jugendförderung setzt man auf Vielseitigkeit. Man beginne offroad, um – gerade in der Jugendarbeit – auf die nötige Anzahl von Fails zu kommen, aber auch, so Delagrange, um "ein paar Tom Pidcocks und Mathieu van der Poels" zu kreieren: vielseitige Fahrer mit dem Werkzeugkasten, um sowohl auf der Straße als auch im Gelände erfolgreich zu sein.
Tsgabu Grmay ist Äthiopiens erster WorldTour-Profi
Auftritt Tsgabu Grmay: 34 Jahre alt, Äthiopiens erster WorldTour-Profi überhaupt, der erste Äthiopier bei einer Grand Tour (Giro d’Italia 2015) und der erste Vertreter seines Landes bei der Tour de France. Bei Team Amani ist er Athlet, Coach, Mentor, auch Manager – weil er sich sicher ist, "dass es Talente gibt, aber sie brauchen Anleitung. Sie brauchen Menschen wie mich und Menschen von außerhalb wie Mikel, die ihnen Möglichkeiten eröffnen, unsere Erfahrungen weitergeben, all die Technologie und solche Dinge einbringen, um Talente zu fördern."
Was junge afrikanische Talente ebenfalls brauchen, sind Vorbilder aus der eigenen Region – Menschen, die es aus ähnlichen sozioökonomischen Umständen an die Spitze und in die Übertragungen des Sportfernsehens geschafft haben. "Die Pogacars dieser Welt", sagt Mikel Delagrange, "inspirieren die Kinder in Iten nicht." Menschen wie Tsgabu Grmay allerdings sehr wohl.

Und das, obwohl er – wie er selbst sagt – seine Schützlinge härter rannimmt, als es Trainer aus Europa vielleicht tun würden: "Ich habe keine Skrupel davor, ihnen diesen Extra-Push zu geben", sagt er. "Denn sie werden es im Leben noch schwerer haben, wenn sie diese Chance nicht nutzen."
Xaverine Nirere wurde in ihrer Jugend für verrückt erklärt
Chancen nutzen – das wollen auch Eric Muhoza und seine ebenfalls ruandische Teamkollegin Xaverine Nirere bei der WM in Kigali. Nirere konnte Ende Juni die ruandische Meisterschaft im Einzelzeitfahren gewinnen. Dabei wurde sie im patriarchalisch geprägten Ruanda während ihrer Jugend stets für verrückt erklärt. Radfahren, so sagte man ihr, sei "nicht gut für eine Frau. Ich würde wegen des Radfahrens niemals heiraten." Doch ihre Familie hielt zu ihr.
Und im September, wenn Nirere aller Wahrscheinlichkeit nach gegen ihr großes Vorbild, die Niederländerin Marianne Vos, antreten wird, dürfte wohl ein ganzes Land hinter ihr stehen – und eine ganze Generation junger Frauen und Mädchen, die sich Nirere zum Vorbild nehmen.
Darin, sagt Tsgabu Grmay, liege seine Hoffnung für die Weltmeisterschaften in Kigali: "Sie wird Kinder dazu inspirieren, groß zu träumen." So, wie Rad-Superstar Biniam Girmay mit seinem Grünen Trikot und seinen drei Etappensiegen bei der Tour de France 2024 inspirierte und in Eritrea einen wahren Radsport-Boom auslöste. So, wie Grmay einst selbst von der äthiopischen Läuferlegende Abebe Bikila inspiriert wurde – jener Mann, der bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom barfuß zu Marathon-Gold lief.
Biniam Girmay mit drei Etappensiegen bei Tour de France
"Ich habe mir immer gesagt: Ich werde vergehen, alles wird vergehen. Aber die Geschichte wird weiterleben. Ich bin ein großer Fan von Menschen, die Dinge zum ersten Mal tun, Wände durchbrechen und damit das Leben so vieler Kinder verändern."

Tsgabu Grmay, der erste Äthiopier bei der Tour de France, ist sich sicher: Eines Tages wird eine Frau oder ein Mann aus Afrika im Gelben Trikot über die Champs-Élysées fahren. Dafür arbeitet er – und dafür arbeitet das Team Amani, dessen Name auf Swahili "Frieden" bedeutet. Dafür und daran, wie Mikel Delagrange sagt, "den Unsinn von der Schwäche und der Abhängigkeit Afrikas" aus dem Narrativ des globalen Westens zu tilgen.
Die erste Weltmeisterschaft im Straßenradsport in Kigali war bereits ein Meilenstein dieses Vorhabens. Zwei Räder, die einer ganzen Region – ja, einem ganzen Kontinent – Hoffnung bringen.
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