Darts-WM

Elmar Paulke über Darts-WM: "Littler und Humphries werden nicht Weltmeister"

Elmar Paulke ist eine der bekanntesten Stimmen des Darts-Sports im deutschen TV. Der DAZN-Kommentator spricht mit Sports Illustrated über die anstehende Darts-WM in London, seine Titelfavoriten und die Chancen der deutschen Spieler. 

Sport-Kommentator Elmar Paulke
Credit: Imago
 

Sports Illustrated: Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs befinden Sie sich auf der „Road to Ally Pally“, bei der Sie in den Tagen vor der WM mit dem Auto nach London fahren und unterwegs viele Spieler treffen. Wieso machen Sie das? 

Elmar Paulke: Weil es ein wunderbarer Auftakt in die WM-Zeit ist. Wir kommen den Spielern unglaublich nahe, sitzen mit ihnen und ihren Familien zusammen. Es ist privat, entspannt und ganz anders als alles, was man sonst sieht. Und für mich als Kommentator ist es eine ideale Vorbereitung auf das Turnier. 

Sports Illustrated: Wie anstrengend ist es, die WM zu kommentieren? 

Paulke: Ich muss auf meine Stimme achten, damit ich nicht heiser werde. Hier ist das Zauberwort Ingwer-Tee. Zudem ernähre ich mich gesund, verzichte auf Alkohol und gehe nach einer Übertragung direkt ins Bett. Ich kommentiere jetzt meine 22. WM, deshalb weiß ich: Ich muss gut auf mich aufpassen – jünger werde ich nicht (lacht). Nach Weihnachten wechseln wir mit DAZN in den Ally Pally und übertragen von dort aus. Das gibt dem Ganzen einen besonderen Kick. Sobald die WM beginnt, ist sofort dieses besondere Gefühl da, die „Ally-Pally-Magie“. 

Darts-Kommentator Elmar Paulke
Darts-Kommentator Elmar Paulke
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Sports Illustrated: Bevor wir über die WM sprechen: Wie würden Sie das zurückliegende Darts-Jahr beschreiben? 

Paulke: Ein Jahr, geprägt von den beiden Lukes – also Humphries und Littler. Besonders bei den großen Turnieren teilten sie viele Titel unter sich auf. Die Aussage von Humphries, sie würden in einer eigenen Liga spielen, hat etwas Wahres. 

Sports Illustrated: Droht auf Dauer Langeweile? 

Paulke: Nein, dafür sind die anderen Spieler zu gut. Es wächst gerade eine Generation heran, die mit diesem hohen Spielniveau groß wird und die Älterem Stück für Stück verdrängt. Das verändert die Spitze. 2015 dachte man auch, Van Gerwen würde zu dominant werden. Darts kann sich während ein paar Turnieren völlig drehen. 

Sports Illustrated: Was macht Luke Littler so besonders? 
Paulke:
Die Lässigkeit, mit der er Erwartungen annimmt. Viele Spieler zerbrechen am Druck – Littler scheint ihn zu genießen. In den Duellen mit Humphries hatte ich oft das Gefühl, dass Humphries eher verkrampft wirkt, während Littler für solche Spiele lebt und sich total wohl fühlt, wenn er sich mit den Besten misst. Diese Haltung ist außergewöhnlich. 

Luke Littler
Darts-Star Luke Littler
Credit: Getty Image
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Sports Illustrated: Lassen Sie uns zur WM kommen. Das Teilnehmerfeld wurde in diesem Jahr auf 128 Spieler erhöht, alle müssen die erste Runde spielen. Wie finden Sie das? 

Paulke: Sehr gut. Das ist die logische Konsequenz der spielerischen Entwicklung der vergangenen Jahre. Vor zehn Jahren hätte die Nummer 30 der Welt vermutlich nie einen Top-5-Spieler schlagen können. Heute wissen wir: Auch die Top 50 können jederzeit vorne mitspielen. Warum sollten diese Spieler nicht bei der WM dabei sein? Sie arbeiten das ganze Jahr dafür. Und die Internationalisierung war der PDC immer wichtig, deshalb sind jetzt völlig zu Recht mehr internationale Starter dabei. Nur so wächst der Sport weltweit.  

Sports Illustrated: Auch das Preisgeld ist ein großes Thema. Zum ersten Mal kassiert der Sieger eine Million Pfund. Wie beurteilen Sie das? 
Paulke:
Das Preisgeld ist gigantisch – und genau deswegen sollte man über das Ranglistensystem sprechen. Die WM hat durch die enorme Dotierung einen zu großen Stellenwert. Angenommen, es gewinnt ein Spieler alle anderen Major-Turniere im Jahr, bleibt trotzdem der Weltmeister die Nummer der Welt. Das passt nicht.  Vielleicht wäre ein Punktesystem eine mögliche Lösung. Trotzdem ist es spektakulär, dass die WM Karrieren verändert. Der Sieger wird zum Millionär. Und klar: Die Marke elektrisiert die Spieler. Alle wollen der Erste sein, der sie knackt. 

Sports Illustrated: Welche Spieler können die WM in diesem Jahr gewinnen? 

Paulke: Wenn man nur das letzte Jahr betrachtet, müsste man sagen: Es läuft auf die beiden Lukes hinaus. Aber so einfach ist die WM nicht. Auch Humphries und Littler werden schwierige Momente überstehen müssen. Die Tour ist zu stark, es gibt zu viele Spieler, die plötzlich eine Weltklasse-Partie spielen können – Gian van Veen, Josh Rock, solche Jungs können jederzeit einen Topfavoriten aus dem Turnier nehmen. Gerwyn Price hat trotz ausbleibender Major-Siege ein starkes Jahr gespielt. Er deutet immer wieder an, wie gut er sein kann. Und Stephen Bunting ist, wenn er sein Spiel beisammenhat, immer gefährlich. 

Sports Illustrated: Michael van Gerwen haben Sie in Ihrer Aufzählung nicht erwähnt. 
 
Paulke:
Ihm traue ich den Titel aktuell nicht zu. Er wirkt angeschlagen, versucht zwar, seine alte Stärke und Selbstverständlichkeit zu leben und auszudrücken – aber es wirkt nicht echt.  

Darts-Profi Michael van Gerwen (Niederlande)
Darts-Profi Michael van Gerwen (Niederlande)
Credit: Getty Images
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Sports Illustrated: Sie sprechen Shootingstars wie van Veen und Rock an. Sind sie bereit für den großen Wurf?  

Paulke: Van Veen hat in diesem Jahr einen Major-Titel gewonnen, das gibt Selbstvertrauen. Josh Rock fehlt dieser große Titel, aber er ist nah dran. Ich traue beiden zu, weit zu kommen. Sie spielen einen enorm hohen Standard und wissen, dass sie die Favoriten schlagen können. Van Veen hat beispielsweise eine gute Bilanz gegen Littler – das ist wichtig für den Kopf. Für beide wäre der Titel überraschend, aber nicht unrealistisch. 

Sports Illustrated: Lassen Sie uns über zwei Favoriten der Fans sprechen. Da wäre zum einen „Snakebite“ Peter Wright.

Paulke: Peter sagte kürzlich, er werde zum dritten Mal Weltmeister. Ich halte das aktuell für ausgeschlossen. Er spielt mal ein gutes Match, vielleicht auch zwei – aber nicht sieben am Stück, die es für den Titel bräuchte. Ich glaube nicht, dass er mit dem Ausgang der WM etwas zu tun haben wird. 

Sports Illustrated: Und Gary Anderson? 

Paulke: Gary ist stärker als Wright oder auch Michael Smith, der in eine ähnliche Kategorie fällt und spielt ein besseres Jahr. Aber bei den Majors bekommt er sein Spiel nicht auf die Bühne, auch wenn er an guten Tagen jeden schlagen kann. Er kann immer noch große Turniere gewinnen, aber nicht die WM. 

Sports Illustrated: Sind Humphries und Littler bei der WM schlagbarer als bei anderen Turnieren? 

Paulke: Der Set-Modus macht sie schlagbarer. Ihre große Stärke ist die Konstanz und die kann man im Set-System nicht in jedem Moment so ausspielen wie über lange Leg-Distanzen. Der Modus gibt Außenseitern Chancen. Du kannst ein Match gewinnen, obwohl du insgesamt weniger Legs geholt hast. Das macht es gefährlich für die Favoriten. Je kürzer die Distanz, desto größer die Chance, sie zu erwischen. 

Sports Illustrated: Littler spielt sein Auftaktmatch gleich zum WM-Start am 11. Dezember und hat dann zehn Tage spielfrei. Wie schwierig ist das? 

Paulke: Sehr schwierig. Und genauso empfinden es auch die Spieler. Für sie gilt es, irgendwie die erste Runde zu überstehen und dann beginnt das Turnier mit der zweiten Runde von Neuem. Die WM fühlt sich aus Spielersicht an, wie zwei oder drei Turniere in einem, streckt sich über 21 Tage. Etablierte Spieler können damit aber umgehen. 

Sports Illustrated: Wie bewerten Sie die Chancen der acht deutschen Starter? 

Paulke: Unterschiedlich. Gabriel Clemens spricht selbst von seinem schlechtesten Jahr, steht nur auf Rang 47 – das erzeugt Druck. Gleichzeitig weiß er, was er kann, fühlt sich im Ally Pally wohl und könnte mit einer guten WM das Jahr retten. Unser Topspieler ist aber Martin Schindler. Er steht unter den Top 16 und spielt sehr konstant. Ihm fehlt das Highlight bei den Major-Turnieren – aber ein WM-Viertelfinale ist drin. Und dann kann er jeden schlagen. 

Der deutsche Dartspieler Martin Schindler in schwarzem Shirt und roten Handschuhen während eines Spiels.
Deutschlands Darts-Nummer-Eins: Martin Schindler
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Sports Illustrated: Gilt das auch für Niko Springer?  

Paulke: Ein Viertelfinale wäre schwierig, aber nicht unmöglich. Er ist der Shootingstar. Van Gerwen und Littler sagen, er habe das größte Potenzial aus dem Kreis der deutschen Spieler. Er ist ruhig, demütig, gut vorbereitet. In Runde zwei träfe er auf Josh Rock – darüber wird Rock nicht glücklich sein. Und auch gegen einen weiteren deutschen Starter spielt keiner gerne.

Sports Illustrated: Und zwar? 

Paulke: „Pikachu“ – Ricardo Pietreczko. Ich mag sein Spiel sehr. Wenn er sein A-Game findet, ist er brandgefährlich. Sein Problem: Er hat keinen Plan B, wenn das A-Game nicht funktioniert. Den braucht er, um dauerhaft in der Weltspitze zu bleiben. Aber er geht mit der richtigen Einstellung ran, will jedes Match gewinnen und traut sich auch die großen Spieler zu. Zudem kann sein langsamer Rhythmus ein Match prägen. 

Sports Illustrated: Was ist mit Max Hopp? 

Paulke: Ich habe ihn auf der „Road to Ally Pally“ getroffen. Er wirkt extrem aufgeräumt. Gegen Martin Lukeman hat er in der ersten Runde eine echte Chance, weil Lukeman kein gutes Jahr spielt. Max hingegen hat eine neue Gelassenheit, die ihm auf der Bühne helfen wird. Er macht sich nicht mehr so viel Druck wie früher. 

Sports Illustrated: Wie sehen Sie die übrigen deutschen Starter? 

Paulke: Für alle wird das ein riesiger Moment. Arno Merk eröffnet die WM. Er ist ein guter Typ, der Profi werden und diesen Run jetzt nutzen möchte. Dominic Grüllich ist ein besonderer Typ – überraschend auf die Tour gekommen, sehr langsamer Rhythmus und seit seiner Jugend Probleme mit Dartitis. Das ist ein Schatten, der manchmal mitschwingt und ihn beeinträchtigen könnte. Aber er kommt aus einer Darts-Familie, für ihn ist der Ally Pally ein Lebenstraum. Auch Lukas Wenig ist ein sehr guter Spieler und Typ. Für sie wird die WM das Highlight ihrer Karriere.  

Sports Illustrated: Zum Abschluss müssen Sie sich festlegen: Wer wird Weltmeister?  

Paulke: Auch wenn bei meinem Tipp ein bisschen Risiko mitschwingt, sage ich, dass Gerwyn Price Weltmeister wird. Es würde nicht zu diesem verrückten Sport passen, wenn Littler oder Humphries nach so einem Jahr einfach durchmarschieren würden.  



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