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England: Southgates größte Schwäche wird zunehmend zur Titel-Bedrohung

Ganz England sehnt sich nach einem Titel. Doch ist Trainer Gareth Southgate der richtige dafür? Die letzten Turniere offenbarten gnadenlos seine größte Schwäche. 

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Das Finale der WM-Qualifikation war für englische Verhältnisse ziemlich beeindruckend. Zwar brauchte die Mannschaft von Gareth Southgate nur einen Punkt gegen San Marino, doch das "Wie" überzeugte. Am Ende stand ein 10:0-Sieg. Und somit der erste zweistellige Pflichtspielsieg der Geschichte. Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass San Marino offiziell als die schlechteste Fußballmannschaft der Welt (Nr. 210 von 210) gilt, dennoch sorgten die Three Lions für ein Novum. Superstar Harry Kane erzielte dabei vier Tore und schob sich in der ewigen Torschützenliste auf Platz drei. Aber welche Aussagekraft besitzt dieser Erfolg?
 

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Mit Blick auf die WM dürfte die Bedeutung stark limitiert sein. Mannschaften wie San Marino, Albanien oder sogar Ungarn oder Polen sind keine echten Gradmesser. Sie entscheiden nicht darüber, wer am Ende die großen Titel gewinnt. Das ist eine der Schwierigkeiten des internationalen Fußballs. Für einen Aufschrei in England sorgen sie allerdings dennoch und das könnte zum Problem werden.

Alf Ramsey, der England 1966 zum Weltmeistertitel führte, kennt das. Vor dem Turnierstart hatte sein Team Norwegen in einem Freundschaftsspiel mit 6:1 besiegt. Fans und Presse waren begeistert - England oben auf. Doch Ramsey blieb zurückhaltend. Er gab sich nach einem glanzlosen 1:0-Sieg gegen Westdeutschland weitaus zufriedener. Dabei wurden seine Spieler damals für ihre Leistung ausgepfiffen. Aber die Fähigkeit das Mittelfeld gegen eine Mannschaft wie Westdeutschlands zu kontrollieren, war für ihn die wahre Feuertaufe.

Das war bisher auch weitgehend Gareth Southgates Ansatz. Und er hat funktioniert. Wir erinnern uns nur an die letzte Europameisterschaft zurück. England blieb in der Gruppenphase blass. Gerade einmal zwei Tore erzielten die Three Lions. Dennoch zog das Team als Gruppenerster in die K.o-Phase ein. Wirklich viel wurde der Mannschaft allerdings nicht zugetraut. Doch all die Zweifel waren schnell vergessen, nachdem Angstgegner Deutschland, die Ukraine und Dänemark aus dem Weg geräumt und das Finale erreicht wurde.

Auch wenn solide Leistungen gegen schwächere Mannschaften nicht begeistern, sind sie meist die Grundlage für spätere Erfolge. Im Konzert der Großen sind solche Fähigkeiten einfach unabdingbar.

Die Engländer können davon eigentlich ein Lied singen. Denn sie haben bisher nur 14 K.o.-Spiele bei großen Turnieren gewonnen, weil eben oftmals das Fundament fehlte. Mit Southgate hat sich das verändert. Er allein ist für fünf K.o-Siege verantwortlich. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass seine für viele uninspirierte Idee zumindest Erfolg verspricht.

Gareth Southgate: Seine wohl größte Schwäche

Aber - Stand jetzt - eben nur bis zu einem gewissen Punkt. Denn die Niederlagen gegen Kroatien im WM-Halbfinale und gegen Italien im EM-Finale verliefen nach einem ähnlichen Muster. England ging jeweils in Führung und geriet in der Folge unter Druck, weil die letzte Kette mit zunehmender Spieldauer tiefer und tiefer fiel. Die Reaktion von außen kam erst zu spät. Diesen Vorwurf muss sich Southgate gefallen lassen, der oftmals in diesen Momenten das Gefühl für die Partie verliert. Es ist seine vermutlich größte Schwäche, die er bisher nicht ablegen konnte. Sie rührt womöglich auch von einer tief verwurzelten englischen Angst: Die Furcht vor großen Titeln. Schließlich warten die Engländer bereits seit 55 Jahren auf den nächsten Triumph.

Gareth Southgate
Gareth Southgate tröstet Jadon Sancho nach dem verlorenen EM-Finale gegen Italien.
Credit: Getty Images
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Ob Southgate dieses Problem jetzt in den Griff bekommen hat, kann nach der Qualifikation noch nicht beantwortet werden. Dennoch ist die Versuchung groß, daran zumindest zu zweifeln. Allein das späte Gegentor in Polen schürt diese Angst. Eine solche Vermutung im jetzigen Moment schon anzustellen, würde jedoch zu weit gehen. Schließlich ist der Kader nochmals verbessert worden. Die jungen Spieler sind gereift und vor allem Phil Foden nimmt immer mehr Einfluss auf das Spiel.
 

England: Taktischer Kniff als Lösung für bisheriges Problem?

Am wichtigsten ist aber wohl die Erkenntnis, dass die Engländer sich auch taktisch weiterentwickelt haben. Während Southgate bisher gegen tiefstehende Gegner oftmals auf eine Viererkette gesetzt hatte, spielte England gegen Albanien und San Marino eine Dreierkette mit sehr offensiven ausgerichteten Außenverteidigern. Diese Art der Dreierkette könnte womöglich auch eine Option gegen die großen Teams sein. Schließlich hatte Southgate in diesen Duellen bei der Europameisterschaft eine defensivere Ausrichtung gewählt. Mit der Folge, dass die offensive Durchschlagskraft fehlte. Das Problem könnte so kaschiert werden. Angesichts der Stärke Englands in der Innenverteidigung ergibt ein solches System durchaus Sinn. Mit Jordan Henderson, Kalvin Phillips, Declan Rice und Jude Bellingham ist auch im zentralen Mittelfeld eine gesunde Tiefe vorhanden. 

All das macht Mut für die Weltmeisterschaft in Katar. Doch am Ende könnte es wieder ein Spiel mit der Angst werden.

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