Ex-Radprofi Jan Ullrich: "Ich habe dort einige Tränen vergossen"
- Jan Ullrich im Interview beim Podcast "Tommy Unlocks"
- Jan Ullrich spricht über Karriere, Vorbilder und Lance Armstrong
- Jan Ullrich: "Lance Armstrong hat mir geholfen, als ich am Boden war"
Sports Illustrated: Wer war für Sie der beste Radfahrer aller Zeiten?
Jan Ullrich: Das ist Eddy Merckx. Seine Erfolge liegen zwar schon einige Zeit zurück, aber er hat im Radsport alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt – und das mehrmals über eine ziemlich lange Zeit. Eddy Merckx ist schlicht der erste Name im Radsport.
Sports Illustrated: Hatten Sie in Ihrer Jugend ein Vorbild?
Ullrich: Der Spanier Miguel Indurain. Aber ich hatte mehrere Vorbilder. Ganz am Anfang, als ich noch ein Kind war, waren es die Radfahrer der DDR-Nationalmannschaft. Das war damals das Maximum, was man erreichen konnte. Danach war es Indurain, der fünfmal in Folge die Tour de France gewinnen konnte.
Sports Illustrated: Warum ist der Radsport Ihre große Liebe?
Ullrich: Es ist einfach eine Sportart, die einem alles abverlangt – alles, was ein Mensch leisten kann. Man sieht viel von der Welt, trifft unglaublich tolle Fans – die liebe ich, weil sie vom Ersten bis zum Letzten alle gleich anfeuern. Sie kommen extra an die Strecke, jedes Jahr, und trotzdem ist es immer wieder anders. Es ist jedes Jahr etwas Neues. Und es ist ein Sport, den jeder machen kann – bis ins hohe Alter.
Sports Illustrated: Was war der schönste Radsport-Moment in Ihrer Karriere?
Ullrich: Die Ankunft auf den Champs-Élysées 1997. Wenn man bei der Tour de France auf der letzten Etappe nach Paris reinrollt und den Arc de Triomphe sieht – das ist einfach unbeschreiblich. Man fährt vor so vielen Zuschauern, so vielen Menschen, und man weiß: Ich habe das Gelbe Trikot bis nach Paris getragen. Ich bin der Erste, der dieses Rennen als Deutscher gewinnen kann. Dann kommt man ins Ziel, die Familie wartet dort, und all die Strapazen der letzten drei Wochen fallen ab. Das sind so viele Emotionen, die einen übermannen. Ich habe dort einige Tränen vergossen – auf den Champs-Élysées sind wirklich Tränen von mir geflossen.
Sports Illustrated: Was bedeutet Ihnen der Tour-de-France-Sieg 1997?
Ullrich: Der Tour-de-France-Sieg hat mein ganzes Leben mitbestimmt und auch verändert. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich es als Deutscher geschafft habe, die Tour de France zu gewinnen. Das ist in unserem Sport der Olymp – das Größte, was man erreichen kann. Und ich war dort.

Sports Illustrated: Warum haben Sie die Tour de France nicht noch einmal gewonnen?
Ullrich: Ich war einfach zu schlecht (lacht). Ich habe ein paar Fehler gemacht und war einfach nicht gut genug, das muss man so sagen.
Sports Illustrated: Alpe d’Huez oder Mont Ventoux – welcher Anstieg ist härter?
Ullrich: Härter ist der Mont Ventoux. Das ist ein unglaublich langer und sehr steiler Berg. Oben herrscht eine richtige Mondlandschaft – dort endet die Baumgrenze, und man ist völlig im Wind. Der Mont Ventoux ist außerdem ein großer Mythos in der Radsportgeschichte. Aber Alpe d’Huez ist der bekannteste Berg der Welt. Diese unglaublichen Serpentinen, die sich nach oben schlängeln – in jeder Kurve hängt ein Schild mit dem Namen eines Tour-de-France-Siegers. Das ist wirklich beeindruckend.
Sports Illustrated: Was war das für ein Gefühl, da hinaufzufahren?
Ullrich: Da standen eine Million Menschen, von unten bis oben. Eine Million Fans an einem einzigen Berg. Das ist schon ein Mythos, bei dem man sagen kann: Das vergisst man nie. Gewonnen habe ich leider weder dort noch am Mont Ventoux, aber ich war immer dicht dran – zweimal Zweiter.
Sports Illustrated: Wie ist Ihr Verhältnis zu Lance Armstrong?
Ullrich: Wir haben es geschafft, aus Konkurrenten echte Freunde zu werden. Wir teilen ein ähnliches Schicksal – es gibt viele Parallelen in unseren Leben. Lance hat mir sehr geholfen, als ich ganz am Boden war – in der schwersten Zeit meines Lebens. Er ist extra hergeflogen, um mich zu motivieren, und das nicht nur einmal, sondern mehrmals. Mittlerweile machen wir eigentlich jedes Jahr etwas gemeinsam. Er war auch dieses Jahr wieder in Deutschland, beim Jan-Ullrich-Cycling-Event, das ich im Mai veranstaltet habe.
Sports Illustrated: Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Radprofi gewesen wären?
Ullrich: Ich glaube, es wäre schon etwas mit Sport gewesen. Meine Energie musste irgendwo hin, also ein Schreibtischjob im Büro wäre nicht das Richtige für mich gewesen. Aber die Frage stellt sich für mich eigentlich nicht, weil ich Radprofi geworden bin und mein Leben sich immer noch um Radsport dreht.
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