WM 2026

Jürgen Klinsmann: "Wirtz muss sich Schritt für Schritt durchboxen"

In New York präsentiert Adidas den Ball für die WM 2026 – unter Anwesenheit von Fußball-Legenden wie Zinédine Zidane, Cafu und Jürgen Klinsmann. Sports Illustrated hat mit dem Weltmeister von 1990 und Ex-Bundestrainer im exklusiven Interview gesprochen.

Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann
Credit: Getty Images
  • Jürgen Klinsmann im Sports-Illustrated-Interview
  • Klinsmann: "Wirtz muss sich in Liverpool durchbeißen"
  • Deutschland gehört zu WM-Favoriten 2026

Sports Illustrated: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist mit einem 0:2 gegen die Slowakei und einem mühevollen 3:1 gegen Nordirland schwach in die Qualifikation zur WM 2026 gestartet. Wie sehr steht die DFB-Elf vor den kommenden Spielen unter Druck?

Jürgen Klinsmann: Als Deutschland mit dieser Fußballgeschichte stehst du immer unter Druck – das kann man durchaus als Kompliment verstehen. Normalerweise läuft es so, dass die Qualifikation sehr souverän geschafft wird. Wenn dann mal ein Spiel verloren geht, ist das ungewohnt. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir das hinbekommen, dass die Ernsthaftigkeit und der Fokus jetzt da sind.

Sports Illustrated: Sie waren selbst Bundestrainer: Worauf kommt es für Julian Nagelsmann in dieser Situation an?

Klinsmann: Julian braucht von mir keine Ratschläge. Generell ist es für einen Nationaltrainer die größte Aufgabe, in wenigen Tagen die ganze Mannschaft dahin zu bekommen, dass sie mit der richtigen Einstellung in das Spiel geht. Die Gemeinschaft und die Stimmung im Team sind ein essentieller Faktor, da sehe ich aktuell aber keine Probleme.

Sports Illustrated: Dass Jamal Musiala weiter verletzt fehlt und Florian Wirtz nach seinem Wechsel zum FC Liverpool bislang alles andere als überzeugt, macht die kommenden Aufgaben nicht leichter.

Klinsmann: Nein, macht es nicht. Florian braucht seine Zeit, um sich im Nordwesten England zurechtzufinden. Gerade Liverpool: Das ist viel für einen jungen Kerl. Und dann kommt er auch noch in eine Mannschaft, die nur aus Superstars besteht. Da muss er sich Schritt für Schritt durchboxen – und das wird er auch. Er ist ein Fighter. Ich war beim Klub-WM-Spiel, in dem sich Musiala verletzt hat, vor Ort. Das zu sehen, hat brutal wehgetan. Ich hoffe, dass er so schnell wie möglich wieder fit wird und auf den Zug zur WM aufspringen kann. Das würde uns unglaublich guttun. Aber selbst wenn das nicht klappen würde, haben wir so viel Qualität, dass mir für die WM nicht bange ist.

Florian Wirtz im Trikot des FC Liverpool
Credit: Getty Images
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Sports Illustrated: Kann Nick Woltemade, der im Sommer in die Premier League zu Newcastle gewechselt ist, einer der neuen Stars werden und den großen Durchbruch schaffen?

Klinsmann: Absolut, das hat er bereits in der vergangenen Saison bewiesen und kann das nun auf einem höheren Level nochmals tun. Das stimmt mich positiv: dass bei der Nationalmannschaft etwas nachkommt – Spieler, die hungrig sind und die große Turniere spielen wollen. Dazu besitzen wir eine erfahrenere Generation. Es ist die richtige Mischung, jetzt müssen sie sich zusammenraufen. Wenn sie eine gute Stimmung intern aufbauen und sich gegenseitig heiß machen, wird es für andere Mannschaften extrem schwer, Deutschland zu schlagen. Aber es wartet eine Marathonaufgabe. Die WM dauert fünfeinhalb Wochen, so lange wie noch nie. Dazu kommt auf dem Weg ins Finale ein weiteres Spiel hinzu. Da musst du leidensfähig sein – nicht nur körperlich, sondern auch mental.

Sports Illustrated: Sehen Sie Deutschland im Favoritenkreis?

Klinsmann: Ja, das sind wir automatisch. Das ist Deutschland immer, und das möchte man doch auch – und nicht eine Kategorie unter Topnationen wie Frankreich, Spanien, England oder Argentinien und Brasilien eingeordnet werden.

Sports Illustrated: Sie leben in den USA. Spüren Sie eine Vorfreude auf das Turnier?

Klinsmann: Auf die WM freuen sich nicht nur die USA, sondern auch Mexiko und Kanada – in allen Austragungsstädten. Das wird ein Festival des Fußballs und ein Festival aller Fans, die aus der ganzen Welt anreisen. Ich wünsche mir, dass das so unkompliziert wie möglich abläuft. Wir wissen alle um die Situation, in der sich die Welt im Moment befindet mit all den Problemen, die wir haben. Trotzdem bin ich überzeugt: Das wird ein unglaubliches Event, das alles toppen wird, das zuvor da war. Zumal der Fußball in den USA schon lange angekommen ist, das Team kann es ohne Probleme bis ins Viertelfinale schaffen.

Sports Illustrated: Wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus, wollen Sie nach Ihrem Aus als Coach Südkoreas zurück auf die Trainerbank – möglicherweise noch rechtzeitig zur WM?

Klinsmann: Nein, der Zug ist wahrscheinlich abgefahren. Ich hätte mich gefreut, mit Südkorea dabei zu sein. Aber dann gab es leider diesen Streit zwischen Heung-min Son und Kang-in Lee, der anschließend dem Trainerstab angelastet wurde. Aktuell ist es nun mal so, dass keine Mannschaft einen Trainer braucht, der gewisse Ambitionen hat. Denn ich möchte nicht mit einer Mannschaft zu einer WM fahren, um einfach nur dabei zu sein. Wenn, dann will ich auch etwas erreichen. Insofern denke ich nicht, dass bis zur WM noch etwas passieren wird. Aber wenn sich danach wieder eine Möglichkeit ergibt: warum nicht?



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