Jessica von Bredow-Werndl bei Sports Illustrated: "Es ist eine Seelen-Geschichte"
- Jessica von Bredow-Werndl auf Sports-Illustrated-Cover
- Dressur-Queen von Bredow-Werndl im Sports-Illustrated-Interview
- Jessica von Bredow-Werndl: "Stresse mich nicht auf der Jagd nach Medaillen"
- Jessica von Bredow-Werndl: Alles zu Karriere, Titeln, Gehalt und Privates
Wer sich auf den Weg zu Jessica von Bredow-Werndl macht, wird bei der Fahrt nach Gut Aubenhausen mit einem Postkartenpanorama belohnt. Über vier Stunden Zeit für Fotoaufnahmen nimmt sich Deutschlands erfolgreichste Reiterin auf ihrer Anlage, die südöstlich von München liegt. Zum anschließenden Pizza-Essen mit dem Team kommt auch ihr Sohn dazu.
Denn Aubenhausen ist für Bredow-Werndl mehr als nur ein Reiterhof: Hier lebt sie mit ihrer Familie, ist neben Sportlerin, Ehefrau und Mutter auch Unternehmerin. Zum Interview treffen wir uns einige Tage später per Videocall.
Sports Illustrated: Frau von Bredow-Werndl, wie geht es Dalera?
Jessica von Bredow-Werndl: Sehr gut, sie genießt ihren Ruhestand und darf nächstes Jahr Mama werden. Ich freue mich sehr für sie. Auch wenn es komisch klingen mag, als ich 2022 mit meiner Tochter Ella schwanger war, hatte ich bei Dalera das Gefühl, dass sie das auch einmal erleben möchte. Mag sein, dass es nur Einbildung ist. Aber wir hatten schon immer so eine enge Verbindung zueinander, dass ich überzeugt bin, dass auch sie sich nun sehr auf das Leben als Mutter freut.
Sports Illustrated: Die enge Verbindung trug Sie gemeinsam zu den Olympiasiegen in Tokio und Paris, mit keinem anderen Pferd waren Sie so erfolgreich. Warum hat es gerade mit Dalera so gut funktioniert? Ist das wie mit Beziehungen im richtigen Leben, mit manchen Menschen klappt’s auf Anhieb und mit anderen gar nicht?
von Bredow-Werndl: Ja. Es ist eine Seelengeschichte. Das Vertrauen und die Harmonie muss man sich bei allen Pferden erarbeiten. Bei manchen dauert es länger, bei Dalera passte es ganz schnell. Mein Ziel ist, die Pferde so zu erreichen, dass sie sich für mich begeistern. Dass jedes einzelne sich freut, wenn ich in den Stall komme, dass sie um meine Aufmerksamkeit buhlen. Wenn sie mir genau dieses Gefühl vermitteln, weiß ich, dass ich viel richtig gemacht habe. Aber ja, mit Dalera war es von Anfang an eine sehr tiefe und intensive Beziehung.
Sports Illustrated: Macht es einen Unterschied, ob man Pferde schon seit ihren jüngsten Jahren großzieht oder sie erst später bekommt?
von Bredow-Werndl: Es ist in jedem Fall leichter, wenn sie seit Anfang an bei mir sind, wenn ich selbst die Ausbildung übernehme. Dann kann man eine gemeinsame Sprache entwickeln. Wenn ich ein Pferd im höheren Alter bekomme, muss ich erst lernen und verstehen, wie die vorigen Ausbilder mit ihm kommuniziert haben, worauf es reagiert. Und damit meine ich nicht nur die technische Ebene, wenn es um die Übungen für unsere Turniere geht, sondern vor allem die emotionale. Am Ende entscheidet aber immer das Pferd allein, wie lange dieser Prozess dauert.
Sports Illustrated: Wie schnell klappt es mit Diallo? Mit ihm feierten Sie nach Olympia 2024 schon einige Erfolge. Ist Diallo die neue Dalera?
von Bredow-Werndl: Ich habe mir fest vorgenommen, kein Pferd mit Dalera zu vergleichen. Aber ja, Diallo hat ebenfalls das Potenzial, ganz oben mitzumischen. Es waren beeindruckende Bilder, als Sie 2024 vor der Kulisse von Versailles und vor vollen Tribünen mit 15.000 Menschen Ihre olympische Goldkür zelebrierten.
Sports Illustrated: Wie sehr aber verstehen denn Pferde, worum es gerade geht? Haben sie ein Gespür dafür, dass dieser Ritt nun eine andere Bedeutung hat als ein kleines Turnier in der Provinz vor wenigen Zuschauern?
von Bredow-Werndl: Ja und nein. Nein, weil gerade Dalera immer ihr Bestes gegeben hat, egal, wie wichtig und prestigeträchtig die Veranstaltung war. Diese sehr tiefenentspannte Einstellung hat mich ebenfalls sehr geerdet, weil ich mir dachte: Sie macht keinen Unterschied, ob Olympia ist oder nicht, also mach du ihn selbst auch nicht. Sie hat da eine gewisse Lässigkeit hineingebracht. Wichtig war mir immer, dass wir beide unsere einstudierten Rituale durchziehen. Dass wir zusammen kurz vor einem Wettkampf in der Vorbereitung fokussiert in einen Tunnel reingehen. Das hat bei uns beiden für eine Routine gesorgt, die uns half, in ein Flow-Gefühl zu kommen. Und ja, da ich immer das Gefühl hatte, dass Dalera noch mal eine Schippe draufgelegt hat, wenn die Atmosphäre besonders war.
Sports Illustrated: Welche Rituale waren das?
von Bredow-Werndl: Atemübungen und Yoga; wann schlüpfe ich in meine Stiefel, wann lege ich die Kandare an? Bis zu: Wann gehe ich mit ihr noch eine Runde spazieren, damit sie Wasser lassen kann? Wir haben diese Struktur mit den Jahren immer weiter verfeinert. Wichtig war eine ganz bewusste und ruhige Atmung meinerseits, um ihr ein gutes Gefühl zu vermitteln. Wäre ich total aufgeregt vor ihr herumgehampelt, hätte sich das bestimmt auf sie übertragen.
Sports Illustrated: Die knisternde Atmosphäre in Paris, die äußeren Umstände, die imposante Kulisse, das hat sich nicht ausgewirkt auf sie?
von Bredow-Werndl: Doch, das spielte sicher eine Rolle. Nur war es bei Dalera so, dass sie das eher zu beflügeln schien. Ich habe mir neulich noch mal das Video angesehen, wie wir in Versailles in das Stadion reiten. Erst da wurde mir so richtig bewusst: Wahnsinn, wie auch sie da unbedingt rein wollte. Völlig unbeeindruckt, ohne eine Millisekunde zu zögern. Und das, obwohl ein Pferd ja eigentlich ein Fluchttier ist. Es ist immer wieder faszinierend.

Sports Illustrated: Sie erzählten einmal, dass Pferde beleidigt sein können, wenn sie mal das Siegerpodium nicht erreichen. Bekommen die denn das wirklich mit, dass es bei großen Events um Ruhm und Ehre und Medaillen geht?
von Bredow-Werndl: Bei Unee war das so. Mit ihm gewann ich nicht viele Weltcup-Turniere, aber oft waren wir in den Top 3. Er schien dann immer sehr glücklich, wenn wir das schafften – mit einer besonderen Ehrung inklusive der Nationalhymne des Siegerpaares. Aber ich spürte eben auch, dass er richtig angefressen war, wenn es mal nicht klappte, wenn wir nicht in den Top 3 waren und allenfalls als weitere Platzierte eine Ehrenrunde drehen durften.
Sports Illustrated: Nach Ihrem Olympiasieg in Paris sagte Ihr Teamkollege Frederic Wandres: "Wenn es um mentale Stärke geht, ist die Jessica ein unglaubliches Vorbild." Wie wichtig ist diese mentale Stärke in Ihrem Sport und wie trainieren Sie dafür?
von Bredow-Werndl: Ich hatte das Thema mentales Training schon in der Schule in meiner Facharbeit betreut und mich später immer wieder damit beschäftigt. Gerade am Übergang zwischen den Junioren und Erwachsenen, als meine Karriere stagnierte. Ich hatte eine Phase von etwa sechs Jahren, in der ich extrem unerfolgreich war und keine Pferde hatte, mit denen ich an meine Erfolge aus jungen Jahren anknüpfen konnte. Meinem Bruder ging es genauso. Wir hatten beide kein Selbstwertgefühl mehr, haben alles infrage gestellt und erwogen, mit dem Reitsport aufzuhören. Bis dann zwei ganz entscheidende Dinge in meinem Leben passierten: die Begegnung mit meinem Mentalcoach Holger Fischer und einige Monate davor die Nahtoderfahrung bei meinem Badeunfall auf Sardinien.
Sports Illustrated: Im Oktober 2010 wurden Sie von der Strömung aufs offene Meer gezogen, erst im letzten Moment konnte Ihr heutiger Mann Sie retten und an Land ziehen.
von Bredow-Werndl: Ich hatte in jenen Minuten damals schon abgeschlossen mit meinem Leben und dachte mir: Das war’s jetzt. Das überlebt zu haben, war sicher der größte Gamechanger in meinem Leben. Ich hatte bis dahin immer viel zu viel gearbeitet, bis zur Erschöpfung – und habe nicht auf mich geachtet. Ich war eine Grenzgängerin, immer am Limit, ohne Rücksicht auf mich selbst. Ab diesem Tag habe ich mehr und mehr gelernt, loslassen zu können. Ich habe diesen 10. Oktober 2010 als zweiten Geburtstag angenommen, als eine Chance und ein Geschenk, weiterleben zu dürfen. Ich habe gelernt: Je ehrlicher ich zu mir selbst bin, je weniger ich auch irgendwelche negativen Gefühle und Ängste wegdrücke und je mehr ich mich darauf einlasse und lerne, mit ihnen umzugehen, umso besser geht es mir. Das habe ich speziell in Paris gemerkt.
Sports Illustrated: Warum? Hatten Sie Angst vor Ihrem Olympiaritt?
von Bredow-Werndl: Der Druck vor und während Paris war mit nichts zu vergleichen, was ich bis dahin vor einem Wettkampf gefühlt hatte. Das ist schwer zu beschreiben, wenn man es nicht erlebt hat. Ich wollte am Morgen der Einzelentscheidung nicht unbedingt in Paris sein. Gar kein so schönes Gefühl. Am liebsten wäre ich mit Dalera irgendwohin in den Wald geritten, nur wir beide.

Sports Illustrated: Klingt nach Eskapismus. Wie haben Sie es geschafft, diese Angst zu überwinden?
von Bredow-Werndl: Indem ich losgelassen habe. Ich habe zu mir gesagt, dass ich gut genug bin, so wie ich bin. Und dass Dalera genau richtig ist, so wie sie ist. Und dass wir nur unser Bestes geben können. Entweder es geht sich aus – oder nicht. Egal ob es eine Medaille wird oder nicht, ich werde sie und auch mich selbst danach in den Arm nehmen. Auch dank der vielen anderen Tools, die ich über die Jahre erlernt hatte, und meiner Erfahrung gelang es mir, meine Angst nicht zu leugnen und sie zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und zu einem positiven Grundgefühl zu verarbeiten.
Sports Illustrated: Sie sagten vorhin, Sie haben sich vom Leben als Grenzgängerin verabschiedet. Nun sind Sie Leistungssportlerin, Pferdetrainerin, Unternehmerin und dazu auch noch zweifache Mutter. Führt das nicht zwangsläufig dazu, weiterhin permanent am absoluten Limit zu sein?
von Bredow-Werndl: Klar, auch heute würde ich sagen, dass ich mich manchmal am Limit wiederfinde. Balance ist kein Dauerzustand, und meine Grenzen zu spüren, ist auch nicht unbedingt etwas Negatives. Das hat viel mit Selbstmanagement und Strukturierung meines Lebens zu tun. Wann kann ich was erledigen, ohne dass ich ins Hamsterrad gerate? Entscheidend ist, dass ich mich auf alle meine Aufgaben freuen kann. Auf die Zeit mit meinen Kindern, auf die mit meinen Pferden, auf die als Unternehmerin. Ja, ich bin manchmal erschöpft und ja, ich frage mich oft, warum hat mein Tag nur 24 Stunden? Ich bin aber inzwischen sehr geübt darin, die Dinge viel entspannter zu sehen. Wenn ich wirklich gestresst bin und das Gefühl habe, in eine Negativspirale zu geraten, dann steige ich auf die Bremse und ziehe mich ziemlich schnell wieder heraus. Wichtig ist auch die Zeit, die ich mir für mich selbst nehme. Beim Yoga, beim Laufen, beim Krafttraining – abgesehen davon, dass all das auch fürs Reiten ganz wichtig ist.
Sports Illustrated: Körperliches Training ist fürs Dressurreiten so wichtig wie das mentale?
von Bredow-Werndl: Zumindest ist das eine ganz wichtige Komponente. Gerade die Rumpfstabilisation trainiere ich täglich. Ich möchte weich sitzen, um die Pferde in ihrem Ablauf zu unterstützen und nicht zu stören. Damit ich nicht im Sattel auf und ab hopse, sondern ich mich in den Pferderücken hineinschmiegen kann: Dafür brauche ich eine gute Körperkontrolle, Stabilität wie auch Mobilität.
Sports Illustrated: Noch einmal zurück zum Spagat zwischen Spitzensport und Kindererziehung: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus, wie lässt sich die Doppelrolle vereinbaren?
von Bredow-Werndl: Ganz am Morgen, da bin ich die Mama. Wenn die Kinder in der Schule und im Kindergarten sind, werde ich zur Profisportlerin – und am Nachmittag bin ich wieder die Mama. Mein Sohn ist acht, der ist schon recht selbstständig, spielt mit seinen Kumpels Basketball und Fußball. Meine Tochter ist drei, die braucht natürlich noch die komplette Aufmerksamkeit. Da habe ich aber auch Hilfe von meiner Mutter. Zwischendrin habe ich noch meine Onlinekurse für den Aubenhausen Club, organisatorische Dinge oder Bürokram zu erledigen. Termine wie dieses Fotoshooting oder unser Interview lege ich meist auf freie Tage, wenn die Pferde ihren Ruhetag haben; die bekommen alle drei Tage eine Pause. Ich darf für so ein Leben schon recht gut organisiert sein, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass ich es ganz gut im Griff habe.
Sports Illustrated: Mütter im Leistungssport sind immer wieder ein großes Thema. Viele Frauen entscheiden sich dafür, erst nach Ende der Sportlaufbahn Mutter zu werden, aus Angst vor dem Karriereknick. War das bei Ihnen anders, weil im Dressurreiten die Karriere mit Anfang, Mitte 30 noch lange nicht zu Ende sein muss?
von Bredow-Werndl: Mit Sicherheit, das ist in meinem Sport ein großer Vorteil. Ich habe das Leben als Mama und Sportlerin nie als Belastung empfunden, im Gegenteil, das Muttersein hat mir eher noch mehr Leichtigkeit gegeben. Natürlich, es führt unweigerlich zu einem strafferen Tagesplan. Aber es hat mich doch viel lockerer gemacht. Weil sich dadurch meine Prioritäten verschoben haben. Denn meinen Kindern ist es völlig egal, ob ich Erste oder Letzte werde, für die bin ich immer gleich wertvoll. Es ist wichtig, sich genau das zu vergegenwärtigen, wenn man mal wieder zu angespannt ist vor einem Turnier und sich zu sehr reinsteigert. Und letztlich zeigt die Bilanz, dass ich ja viel erfolgreicher bin, seit ich Kinder habe. Viermal Olympiagold habe ich erst als Mama gewonnen.

Sports Illustrated: 2022 gab es medial große Aufregung, weil Sie sechs Wochen nach der Geburt Ihrer Tochter Ella bei einem Wettkampf in Ludwigsburg reiten wollten. Der Weltverband FEI verwehrte Ihnen aber die Teilnahme mit dem Argument, als Mutter dürften Sie nach einem halben Jahr Mutterschutz wieder an einem Turnier teilnehmen. Damals schlossen Sie sich der Initiative EqualEquest an und unterstützten die Forderung, diese Regelung aufzuheben. Kam denn inzwischen Bewegung in das Thema?
von Bredow-Werndl: Zum Glück ja, dank des öffentlichen Aufschreis hatte die FEI ein Einsehen und reduzierte die Turniersperre von sechs auf drei Monate. Immerhin. Ich fand das völlig indiskutabel, wie sehr Mütter hier diskriminiert wurden. Entscheidend ist doch, wie fit und gesund eine Reiterin ist, wie es ihr geht, wie sie sich fühlt. Und das kann nur sie selbst entscheiden. Nun geht es im Reitsport nicht nur um das Wohlergehen von Reiterinnen und Reitern, sondern auch um das der Pferde.
Sports Illustrated: Tierwohl ist ein ganz großes Thema. Kurz vor Paris 2024 sorgte ein Video für großes Entsetzen, auf dem Olympiasiegerin Charlotte Dujardin ein Pferd mit Peitschenhieben malträtierte. Was empfanden Sie, als Sie diese Bilder sahen?
von Bredow-Werndl: Wut. Nichts als Wut. Es war eine völlig sinnlose Aktion, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Es war natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die unseren Sport in den Dreck ziehen wollen. Das Tierwohl steht für uns Reiter an alleroberster Stelle. Wie ich kümmern sich die allermeisten Reiterinnen und Reiter mit sehr viel Hingabe und Liebe um ihre Pferde, um ihnen das beste Leben überhaupt zu ermöglichen. Meine Pferde kommen fünfmal am Tag raus, gehen täglich auf die Koppel, bekommen das beste Essen, dazu Wellness, sie alle wirken glücklich und zufrieden. Und dann kommt ein Video mit so einer schrecklichen Aktion und stellt uns unter Generalverdacht.
Sports Illustrated: Sie haben Ende 2024 mit Kismet ein Erfolgspferd der suspendierten Charlotte Dujardin übernommen. Wie war die Eingewöhnung für Sie beide?
von Bredow-Werndl: Anfangs war sie sehr misstrauisch, und es hat eine Zeit gedauert, bis sie sich mir geöffnet hat. Dabei ging es auch hier nicht um technische Anforderungen, sondern um die emotionale Ebene zwischen ihr und mir. Es hat etwas gedauert, bis wir eine Bindung aufbauen konnten.
Sports Illustrated: Denken Sie, die Grundskepsis könnte auch an Kismets schlechter Erfahrung mit ihrer früheren Reiterin liegen?
von Bredow-Werndl: Alles könnte so oder so interpretiert werden. Ich weiß nur, dass sie mir gegenüber sehr misstrauisch war. Ich weiß nicht, was vorher war, was sie früher erlebt hat. Ich kann nur daran arbeiten, dass sie mir ihr ganzes Herz und ihr Vertrauen schenkt. Und da sind wir inzwischen schon auf einem sehr guten Weg. Es kann bei Kismet auch eine Charakterfrage sein. Das ist wie bei uns Menschen: Manche Typen öffnen sich ihrem Umfeld schneller, andere sind zurückhaltender und vorsichtiger. Darauf darf ich mich eben einlassen. Das Wohl des Tieres steht bei mir in jedem Fall über allem. Das beginnt auch schon auf dem Teller.
Sports Illustrated: Sie ernähren sich fleischlos?
von Bredow-Werndl: Seit ich vier bin. Damals hatte ich eine Scheibe Wurst in der Hand und fragte meine Mama, was das ist. Als sie sagte, das sei von einer Kuh, habe ich die Wurst weggelegt und seitdem nie mehr Fleisch gegessen. Inzwischen ernähre ich mich nahezu rein pflanzlich.
Sports Illustrated: Auch Sie erlebten schon einen Shitstorm, Anlass war ein Turnier im November 2024 auf Gut Ising, bei dem Ihr Pferd Gatsby bockte und Sie die Aufgabe dennoch zu Ende ritten. Danach prasselte im Netz viel Hass auf Sie ein.
von Bredow-Werndl: Im ersten Moment hat mich das extrem verletzt. Gerade eben weil mir das Wohlbefinden meiner Pferde so wichtig ist. Bei dieser besagten Prüfung hatte ich weder eine Gerte in der Hand, noch habe ich Sporen benutzt. Ich habe einfach nur versucht, das Pferd zu beruhigen und die Aufgabe positiv zu Ende zu reiten. Hätte ich das geschafft, hätte niemand etwas Negatives sagen beziehungsweise schreiben können. Leider habe ich es in der Kürze der Zeit nicht geschafft, aber es war nicht im Geringsten etwas, das gegen Tierwohl und Tierschutz verstoßen hätte. Das wusste ich, das wussten und sagten auch Experten.
Sports Illustrated: Was haben Sie daraus gelernt?
von Bredow-Werndl: Es hat gedauert, bis ich das alles verarbeitet hatte. Aber dann wurde mir bewusst, dass ich meinen Weg unbeirrt weitergehen darf. Natürlich darf ich immer mein Tun reflektieren und weiter lernen. Aber ein Learning war auch, dass es Menschen gibt, die nur darauf warten, irgendetwas zu finden, mit dem sie Leute mit Schmutz überschütten und diffamieren können. Menschen, die vermutlich selbst sehr wenig erreicht haben in ihrem Leben und denen es ein gutes Gefühl gibt, wenn sie andere schlechtmachen können. Das ist sehr traurig, aber es ist so. Ich habe gelernt, dass Hater haten wollen, dass es aber nichts mit mir zu tun hat, sondern nur deren Thema ist. Ich bin dadurch noch resilienter geworden.
Sports Illustrated: Sie werden im Februar 40. Wie sind denn Ihre Karrierepläne, wie lange wollen Sie noch bei Turnieren im Sattel sitzen? Isabell Werth wird bald 57, Olympia 2040 könnte für Sie ja durchaus noch ein realistisches Fernziel sein.
von Bredow-Werndl: Einen konkreten Plan habe ich nicht. Ich sehe mich in den nächsten Jahren nicht mehr auf so vielen Turnieren wie manch andere Kolleginnen oder Kollegen. Ich habe so viele andere Themen, die mir Spaß machen. Ich weiß nicht, was in zehn Jahren ist, aber obich wirklich als Ü50-Reiterin noch unterwegs sein möchte, da bin ich skeptisch. Das kommt auch drauf an, ob ich noch einmal genau dieses eine Pferd habe, mit dem es so unfassbar gut klappt wie mit Dalera. Aber ich stresse mich nicht auf der Jagd nach Titeln und Medaillen. Mir geht es darum, ein glückliches Leben zu haben. Mit meiner Familie, meinem Mann, den Kindern und den Pferden.
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