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Ninja-Warrior-Star René Casselly: "Im Parcours hast du nur eine Chance"

René Cassely zählt zu den besten Ninja-Athleten Deutschlands und ist bis heute der einzige "Ninja Warrior Germany". Im Interview spricht er über den Reiz des Ninja-Sports, die Unberechenbarkeit der TV-Show und seine Elefanten. 

René Casselly bei Ninja Warrior Germany
Credit: RTL, Markus Hertrich

Sports Illustrated: Herr Casselly, wie geht es Ihren Elefanten?

René Casselly: Denen geht es super, danke! Sie leben mit mir gemeinsam auf unserem Hof in Ungarn – eine Art Gnadenhof für unsere ehemaligen Zirkustiere, wo diese ihren Lebensabend verbringen können.

Sports Illustrated: Auf Instagram nennen Sie sich selbst „elephant boy“, dort folgen Ihnen fast 400.000 Menschen. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie so viel mit Elefanten machen?

Casselly: Meine Eltern hatten die Elefanten schon, bevor es mich gab. Als ich zur Welt kam, waren sie quasi meine älteren Geschwister. Für mich war es das Normalste der Welt, mit ihnen groß zu werden – andere Kinder hatten Hunde oder Katzen, ich eben Elefanten. In jungen Jahren hat mein Vater dann mein Talent für die Akrobatik entdeck. So wurde ich früh Teil der Zirkusvorführungen, erst auf dem Pony, später mit den Elefanten. Wenn ich nicht gerade in Deutschland bin, um TV-Shows zu machen, bin ich zuhause bei den Elefanten, produziere Videos und Content. Dort kann ich Energie tanken.

Sports Illustrated: Sie sind Akrobat, Ninja-Athlet und TV-Persönlichkeit – wenn Sie jemand fragt, was Sie beruflich machen, was antworten Sie dann?

Casselly: Gute Frage – das weiß ich selbst nicht so genau (lacht). Ich bin ein Allrounder. Meine Kernkompetenz ist der Zirkus. Ich bin Artist in der siebten Generation – mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater, alle waren im Zirkus. Ich fühle mich aber generell wohl auf der Bühne, egal ob im Ninja-Parcours, in der Manege oder sonst wo. 

Sports Illustrated: Sie sind seit über zehn Jahren im Ninja-Sport aktiv. Was bedeutet Ihnen dieser Sport – und was macht ihn so besonders?

Casselly: Für mich war die Teilnahme an der zweiten Staffel von „Ninja Warrior Germany“ 2017 das erste Mal, dass ich aus meiner Zirkus-Bubble ausgebrochen bin. Natürlich hatte ich durch den Zirkus gute körperliche Voraussetzungen – Körpergefühl, Agilität, Leichtigkeit – aber das Hangeln, Schwingen und Klettern im Ninja-Parcours war neu für mich. Trotzdem habe ich mich reingefuchst. Sie müssen wissen: Ich wurde auf Anhieb Zweiter, ohne mich richtig vorzubereiten. Da habe ich Blut geleckt.

Sports Illustrated: 2021 bezwangen Sie den berüchtigten „Mount Midoriyama“, gewannen Staffel 6 und sind seither bis heute der einzige „Ninja Warrior Germany“. Was bedeutet Ihnen das? 

Casselly: Damals habe ich das gar nicht richtig realisiert. Aber wenn ich heute zuhause sitze und die Trophäe sehe, denke ich an die harte Zeit zurück. An mein Training, wie ich nach Niederlagen wieder aufstehen musste. Das hat mich als Mensch geprägt. Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, dranzubleiben. Durch den Sieg wurde ich anders wahrgenommen, bekam Türen geöffnet – vor allem in der TV-Branche. Ich bin der Show unglaublich dankbar, weiß aber auch, dass ich mir alles hart erarbeitet habe.

René Casselly bei Ninja Warrior Germany
Gewohntes Bild: René Casselly hat in seiner Laufbahn schon unzählige Male auf den Buzzer zum Ende des Parcours gedrückt
Credit: RTL, Markus Hertrich
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Sports Illustrated: Was macht den Reiz der Show für Sie aus?

Casselly: Sie ist brutal schwer. Wir kennen die Hindernisse vorher nicht, haben im Parcours nur eine Chance. Ein kleiner Fehler und die ganze Show ist für dich vorbei. Genau das macht den Reiz aus. Es ist nie garantiert, dass jemand gewinnt. Man muss sich vorstellen: RTL baut diesen riesigen Turm aus zig Tonnen Stahl (den Mount Midoriyama, d.Red.) und manchmal schafft es niemand nach oben. Diese Unberechenbarkeit macht die Show einzigartig.

Sports Illustrated: Ist es als Athlet nicht merkwürdig, eine Sportart zu betreiben, in der eine TV-Show das große Highlight des Jahres ist? 

Casselly: Viele kommen anfangs gar nicht damit klar, dass Ninja auch Entertainment ist. Das habe ich früh verstanden und mir eine Art Kunstfigur für Ninja Warrior erschaffen. Durch die ganzen Ablenkungen der Show – Interviews, Social Media, Publikum – ist es schwer, in den Tunnel zu gelangen, den man für einen guten Run braucht. Damit haben gerade die Quereinsteiger aus dem Klettersport Probleme. Sie sind meist introvertierter, brauchen keine Kameras und wollen einfach an ihren Felsen. Mein Vorteil:  Im Zirkus musste ich schon früh gefährliche Dinge punktgenau abliefern. Wenn man da nicht konzentriert ist, kann es böse enden. Diese Erfahrung hilft mir enorm. Und ich habe schon früh eine weitere Sache verstanden.

Sports Illustrated: Welche?

Casselly: Wie wichtig es ist, hart zu trainieren. Nach jeder Staffel habe ich direkt wieder mit dem Training begonnen, bin nach Amerika geflogen, um mit den besten Athleten der Welt zu trainieren – sechs Tage die Woche, teilweise zwei Einheiten pro Tag. Viele bereiten sich nur einige Wochen oder Monate auf die Show vor – ich habe trainiert wie ein Besessener.

René Casselly bei Ninja Warrior Germany
Das Ergebnis des Trainings: Bei Casselly sehen selbst die schwierigsten Hindernisse leicht aus
Credit: RTL, Markus Hertrich
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Sports Illustrated: Mittlerweile gibt es eine Generation, die mit dem Ninja-Sport aufgewachsen ist. Was zeichnet diese Natural-Born-Ninjas aus?

Casselly: Es gibt Kinder, die schauen die Show seit der ersten Staffel 2016, waren damals fünf oder sechs und wurden vom Sport gefesselt. Wenn sie mit 16 alt genug sind und teilnehmen dürfen, sind sie oft außergewöhnlich gut, bringen zudem perfekte körperliche Grundvoraussetzungen mit. Eine Sache müssen die aber genauso lernen wie alle anderen. 

Sports Illustrated: Und die wäre? 

Casselly: Im Fernsehen wirkt alles leichter, als es ist. Selbst vermeintlich einfache Hindernisse sind richtig hart. Und die Distanzen bei der TV-Show sind riesig – das sieht man auf dem Bildschirm meistens nicht.

Sports Illustrated: Sie haben den Sport in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Wie hat er sich seit Ihrer ersten Show-Teilnahme entwickelt?

Casselly: Extrem. Die deutschen Athleten gehören zu den besten der Welt. Wir werden immer besser – also werden automatisch die Hindernisse schwerer und die Attraktivität für die Zuschauer höher. Dabei sind die Trainingsbedingungen hierzulande alles andere als ideal.  

Sports Illustrated: Inwiefern? 

Casselly: Es gibt nur wenige Ninja-Hallen, keinen starken Verband, der die Sportart pusht. Umso erstaunlicher ist es, wie gut die deutschen Athleten sind. Das zeigt, wie sehr der Sport vor allem junge Menschen begeistert.

René Casselly bei Ninja Warrior Germany
Entertainment und Hochleistungssport: Ninja Warrior Germany und Casselly vereinen beides
Credit: RTL, Markus Hertrich
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Sports Illustrated: Ab 2028 ist der Ninja-Sport als Teil des modernen Fünfkampfs im Programm der Olympischen Spiele. Reizt Sie das?

Casselly: Auf jeden Fall, Olympia wäre ein Traum. Aber im Modernen Fünfkampf ist es natürlich schwer, sich all die neuen Disziplinen wie Schwimmen, Fechten oder Laufen anzueignen. Da wäre eine Olympia-Teilnahme als reiner Ninja-Sportler utopisch. Als Einzelsportart wäre Ninja bei Olympia großartig, realistisch aber erst ab 2032. Da bin ich wahrscheinlich schon zu alt, um mitzuhalten (lacht).

Sports Illustrated: Sie haben die Show mehrfach und in verschiedenen Ländern gewonnen – haben Sie trotzdem noch Ziele?

Casselly: Absolut. Wenn ich starte, will ich gewinnen. Ich fühle mich fit, habe dieses Jahr neue Trainingsziele erreicht, die ich vorher nicht geschafft habe. Körperlich und mental bin ich besser als je zuvor. Mit der Erfahrung weiß man, worauf es ankommt – wie sich der Körper in der Show anfühlt, mit all dem Adrenalin und dem Publikum. Deshalb bin ich noch lange nicht satt.

Sports Illustrated: Wissen Sie schon, wie lange Sie das noch machen wollen?

Casselly: Solange mein Körper fit ist und ich Spaß daran habe – von mir aus, bis ich grau und alt bin (lacht.)

Sports Illustrated: Wie würde sich der Ninja-Sport in Deutschland entwickeln, wenn es die TV-Show irgendwann nicht mehr gäbe?

Casselly: Schwer zu sagen. Die Show ist der Motor, der alles antreibt. Ohne sie wäre es für die Sportart schwierig, sich dauerhaft zu etablieren. Beim Bouldern ist das anders – da gibt es Hallen an jeder Ecke, schnelle Erfolgserlebnisse und stetige Fortschritte. Beim Ninja ist das schwieriger: Es dauert länger, bis man selbst die leichteren Hindernisse schafft, man tut sich schneller weh, viele hören nach dem ersten Versuch auf. Die TV-Show ist der Grund, warum wir das alles machen und auch die Topsportler am Ball bleiben– sie hält den Sport am Leben.



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