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Sports-Illustrated-Kolumnist Oliver Kahn: "Wird die KI zum Gamechanger?"

Oliver Kahn analysiert in seiner Sports-Illustrated-Kolumne "Business of Football" das Geschäft mit dem Sport. Diesmal steht im Fokus: die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Fußball. Wir die KI zum Gamechanger?

Sports-Illustrated-Kolumnist Oliver Kahn
Credit: Markus Jans (Sports Illustrated)
 

Die Frage ist nicht, ob künstliche Intelligenz den Fußball verändern wird – sondern, in welchem Umfang und mit welcher Geschwindigkeit das geschieht. Noch stehen wir ganz am Anfang einer großen Transformation und einer der einschneidendsten Veränderungen in der Geschichte der Menschheit überhaupt, die neben Vorteilen auch Gefahren birgt. KI wird nicht nur unser aller Leben, sondern auch die Zukunft des Sports entscheidend prägen – und kann künftig den Unterschied machen: Wer holt den Titel, wer steigt ab?

Auch wenn die meisten Klubs in ihrem Alltag bereits KI nutzen: Noch befinden wir uns in einer Phase des Experimentierens und der ersten Gehversuche. Wobei Vereine wie der FC Brentford, Brighton & Hove Albion und der FC Liverpool, die seit Jahren bei Scouting und Transfers äußerst erfolgreich auf die Technik setzen, bereits zeigen, wohin die Reise geht. Doch das ist längst nicht alles, was KI leisten kann.

Oliver Kahn über Künstliche Intelligenz im Fußball

In vielen weiteren Bereichen sind die Vorteile schon jetzt klar zu erkennen. Zum Beispiel, was Daten und deren Auswertung angeht: Jeder Klub hat Zugriff auf riesige Datenmengen und Statistiken. Wer künftig in der Lage sein wird, diese Daten am schnellsten und intelligentesten auszuwerten, erarbeitet sich einen Wettbewerbsvorteil. 

Dafür ist KI wie gemacht, und das nicht nur zur Vorbereitung auf ein Match oder in der Analyse danach, sondern live: wenn die Tablets der Trainer am Spielfeldrand künftig mit Echtzeitdaten gespeist werden und man in Sekundenbruchteilen erkennt, wo sich bei der anderen Mannschaft gerade eine Schwachstelle auftut. Oder wenn dank der Analyse von Bewegungsdaten die KI erkennt, welcher gegnerische Spieler gerade schwächelt. Diese Sofortauswertung landet dann beim Trainer, zusammen mit verschiedenen Vorschlägen, wie er seine Taktik bestmöglich anpassen beziehungsweise diese Schwachstelle des Gegners gezielt ausnutzen kann.

Sports-Illustrated-Kolumnist Oliver Kahn
Sports-Illustrated-Kolumnist Oliver Kahn
Credit: Markus Jans (Sports Illustrated)
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Ein weiterer Einsatzbereich, in dem KI enorm hilfreich ist, sind wie bereits beschrieben das Scouting und die Identifikation von Talenten. Diese setzen ohnehin immer früher an – und können durch Leistungs- und Potenzialanalysen von KI noch präziser durchgeführt werden. 

Der nächste Punkt: das Training, vor allem mit Blick auf die Bereiche Prävention und Belastungssteuerung und am Ende auch die Leistungssteigerung. Die Spieler tragen sowieso heute schon alle Wearables, die sämtliche relevante Daten messen. Und weil die KI ein lernendes System ist, wird sie mit der Zeit und zunehmenden Daten auch immer besser. Ich stelle mir das so vor: Der Trainer steht mit VR-Brille am Spielfeldrand und bekommt in Echtzeit alle relevanten Werte der Spieler angezeigt: wer ermüdet, wer sich womöglich bald verletzen könnte und so weiter.

Oliver Kahn: " KI kann echter Gamechanger sein"

Für die Business-Seite des Sports bedeutet das zwei Dinge: Einerseits brauchen die Vereine in Zukunft möglicherweise weniger Personal in KI-relevanten Bereichen wie Scouting oder Taktikanalyse. Andererseits kosten Abteilungen, die sich mit Technologie und deren Weiterentwicklung beschäftigen, enorm viel Geld. So viel, dass von der KI vermutlich vorrangig die Topklubs profitieren dürften.

Im Zusammenhang mit KI stellen sich aber noch ganz andere Fragen: Ob man zum Beispiel deren Einsatz während des Spiels regulieren will und ob man das überhaupt kann. Oder ob Schiedsrichter künftig KI nutzen sollen: Mit solchen Themen muss man sich beschäftigen. Für die Spieler gilt: Tempo, Dynamik, Athletik, all das kann durch KI auf ein neues Level kommen. Doch die Mentalität, das menschliche Kernelement des Sportlers, bleibt für mich weiterhin ein entscheidender Faktor. 

Wie weit bin ich wirklich bereit, im Wettkampf zu gehen? Wie viel Schmerz, Entbehrung und Opfer nehme ich in Kauf – nur für diesen einen Erfolg? Bin ich bereit, über meine Grenzen zu gehen, dort zu bleiben – und noch einen Schritt weiterzugehen? KI im Sport, das klingt sehr kühl, sehr kalt, weil künstliche Intelligenz den Faktor Mensch und dessen Emotionen praktisch ausschaltet. Doch auch wenn ich vermute, dass durch KI der Fußball berechenbarer und ein Stück weit vorhersehbarer wird: Am Ende ist es immer der Mensch, der KI als Tool nutzen muss – und stets darauf bedacht sein sollte, die Ergebnisse mit einem kritischen Blick zu hinterfragen. 

Dann kann KI ein echter Gamechanger sein: Die absolut rationale, kalkulierende Technik, gepaart mit den kreativen Einfällen und den Emotionen, dem Adrenalin des Spiels, das kann sich gegenseitig perfekt ergänzen. Ich glaube: Das Originale und Reale wird, nicht nur im Sport, in Zukunft womöglich wertvoller denn je. Genauso wie uns der Zufall, die emotionalen und chaotischen Momente, die den Fußball ausmachen, erhalten bleiben: Das wird keine KI voraussagen können.

Der ehemalige Torwart Oliver Kahn war nach seiner Karriere Fußballexperte beim ZDF und zuletzt Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München.



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