1. Bundesliga

Konrad Laimer im Interview: "Ich will auf dem Platz so unangenehm wie möglich sein"

Konrad Laimer zählt zu den Schlüsselspielern beim FC Bayern und in der österreichischen Nationalmannschaft. Im exklusiven Interview spricht er über seine intensive Spielweise, die Bedeutung von Titeln, Vincent Kompany und den FC Bayern. 
 

Bayernspieler Konrad Laimer im Zweikampf
Credit: Getty Images
 

Sports Illustrated: Was verstehen Sie unter dem Begriff Wadlbeißer? 

Konrad Laimer: Ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Für mich ist ein Waldbeißer jemand, der immer alles gibt, für seine Gegenspieler unangenehm ist und keinen Ball oder Zweikampf verloren gibt.  

Sports Illustrated: Passt der Begriff also zu Ihrer Art, Fußball zu spielen? 

Laimer: Ich will auf dem Platz so unangenehm wie möglich sein und mag es, wenn es zur Sache geht. Zweikämpfe und Intensität waren schon immer wichtige Parameter meines Spiels. Wenn wir am Ende gewinnen, bin ich gerne ein Wadlbeißer.  

Sports Illustrated: Wenn man Sie spielen sieht, scheint es, als wären Sie überall auf dem Platz. Woher kommt diese Energie? 

Laimer: Das gehört zu meiner Art, Fußball zu spielen. Ich will immer alles geben. Um nach einem Training oder Spiel mit mir selbst zufrieden zu sein, muss ich merken, dass ich alles gegeben habe.  

Konrad Laimer im exklusiven Fotoshooting für Sports Illustrated
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: Und wenn Ihnen die Energie mal ausgeht?  

Laimer: An dem Punkt war ich noch nicht. Natürlich habe ich auch schwerere Tage, bin müde oder habe schlecht geschlafen. Dann können die ersten Minuten auf dem Platz auch mal weh tun oder ich überpace, wenn ich mein Energielevel finden will. Grundsätzlich habe ich aber eine gute Balance gefunden.  

Sports Illustrated: Sind Sie ein Trash-Talker? 

Laimer: Ich versuche, mich unter Kontrolle zu haben und unnötige Karten zu vermeiden – auch wenn mir das nicht immer gelingt (lacht.)

Sports Illustrated: Sie sind gelernter Mittelfeldspieler, spielen beim FC Bayern allerdings meist als Rechtsverteidiger. Zuletzt mussten Sie auf der linken Seite aushelfen. Ist Ihnen egal, wo Sie spielen? 

Laimer: Egal ist das falsche Wort. Mir ist wichtig, dass ich Einfluss aufs Spiel habe, mich wohlfühle und meine Qualitäten auf den Platz bringe – vor allem, um der Mannschaft bestmöglich zu helfen. Das gelingt mir auf manchen Positionen etwas besser als auf anderen. Wo ich am Ende spiele, entscheidet der Trainer, ich nehme mich da nicht zu wichtig.  

Sports Illustrated: Woher kommt dieser uneitle Charakter? 

Laimer: Ganz einfach: Weil ich Spiele gewinnen will. Natürlich willst du selbst gut spielen, Tore schießen oder Assists geben, aber für mich ist immer am wichtigsten, dass wir als Mannschaft gewinnen. Das geht nur gemeinsam. Deshalb hatte ich nie ein Problem damit, auch ab und an die Drecksarbeit zu erledigen. 

Konrad Laimer im exklusiven Fotoshooting für Sports Illustrated
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: Statistiken belegen, dass Sie zu den besten Außenverteidigern Europas zählen. Bedeutet Ihnen das etwas?  

Laimer: Ich bin kein Statistik-Freak. Am Ende ist es egal, wie hoch man irgendwo bewertet wird. Ich kann selbst gut einschätzen, wie ich gespielt habe. Solche Daten nutze ich nur, wenn sie einen tieferen Wert haben und zeigen, wo ich mich verbessern kann. Die schaue ich mir dann gelegentlich beispielsweise mit meinem Vater an.

Sports Illustrated: In Deutschland gilt die Außenverteidiger-Position als Problemzone. Woran liegt das? 

Laimer: Es ist eine Position, auf der man viel mitbringen muss, gleichzeitig ist sie für mich eine der wichtigsten, die es gibt. Du musst viel Einfluss aufs Spiel nehmen, offensiv und defensiv denken, am besten entlang der Seitenlinie überall sein. Das macht die Rolle so komplex. Außerdem gibt es wenige junge Spieler, die von sich aus Außenverteidiger werden wollen. Auch bei mir hat sich das eher so ergeben. Ich kann mir aber vorstellen, dass auf der Position in Zukunft ein noch größerer Fokus liegen wird.  

Sports Illustrated: Seit letzter Saison sind Sie beim FC Bayern Stammspieler. Trotzdem wurde nur wenig über Sie gesprochen. Stört Sie das? 

Laimer: Ehrlich gesagt mache ich mir darüber keine Gedanken. Jeder freut sich, wenn erbrachte Leistungen anerkannt werden. Ich kann aber nicht beeinflussen, was andere von mir denken oder über mich schreiben, deshalb ist es mir auch ziemlich egal. Ich bin jetzt kein glücklicherer Mensch, nur weil in dieser Saison etwas mehr über mich geschrieben wird als letztes Jahr. Wichtig ist, bei mir zu bleiben und mein Ding zu machen. 

Konrad Laimer im exklusiven Fotoshooting für Sports Illustrated
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: Von außen wirkt es, als hätte sich Ihr Einfluss auf das Bayern-Spiel noch einmal erhöht.  

Laimer: Wenn man seine Position, das Spielsystem, den Trainer und die Mannschaft über ein Jahr verinnerlicht, wird man in gewissen Abläufen besser. Wir sind als Team besser geworden, davon profitieren auch die Einzelspieler. Trotzdem sind wir mit unserer Entwicklung noch lange nicht am Ende. 

Sports Illustrated: Ist das eine Drohung an die Konkurrenz?

Laimer: Das haben Sie jetzt gesagt (schmunzelt.) 

Sports Illustrated: Inwieweit hängt diese Entwicklung mit Trainer Vincent Kompany zusammen? 

Laimer: Er hat einen großen Einfluss. Eine seiner großen Qualitäten ist, dass er nie nachlässt, uns permanent fordert und immer noch mehr will. Man merkt, dass er selbst auf hohem Niveau gespielt hat.  

Sports Illustrated: Von außen wirkt es, als wäre der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft beim FC Bayern in dieser Saison besonders groß. Stimmt dieser Eindruck? 

Laimer: Definitiv. Jeder will immer alles geben und sich voll in den Dienst der Mannschaft stellen. Das merkt man im Training, in den Spielen, und auch, wenn wir abends zusammensitzen. Wir verbringen auch privat gerne Zeit miteinander, der Teamgeist ist top.

Konrad Laimer und Bayern-Trainer Vincent Kompany
Schlüsselspieler und Förderer: Konrad Laimer und Bayern-Trainer Vincent Kompany
Credit: Imago
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Sports Illustrated: Wie wichtig sind Ihnen Titel? 

Laimer: Das ist die Sache, die uns alle antreibt: Ich möchte am Ende der Saison etwas in die Höhe recken. Dafür arbeite ich seit meiner Kindheit jeden Tag. Ich will immer das Maximum, deshalb würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass Titel nicht wichtig sind.  

Sports Illustrated: Auch in der österreichischen Nationalmannschaft zählen Sie zu den Schlüsselspielern. Das aktuelle Team gilt als „goldene Generation“. Zurecht? 

Laimer: Ich denke schon. So viele Top-Spieler und so viel Qualität wie jetzt hatten wir in Österreich noch nie. Viele Spieler spielen eine wichtige Rolle bei Bundesligisten oder in anderen Vereinen der Top-5-Ligen Europas. Auch hier haben wir eine gute Stimmung in der Mannschaft, viele sind miteinander befreundet. Das ist ein großes Plus für die Zukunft.  

Sports Illustrated: Wie nah ist Österreich an Top-Nationen wie Spanien oder Frankreich?  

Laimer: Das muss man richtig einordnen: Andere Nationen haben einen deutlich größeren Spielerpool. Um mit Mannschaften dieser Kategorie mithalten zu können, müssen wir sehr viel investieren, eklig sein und mehr laufen als der Gegner. Trotzdem können wir auch gegen Top-Nationen Spiele gewinnen.  

Sports Illustrated: Wie hat Ralf Rangnick das Nationalteam geprägt? 

Laimer: Sehr. Seit er übernommen hat, sind viele Dinge passiert, die dem österreichischen Fußball guttun. Wir können glücklich sein, so einen Trainer zu haben, der die Dinge in die richtige Richtung lenkt.  

Konrad Laimer im exklusiven Fotoshooting für Sports Illustrated
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: Wie Rangnick haben auch Sie einen Großteil Ihrer Karriere im RB-Kosmos verbracht, waren Spieler bei Liefering, Salzburg und Leipzig. Wie hat das Ihre Sicht auf den Fußball beeinflusst? 

Laimer: Bis ich 15 oder 16 war, war der Stil in der Salzburg-Jugend holländisch geprägt, es wurde viel Wert auf das Spiel mit Ball gelegt. Dann kam das typische RB-Pressing, weshalb ich in diesem Bereich Stärken habe. Für mich definiert sich Fußball aber nicht nur über Pressing, du musst auch eine klare Idee mit dem Ball haben. Der Fußball verändert sich stetig, in drei Jahren wird das Spiel ein anderes sein als es heute ist. Deshalb bist du als Profi auch nie am Ende deiner Entwicklung.  

Sports Illustrated: In welchem Bereich haben Sie sich am meisten entwickelt? 

Laimer: Vor allem neben dem Platz. Mit den Jahren wird man erwachsener. Ich bin jetzt 28, weiß, was ich will und was mir wichtig ist – das ist vor allem die Familie. 

Sports Illustrated: Sie sind in Salzburg geboren und aufgewachsen. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an den Fußball? 

Laimer: Ich komme aus einer fußballbegeisterten Familie, was vor allem an meinem Vater und meinem Opa liegt. Mir wird oft erzählt, dass ich, bis ich zwei Jahre alt war, keinen Ball berührt habe – da hat mein Vater schon Panik bekommen (lacht.). Danach gab es für mich aber nur noch Fußball. Ich habe nichts anderes gemacht, als im Garten oder auf dem Bolzplatz zu kicken. Dass ich das zu meinem Beruf gemacht habe, fühlt sich heute noch surreal an.  

Sports Illustrated: Wie bewahren Sie sich die Freude am Fußball? 

Laimer: Das passiert bei mir automatisch. Ich schaue auch in meiner Freizeit Spiele, gehe gern privat ins Stadion, wenn ich Zeit habe. Im Urlaub brauche ich mal zwei, drei Wochen ohne Fußball – das reicht dann aber auch. Fußball ist mein größtes Hobby, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich daran irgendwann den Spaß verliere. 

Konrad Laimer im exklusiven Fotoshooting für Sports Illustrated
Konrad Laimer im exklusiven Fotoshooting für Sports Illustrated
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: Welche Bedeutung hat Ihre Heimat heute für Sie? 

Laimer: Eine große. Von München ist es nicht weit nach Salzburg, ich bekomme oft Besuch und bin auch oft dort. Ich fühle mich in München unheimlich wohl, aber Salzburg wird sich immer nach Zuhause anfühlen.  

Sports Illustrated: Zwischen Deutschland und Österreich gab es im Sport seit jeher eine gewisse Rivalität. Wie sehen Sie das – auch weil Sie einen Großteil Ihrer Karriere in Deutschland verbracht haben?  

Laimer: Österreich gegen Deutschland ist immer ein Prestigeduell. Aber man sollte es nicht zu groß machen. Ich kenne viele Spieler auf beiden Seiten. Deshalb fühlt es sich eher wie ein Klassentreffen an.   

Sports Illustrated: Was ist an Ihnen typisch österreichisch, was typisch deutsch?  

Laimer: Ich rede nicht mehr so viel Dialekt wie früher, um Verständigungsprobleme zu vermeiden. Aber mal im Ernst: Ich wollte immer alles so machen, wie ich es für richtig halte und richte mich nach Werten, die mir wichtig sind. Für welche Nation diese typisch sind, spielt für mich keine Rolle.  

Sports Illustrated: Inwiefern unterscheidet sich der Mensch Konrad Laimer vom Spieler? 

Laimer: Auf dem Platz kann ich anstrengend sein – meine Frau würde sagen, neben dem Platz ist das ähnlich (lacht). Als Spieler bin ich sehr verbissen, emotional, vom Siegeswillen getrieben. Da bin ich neben dem Platz entspannter, aber für alles zu haben und gewissermaßen unermüdlich. Deshalb ist der Mensch Konrad Laimer eine etwas ruhigere Variante des Spielers. 

Sports Illustrated: Sie sind im letzten Jahr Vater geworden. Was hat sich dadurch verändert? 

Laimer: Alles. Wenn man Eltern wird, hat man Verantwortung, die man vorher nicht hatte. Da ist auf einmal ein kleiner Mensch in deinem Leben, der dir jeden Tag so viel gibt. Das ist etwas ganz Besonderes – das Schönste, was es gibt. 

Sports Illustrated: Größere Interviews oder öffentliche Auftritte sind bei Ihnen eher selten. Auch auf Social Media sind viele Ihrer Kollegen deutlich aktiver. Warum? 

Laimer: Weil ich meine Zeit lieber mit meiner Familie verbringe. Wegen Social Media will ich mir keinen Stress machen. Wenn ich mal zwei Wochen nichts poste, ist es halt so. Diese Entspanntheit hilft mir, so zu leben, wie ich es für richtig halte. Es entspricht nicht meinem Charakter, ständig überall präsent zu sein. 

Konrad Laimer im exklusiven Fotoshooting für Sports Illustrated
Credit: Roderick Aichinger
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Sports Illustrated: Und trotzdem haben Sie bei den Bayern den Ruf als Feierbiest.  

Laimer: Sagen wir es mal so: Wenn man etwas gewinnt, sollte man auch feiern dürfen. Da bin ich meistens ganz gut dabei.  

Sports Illustrated: Ihr größtes Hobby neben dem Fußball ist Golf.  

Laimer: In Leipzig haben wir in einer Spielerguppe angefangen, Golf zu spielen. Das hat mich direkt gepackt. Wenn man zum ersten Mal diesen kleinen Ball vernünftig trifft und ihn zum Fliegen bringt, ist das ein unglaubliches Gefühl. Zudem kann man es mit Freunden draußen in der Natur spielen, verbringt Zeit an der frischen Luft. Was mich ärgert: Ich bin einfach noch zu schlecht und habe zu wenig Zeit, um besser zu werden – das wird sich irgendwann definitiv ändern.  

Sports Illustrated: Wie gut sind Sie im teaminternen Vergleich bei den Bayern? 

Laimer: Thomas Müller war immer sehr gut, seit er weg ist, ist Harry Kane mit Abstand der Beste. Alle anderen sind auf einem ähnlichen Level. Ich bilde mir aber ein, sie an einem guten Tag alle schlagen zu können (lacht.) 

Sports Illustrated: Zum Abschluss: Ihnen wurde einst nach einem Champions-League-Spiel von Ex-Trainer Thomas Tuchel ein Hund versprochen. Haben Sie den mittlerweile bekommen? 

Laimer: Nein. Aber er hat mir einen Gutschein ausgestellt. Falls ich mich irgendwann entscheide, mir einen Hund zuzulegen, werde ich ihn anrufen und ihn einlösen. Das wird aber erst nach meiner Karriere passieren. 

 



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