Darts

Ein Sport zwischen Kult und Kommerz: Wohin führt der Darts-Hype?

Darts hat sich in Deutschland vom Kneipenspiel zum Massenspektakel entwickelt. Stars wie Luke Littler füllen Arenen, Preisgelder steigen rasant – und der Sport steht vor einer entscheidenden Phase zwischen gewachsenem Kultstatus und zunehmender Kommerzialisierung.
 

Die Darts-WM startet am 11. Dezember im Londoner Ally Pally
Credit: PDC Europe

Bierbecher werden in die Höhe gereckt, Pappschilder hochgehalten. Jede 180, die höchstmögliche Punktzahl im Darts, wird fast so ekstatisch gefeiert wie ein Tor im WM-Finale. Auf der Bühne stehen zwei Männer mit jeweils drei Pfeilen in ihren Händen, sie sorgen dafür, dass die ausverkaufte ,,Uber Arena" an diesem Tag zum Tollhaus wird: Einer davon ist Nathan Aspinall, Spitzname „The Asp“, also „die Natter“, der seit Jahren zu den beliebtesten und besten Spielern der Szene zählt. Als der Engländer die Doppel-20 trifft und das Spiel dadurch beendet, bebt die Arena. In diesen Momenten spürt man: Darts ist in Deutschland längst kein Randsport mehr.

„Man merkt, wie sehr die Begeisterung hier wächst“, sagt Aspinall später, als wir ihn in einer ruhigen Minute zum Interview treffen. „Die Fans lieben den Sport, und es kommen immer mehr gute deutsche Spieler auf die Tour. Die Stimmung hier ist einzigartig.“

Was als Kneipenspiel begann, ist heute ein globales Millionengeschäft – und Deutschland einer seiner wichtigsten Märkte. Über 300.000 Fans besuchen hierzulande jährlich Darts-Events, TV-Übertragungen erreichen Millionen.

PDC-Europe-Geschäftsführer Werner von Moltke
Credit: PDC Europe
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„Wir erleben eine kontinuierlich positive und nachhaltige Entwicklung“, sagt Werner von Moltke, Geschäftsführer des europäischen Dartsverbandes PDC Europe. „Das ist das Ergebnis von harter, konsequenter, aber auch kluger Arbeit. Wir sind unseren Prinzipien treu geblieben und haben an unsere Überzeugung geglaubt.“

Stars wie Michael van Gerwen, Luke Littler oder Luke Humphries füllen heute Arenen, die sonst großen Popstars vorbehalten sind. Die Weltmeisterschaft im Londoner „Ally Pally“ ist sowieso längst Kult – und das Preisgeld spiegelt den Boom wider: Ab der WM 2026, die am 11. Dezember 2025 beginnt, kassiert der Sieger erstmals eine Million Pfund.

Die Summe sorgte in der Öffentlichkeit durchaus für Diskussionen. Für die Stars der Szene ist sie allerdings mehr eine logische Konsequenz. „In anderen Sportarten verdienen sie seit Jahren das Zehnfache. Unser Niveau ist höher als je zuvor, der Sport populärer – das sollte man auch finanziell merken“, erklärt van Gerwen mit einem Schulterzucken.

Der Darts-Weltranglistenzweite Luke Humphries
Der Darts-Weltranglistenzweite Luke Humphries
Credit: Getty Image
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Doch die Diskussion über Geld hat auch Schattenseiten. Einige Fans befürchten, dass auch ihr Sport endgültig dem Kommerz verfallen könnte. „Geld verändert Menschen-überall“, warnt von Moltke. „Ansprüche steigen, Termine verdichten sich, Prioritäten verschieben sich. Aber Darts ist im Vergleich zu anderen Sportarten noch sehr bodenständig. Unsere Spieler sind nahbar, geben Autogramme, reden mit den Fans – das ist Teil unseres Erfolgs.“

Aspinall sieht das ähnlich: „Für viele von uns hat Darts das Leben verändert – vor allem finanziell. Auch wenn das Reisen und die Abwesenheit von der Familie anstrengend sind, würde ich diesen Job für nichts auf der Welt eintauschen.“

Und dennoch spiegelt sich das gewachsene globale Interesse auch im Terminkalender der Darts-Stars wider. Die PDC veranstaltet über 150 Turniere pro Jahr in Europa, Asien, Amerika. Auch wenn die Spieler nicht dazu verpflichtet sind, daran teilzunehmen, bleibt ihnen meist nichts anderes übrig: Es geht um viel Geld und Weltranglistenpunkte – ein System, das das Hamsterrad für die Spieler weiter antreibt. Denn: Die Platzierung in der Rangliste, die auch über die Qualifikation und Setzliste für große Turniere entscheidet, setzt sich aus den eingespielten Preisgeldern der vergangenen beiden Jahre zusammen. Bedeutet: Wer viel spielt, erhöht die Chance, Geld zu verdienen. Pausen können sich gerade die Topspieler, die um die Spitzenplätze und großen Titel konkurrieren, kaum erlauben.

Luke Humphries, aktuell Weltranglistenzweiter, beschreibt es so: „Das ganze Reisen zieht dir Energie – körperlich und mental. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Müdigkeit bleibt, egal wie viel ich schlafe.“

Wenn der Engländer Nathan Aspinall die Bühne betritt, wird es meist besonders laut. "The Asp" zählt zu den beliebtesten Spielern der Szene
Wenn der Engländer Nathan Aspinall die Bühne betritt, wird es meist besonders laut. "The Asp" zählt zu den beliebtesten Spielern der Szene
Credit: Getty Image
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Der walisische Topspieler Gerwyn Price wird noch deutlicher: „Wir sind die Hälfte des Jahres von unseren Familien getrennt, schlafen schlecht, kämpfen mit Druck und Erwartungen – aber wir sind keine Roboter.“ Und weiter: „Ich bin in dieser Welt aufgewachsen, und ich liebe jeden Moment. Aber wir müssen aufpassen, dass wir den Spaß nicht verlieren.“

Michael Smith, Weltmeister von 2023, meint: „Hast du eine Verletzung, bist du raus. Und plötzlich bricht dir deine Haupteinnahmequelle weg. Das kann brutal sein.“ Aussagen, die belegen, dass das Leben der Darts-Stars mittlerweile mit dem der Topspieler aus Fußball, Basketball oder American Football vergleichbar ist. Je größer der Hype, desto mehr Präsenz müssen die Spieler zeigen, um diesen aufrechtzuerhalten.

Da kommt es nicht überraschend, dass auch umstrittene Global Player auf den Darts-Zug aufspringen möchten. Kaum ein Thema sorgte in diesem Jahr in der Szene für so-viele Kontroversen wie eine mögliche Darts-WM in Saudi-Arabien. Diese wird seit jeher im traditionellen Londoner Darts-Mekka „Ally Pally“ ausgetragen. Der Wüstenstaat meldete bereits mehrfach Interesse an einer Austragung an, so wirklich in die Karten schauen lässt sich der Darts Weltverband PDC aber nicht.

„Ich habe volles Vertrauen in die PDC“, sagt von Moltke, der mit seinem Ableger PDC Europe im ständigen Kontakt mit den Entscheidern steht. „Aber ich glaube nicht, dass die Darts-WM eines Tages in Saudi-Arabien stattfindet. Andere Sportarten haben solche Entscheidungen aus finanziellen Gründen getroffen – mit zweifelhaftem Ergebnis."

Gerwyn Price
Der walisische Topstar Gerwyn Price
Credit: Getty Image
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Ganz anders sieht es Gerwyn Price: „Ich bin ein großer Fan der Idee, die WM in andere Länder zu vergeben. Es ist unfair, dass die Engländer jedes Jahr den Heimvorteil haben. Warum also nicht Saudi-Arabien? Das ist ein finanzkräftiger Markt – am Ende sind es die Fans, die unseren Sport finanzieren.“ 

Die Debatte verdeutlicht die zunehmende Gratwanderung des Sports – zwischen Tradition und Expansion, zwischen Kult und Kommerz. Auch die Frage nach einer Olympia-Teilnahme spaltet die Szene. Aspinall fordert: „Es gibt olympisches Breakdancing – warum also nicht Darts? Technik, Präzision, Nervenstärke – Darts ist echter Sport.“

Von Moltke dagegen nennt Olympia „ein Verbrechen an den Athleten“: „Sie investieren alles für einen Moment, der alle vier Jahre kommt. Und was bekommen sie? Eine Medaille und einen Schlafplatz im Dorf. Darts funktioniert, weil wir privat organisiert sind – regelmäßig, unabhängig, planbar.“ Sein Credo: Darts soll auch weiterhin ein starkes, selbstbestimmtes System jenseits veralteter Verbandsstrukturen bleiben. Unsere einzige Verpflichtung gilt den Menschen, die uns finanzieren: den Fans“, erklärt er.

Abseits der Diskussion wächst in Deutschland gerade eine ganze Generation mit Pfeilen in der Hand heran. Topspieler Martin Schindler, der es als erster Deutscher in die Top 16 der Weltrangliste schaffte, sagt: “Um Darts in Deutschland war es nie besser bestellt. Wir haben mehr Tour-Card-Holder als je zuvor, und die Strukturen werden immer besser.“

Michael van Gerwen
Credit: PDC Europe
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Der Boom ist kein Zufall. Die PDC Europe hat den Sport hierzulande professionell aufgebaut – mit gut dotierten Turnieren in ganz Deutschland und einem immer größer werdenden Pool an Nachwuchsturnieren. Und mit Events, die perfekt zwischen Show und Sport balancieren. „Wenn auf der Bühne schlechte Darts gespielt werden, funktioniert auch die ganze Show nicht. Die Leute kommen wegen des Sports – die Show ist das Sahnehäubchen“, sagt von Moltke. Fakt ist: Darts ist in Deutschland angekommen – als Popkultur, als Sport, als Teil des Alltags. „Wir müssen keine anderen Sportarten überholen“, erklärt von Moltke. „Wir machen unser Ding. Schritt für Schritt, ganz organisch.“

Als die Arena in Berlin nach Stunden verstummt, bleibt ein Gefühl von Gemeinschaft. Menschen in Kostümen nehmen ihre Pappschilder als Andenken mit nach Hause. Am Merch-Stand, wo es die Shirts und Pfeile der Stars zu kaufen gibt, bilden sich letzte Schlangen. Was Spieler und Fans an diesem Abend, der symbolisch für die vielen Darts-Partys in ganz Deutschland steht, eint: Alle haben ein Lächeln im Gesicht, als sie die Arena verlassen.

Vielleicht wird Darts in einiger Zeit doch noch den Kampf gegen den großen Kommerz verlieren, Turniere nach Saudi-Arabien verlegen und das Preisgeld weiter erhöhen. Doch die Seele des Sports findet man mittlerweile nicht nur in England, sondern längst auch hier in Deutschland: in den deutschen Arenen, wo jede bejubelte 180 ein kollektives Versprechen ist. Das Versprechen, dass die Pfeile weiterfliegen.
 



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