Zehnkämpfer Leo Neugebauer: Sein WM-Triumph von Tokio in zehn Bildern
- Sports Illustrated Deutschland kürt Leo Neugebauer zur Sportsperson of the Year
- Leo Neugebauer wird Zehnkampf-Weltmeister bei der WM in Tokio
- Neugebauer krönt sich zum „König der Leichtathleten“
Mit der Silbermedaille der Olympischen Spiele in Paris im Gepäck reist Leo Neugebauer im September zur Weltmeisterschaft nach Tokio. Es ist seine dritte WM-Teilnahme nach 2022 (Platz 10) und 2023 (Rang 5). Der Zehnkampf findet am 20. und 21. September statt, den beiden letzten Wettkampftagen. Ein Höhepunkt – schließlich gelten Zehnkämpfer als die Könige der Athleten.
100 Meter – Der Start (10,80 Sekunden → 906 Punkte)
Über 100 Meter kommt der deutsche Zehnkampf-Rekordhalter gut aus dem Block, bleibt jedoch hinter seiner persönlichen Bestzeit (10,61 Sekunden) zurück. Acht Konkurrenten sind schneller, Neugebauer liegt zum Start auf Rang neun. Danach verbesserter sich im Weitsprung mit einer Weite von 7,62 Meter um zwei Plätze in der Gesamtwertung.
„In der Nacht vor dem Wettkampf habe ich nicht besonders viel geschlafen. Ich gehe erst ins Bett, wenn ich wirklich müde bin – sonst liege ich nur wach. Ich bin gegen 23 Uhr eingeschlafen, um fünf musste ich schon wieder aufstehen. Die Nacht war also kurz, aber das ist nicht so entscheidend. Wichtiger ist, wie man in den Tagen zuvor geschlafen hat. Am Morgen lief alles glatt: Nach dem Frühstück ging's mit dem Bus ins Stadion und zu den 100 Metern, der ersten Disziplin. Mein Start war gut, auch der Lauf selbst hat sich top angefühlt. Trotzdem war die Zeit mit 10,80 Sekunden deutlich langsamer als erwartet, damit war ich nicht ganz zufrieden. Weil aber alle anderen ähnlich langsam waren, war es okay und kein Grund zur Sorge.“

Kugelstoßen (16,70 Meter → 894 Punkte)
Als dritte Disziplin folgt eine seiner Paradedisziplinen. Mit 16,70 Metern stößt Neugebauer Saisonbestleistung und katapultiert sich auf Rang zwei. In Führung liegt der starke US-Amerikaner Kyle Garland, der auf 17,02 Meter kommt.
„Zu Beginn der Saison gehörte das Kugelstoßen zu meinen eher durchwachsenen Disziplinen, aber diesmal lief es super. Was vielleicht auch an dem Tape lag, das ich mir um die Mitte der Hand geklebt habe. Es sorgt für mehr Spannung in der Hand, damit kann ich besser Druck aufbauen. Ich habe das erst drei, vier Trainingseinheiten vor der WM ausprobiert und gemerkt, dass es sich richtig gut anfühlt. Mit meiner Weite war ich zufrieden. Ich hatte zuvor Probleme, überhaupt 16 Meter weit zu stoßen, insofern waren die 16,70 Meter super. Nach dem Kugelstoßen wurde ich im Stadion von einem japanischen TV-Team interviewt. Die Moderatorin dachte allerdings, ich wäre mein US-Konkurrent Kyle Garland. Ich habe das Missverständnis in dem Moment nicht aufgeklärt, sondern einfach auf die Fragen geantwortet. Dem Kameramann fiel der Fauxpas allerdings auf – wir haben uns nur angeschaut und mussten beide lachen.“

Hochsprung (1,99 Meter → 794 Punkte)
In der vierten Disziplin kämpft sich Neugebauer trotz Schmerzen durch. Spitzenreiter Garland überquert 2,11 Meter und baut seinen Vorsprung aus. Zum Abschluss des ersten Wettkampftages läuft Neugebauer 48,27 Sekunden über 400 Meter. Ayden Owens-Delerme aus Puerto Rico ist 1,81 Sekunden schneller und verdrängt Neugebauer nach fünf von zehn Disziplinen vorerst aus den Medaillenrängen.
„Ich hatte mir vorgenommen, im Hochsprung die zwei Meter zu schaffen, am Ende wurden es 1,99 Meter – das war in Ordnung. Beim Sprung über die 1,99 Meter habe ich mir allerdings irgendetwas im linken Knie verstaucht. Auf den Videos erkennt man, dass ich ein bisschen humple. Ich konnte die 2,02 Meter zwar noch versuchen, hatte dabei aber Schmerzen.
Danach haben wir die Verletzung abchecken lassen, aber sie stellte sich als nicht so schlimm heraus, war nur schmerzhaft. Eine Spritze oder Medikamente gegen den Schmerz wollte ich in diesem Moment nicht. Ich habe mir gesagt: Ich pushe da durch. Der 400-Meter-Lauf fand erst um 22 Uhr statt, danach war klar, dass ich Wettkampftag eins mit Platz vier abgeschlossen hatte. Anschließend Interviews, essen, Busfahrt – das zog sich. Einschlafen konnte ich erst gegen ein Uhr.“

110-Meter-Hürden (14,800 Sekunden → 874 Punkte)
Zu Beginn des zweiten Wettkampftages tut sich Neugebauer über 110-Meter-Hürden etwas schwer. Die Konkurrenten um Garland (14,30 Sekunden) und Owens-Delerme (13,65 Sekunden)sind schneller, der Deutsche bleibt etwa eine halbe Sekunde über seiner persönlichen Bestzeit.
„Nach einer kurzen Nacht startete der zweite Tag mit den 110-Meter-Hürden. Ich kam in den Lauf nicht richtig rein, mir fehlte der Rhythmus zwischen den Hürden. Irgendwie fiel es mir schwerer als sonst, sie zu überqueren. Woran das lag, kann ich nicht so genau sagen. Vielleicht hatte ich noch schwere Beine. Die Zeit von 14,80 Sekunden habe ich jedenfalls schnell abgehakt. Und auch die Frage, wo ich im Gesamtklassement liege, konnte ich beim anschließenden Diskuswurf voll ausblenden. Ich wollte einfach maximal weit werfen – und das hat mit 56,15 Metern super funktioniert.“

Stabhochsprung (5,10 Meter → 941 Punkte)
Mit einer persönlichen Bestleistung im Diskuswerfen innerhalb des Zehnkampfes verkürzt Neugebauer den Rückstand auf den führenden US-Amerikaner Garland von 314 auf 145 Punkte. Der Traum vom WM-Gold lebt. Neugebauer steht wieder auf Rang zwei, den er auch nach dem Stabhochspringen beibehält.
„Vor dem Stabhochsprung denke ich nie an eine Medaille. Wenn man mit zu hohen Erwartungen reingeht, kann es schnell passieren, dass man gar keine Höhe schafft. Erst danach fängt das Rechnen an. Die 5.00 Meter und die 5,10 Meter habe ich im jeweils dritten und letzten Versuch geschafft, da braucht man starke Nerven. Meine Bestleistung liegt zwar bei 5,21 Metern, trotzdem gehen 5,10 Meter voll in Ordnung. Zumal der Stabhochsprung eine besonders kräftezehrende Disziplin ist, bei der man extrem viel Energie verliert. Schon allein, weil dieser Wettkampf manchmal mehrere Stunden dauert. Und perfekt ist meine Technik auch noch lange nicht.“

Speerwurf (64,34 Meter → 803 Punkte)
Es folgt das Speerwerfen – bislang Neugebauers schwächste Zehnkampf Disziplin. Doch das ändert sich in Tokio. Neugebauer schleudert den Speer auf seine persönliche Rekordweite und übernimmt die Führung in der Gesamtwertung.
„Beim Speerwurf kam vieles zusammen: Im Training lief es dieses Jahr richtig gut, da kam ich den 60 Metern schon nahe – allerdings noch mit dem kurzen einfacheren Anlauf. Direkt vor den Deutschen Meisterschaften Anfang August haben wir auf den langen Anlauf umgestellt. Mein erster Versuch in Tokio ging richtig weit, leider war er ungültig. Ich habe den Kampfrichter angesehen und mir gedacht: Warum tust du mir das an? In der Wiederholung sah man aber, dass ich minimal übertreten hatte – die Entscheidung war also völlig korrekt. Es tat trotzdem weh, weil der Wurf so gut war. Der zweite Versuch war mit 61 Metern schon super, aber ich wusste, dass noch mehr geht. Beim dritten Versuch bin ich etwas weiter zurückgegangen und habe voll durchgezogen – 64,34 Meter, persönliche Bestleistung. Das war ein unfassbares Gefühl. Das Speerwerfen war die entscheidende Disziplin auf dem Weg zu Gold.“

1.500 Meter – Das Finale (4:31,89 → 732 Punkte)
Vor den abschließenden 1.500 Metern hat Neugebauer einen Vorsprung von umgerechnet etwa vier Sekunden auf Garland, der auf dieser Strecke jedoch nicht zu den besten Läufern zählt und am Ende Gesamt-Dritter wird. Größere Gefahr droht von Owens-Delerme. Neugebauers Vorsprung auf den Puerto-Ricaner beträgt 114 Punkte – zu wenig, um sich in Sicherheit zu wiegen. Die Entscheidung fällt auf den letzten Metern. Neugebauer mobilisiert alle Kräfte und läuft mit 4:31,89 Minuten persönliche Bestzeit, rettet Platz eins ins Ziel – und holt WM-Gold. Mit 8.804 Punkten und gerade mal 20 Zählern Vorsprung auf Owens-Delerme.
Jetzt ging es los mit dem Rechnen: Vor dem abschließenden 1.500-Meter- Lauf hatte ich 15 Punkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten. Kyle Garland. Wir wussten, dass ich schneller bin als der US-Amerikaner. Aber da war ja noch Ayden Owens-Delerme aus Puerto Rico, der gute Siegchancen hatte und ein hervorragender Läufer ist. Mein Coach wies mich an, während des Rennens höchstens 80 Meter hinter Owens-Delerme zu bleiben. Garland startete wie gewohnt schnell und wurde dann langsamer. Ich blieb eineinhalb Runden hinter ihm und erhöhte das Tempo, schon nach 500 Metern war ich richtig am Limit. Es war brutal hart. Aber ich hatte keine Wahl – ich musste dranbleiben. Ich habe mir ständig gesagt: Du schaffst das. Die letzten 50 Meter waren die Hölle, aber ich wusste, dass es reicht.“

WM-Gold im Zehnkampf! Im Ziel, am Ziel
Nach dem Zieleinlauf sinkt Neugebauer völlig entkräftet zu Boden. Auf dem Rücken liegend, den Kopf auf der Tartanbahn, schließt er kurz seine Augen.
„Ich war mir in diesem Moment ziemlich sicher, dass ich Weltmeister bin. Ich habe, auf dem Boden liegend, auf Englisch einen Kameramann gefragt: Habe ich es gewonnen? Als er das bejahte, kam alles raus – Anspannung, Energie, alles weg. Ich war leer. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte gejubelt, aber es ging einfach nicht mehr. Innerlich habe ich gefeiert, aber der Körper hat nicht mehr mitgemacht. In diesem Moment habe ich an alle gedacht, die mich unterstützt haben – Freunde, Familie, Trainer, ganz Deutschland. Ich renne nicht nur für mich, sondern für sie alle. Das gibt mir Kraft. Niklas Kaul, 2019 Weltmeister, war der erste Gratulant. Das war der schönste Moment meiner Karriere. Es war das erste Mal, dass ich wirklich das Gefühl hatte: Ich bin angekommen. Weltmeister zu werden – das ist für immer.“

Der Schreckmoment
Neugebauer scheint von selbst kaum aufstehen zu können, so sehr hat er sich verausgabt. Die Muskeln versagen, doch es naht Rettung – Helfer schieben einen Rollstuhl herbei. In dem hält es Neugebauer allerdings nur kurz.
„Verrückt. Ich lag da wie ein Sack Kartoffeln und konnte mich nicht mehr bewegen, dann sah ich die Helfer auf mich zukommen. Ich dachte, sie wollen mir auf die Beine helfen Den Rollstuhl hinter mir hatte ich gar nicht bemerkt – zack, schon saß ich drin. Ich wollte das auf keinen Fall, habe gleich gesagt: Stopp, stopp, stopp, aufhören! Die Helfer haben meine Beine in die Stützen gelegt, und ich dachte mir: Das sieht gar nicht gut aus. Ich wollte nicht, dass die Zuschauer denken, dass mir etwas Schlimmes passiert wäre. Ich war komplett platt, aber nicht verletzt. Ich habe kurz innegehalten, bin mit einem Ruck aufgestanden und einfach weggelaufen, so schnell ich eben konnte. Trotz dem vielen Dank an die Helfer.“

Die Siegerehrung
Zur Siegerehrung am Sonntagabend, bei der Neugebauer die Goldmedaille überreicht wird und die deutsche Nationalhymne erklingt, ist Neugebauer wieder bei Kräften.
„Man steht da oben, hört die deutsche Hymne, sieht die Flagge – das ist allein dein Moment. Ganz anders als der Gewinn der Silbermedaille in Paris. Ich hatte Gänsehaut, konnte kaum mitsingen, weil meine Lippen so sehr gezittert haben. Ich habe in die Menge geschaut, meine Familie und Freunde hatten Tränen in den Augen. Ich habe versucht, nicht zu weinen, aber es ging nicht – und auch bei mir liefen die Tränen. In diesen Minuten habe ich an alle gedacht, die mich auf dem Weg unterstützt haben. Das Gefühl, sie stolz gemacht zu haben, ist das schönste überhaupt.“

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