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Judoka Alina Böhm: "Niemals aufgeben und immer wieder aufstehen"

Judoka Alina Böhm ist 2022 und 2023 Europameisterin im Halbschwergewicht geworden. 2024 holte sie EM-Bronze. Im Sports-Illustrated-Interview spricht sie über ihre Anfänge, die Freude an ihrem Sport und ihren Olympiatraum.

Judoka Alina Böhm
Credit: Michael Neugebauer
 

Sports Illustrated: Wie sind Sie zum Judo gekommen? 

Alina Böhm: Ich war im Sommerferienprogramm, wo man verschiedene Sportarten ausprobieren konnte, und habe mich fürs Judo angemeldet. Ich habe dann direkt alle Jungs besiegt. Anschließend kam der Trainer zu meinen Eltern und meinte: "Ich möchte sie unbedingt haben! Ich schenke ihr einen Judoanzug, bitte schickt sie ins Wettkampftraining."

Sports Illustrated: Wie alt waren Sie damals?

Böhm: Ich war zehn Jahre alt – und somit relativ alt für den Einstieg. Aber ich hatte sehr viel Spaß dabei, und da war es um mich geschehen. Es war Liebe auf den ersten Blick – ein perfektes Match. 

Sports Illustrated: Hatten Sie schon vorher Judo-Erfahrung? 

Böhm: Nein, das war alles komplett neu für mich. Wir haben dort die Basics gelernt – Fallen, die ersten Würfe – und dann kam es zum Kämpfen. Da war ich sofort in meinem Element. 

Sports Illustrated: Waren Sie immer schon eine kleine Kämpferin? 

Böhm: In unserer Familie bin ich die große Schwester (lacht). Ich habe einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester. Da muss man zeigen, wer der Chef zu Hause ist. Aber eine Kampfsportart hatte ich vorher nie gemacht. 

Sports Illustrated: Wie würden Sie Judo in drei Worten beschreiben? 

Böhm: Brutal, taktisch und vielfältig. Brutal, weil der Sport körperlich sehr hart sein kann. Taktisch, weil man mental stark sein und im richtigen Moment Entscheidungen treffen muss. Und vielfältig, weil das Training so abwechslungsreich ist wie in kaum einer anderen Sportart. 

Alina Böhm auf der Judomatte
Alina Böhm auf der Judomatte
Credit: Lorraine Hoffmann
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Sports Illustrated: Wie schmerzresistent muss man beim Judo sein? 

Böhm: Man muss auf jeden Fall über seine Grenzen gehen können. Oft sagt der Körper: "Es geht nicht mehr" – und man lernt, dass es doch immer noch ein Stück weitergeht. Die Champions sind die, die sich selbst austricksen können und weiterkämpfen, obwohl der Körper schreit, dass Schluss ist. 

Sports Illustrated: Wie trickst man seinen Kopf aus, um Schmerzen zu verdrängen? 

Böhm: Das kommt mit der Erfahrung. Im Training lernt man, wann man wirklich am Limit ist und was noch geht. Wir werden regelmäßig an die Belastungsgrenze gebracht – beim Laufen, im Krafttraining oder im Randori. Da muss man manchmal einfach ein Wildschwein sein (lacht).

Sports Illustrated: Arbeiten Sie mit Mentaltrainern zusammen? 

Böhm: Ja, seit vielen Jahren. Früher hatte ich jemanden in Stuttgart, jetzt in Köln – eine ehemalige Athletin, die Judo sehr gut kennt. Das ist für mich elementar, um Routinen zu verbessern oder zu verändern, wenn ich merke, dass ich nicht weiterkomme. Oft helfen auch einfache Gespräche, wenn im Training etwas nicht so läuft. So schaffe ich es, meinen Kopf aufzuräumen. 

Sports Illustrated: Was ist im Judo am wichtigsten – Kopf, Technik oder Körper? 

Böhm: Das Zusammenspiel ist wichtig, aber der Kopf ist entscheidend. Man kann der stärkste Kämpfer im Training sein – im Wettkampf heißt das noch lange nicht, dass man gewinnt. Es gewinnt nicht immer die Bessere, sondern die, die im Kopf stark bleibt und bis zum Ende durchzieht. Judo machen und im Judo gewinnen sind zwei verschiedene Dinge. 

Sports Illustrated: Was war Ihr schönster Moment auf der Matte? 

Böhm: Mein zweiter EM-Titel 2023. Das war eine schwierige Phase mit vielen Rückschlägen und Verletzungen. Der Sieg war knapp – in der letzten Sekunde mit einem Wurf, in Frankreich, vor einer unglaublichen Kulisse. Das war magisch – da hat einfach alles gepasst. 

Sports Illustrated: Was sind Ihre Stärken – und wo sehen Sie noch Potenzial? 

Böhm: Ich bin sehr ehrgeizig und mental stark. Ich kann gut über Grenzen gehen und mich immer wieder motivieren. Meine Schwäche ist manchmal die Geduld. Ich will oft zu schnell zu viel. Da lerne ich, dem Prozess zu vertrauen und nicht alles sofort zu wollen. 

Sports Illustrated: Wie gehen Sie mit Rückschlägen, Verletzungen oder Niederlagen um?

Böhm: Mit der Zeit lernt man, dass Höhen und Tiefen dazugehören. Ich hatte viele davon – gerade in der Olympia-Qualifikation. Ich habe gelernt, dass es okay ist, enttäuscht zu sein, denn man findet immer wieder zurück. Mir hilft es, Abstand zu gewinnen: Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen und raus aus der Judo-Bubble zu kommen. Dann merke ich, es gibt noch mehr im Leben, und alles wird leichter. 

Judoka Alina Böhm
Judoka Alina Böhm
Credit: Lorraine Hoffmann
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Sports Illustrated: Haben Sie spezielle Rituale vor den Wettkämpfen? 

Böhm: Ich wärme mich immer gleich auf, habe das gleiche Getränk dabei – ein isotonisches Getränk – und höre vor dem Kampf die gleichen Songs. 

Sports Illustrated: Welche Musik hören Sie? 

Böhm: Ich höre Billie Eilish. Das ist ein bisschen dunkel, mysteriös, aber es bringt mich total in meinen Tunnel. Ich konzentriere mich auf die Lyrics – und dann, wenn ich auf die Matte gehe: Bäm! (lacht) 

Sports Illustrated: Welche Ziele haben Sie mit Blick auf Olympia? 

Böhm: Olympia ist natürlich das große Ziel. Aber ich habe gelernt, in kleinen Schritten zu denken – Baby-Steps. Wenn man zu sehr in der Zukunft lebt, vergisst man, den Moment zu genießen. Ich setze mir lieber kleine Ziele für heute und morgen – dann kommen die großen Erfolge automatisch. 

Sports Illustrated: Träumen Sie von Olympiagold? 

Böhm: Natürlich! Ich glaube, jeder Sportler träumt davon. Aber ich denke, wer sich auf den Weg konzentriert, ist am Ende glücklicher – egal, was kommt. 

Sports Illustrated: Was würden Sie jungen Mädchen raten, um im Judo erfolgreich zu sein? 

Böhm: Niemals aufgeben. Immer wieder aufstehen. Wenn’s weh tut – durchhalten. Es wird besser. Den Weg genießen, kleine Ziele setzen und einfach immer weitermachen.



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