Formel 1

F1 Academy: Hinter den Kulissen der ersten Motorsport-Serie nur für Frauen

Die F1 Academy gibt jungen Fahrerinnen erstmals eine eigene Bühne im Formel-Sport. Fahrerinnen wie Aiva Anagnostiadis wollen diese Chance nutzen, um ihrem Traum von der Formel 1 näherzukommen. Sports Illustrated blickt hinter die Kulissen der Rennserie.

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  • Aiva Anagnostiadis startet in der F1 Academy und träumt vom Formel-1-Aufstieg
  • TAG Heuer und die Academy öffnen Anagnostiadis neue Wege in die Formel 1
  • Die F1 Academy stärkt die Sichtbarkeit von Frauen im Motorsport

Es ist ein verregneter Augusttag im holländischen Zandvoort. Vom Formel-1-Ring aus hat man beste Sicht aufs Meer, es weht eine frische Brise. Im Fahrerlager der F1 Academy werden an Laptops Daten ausgewertet, Reifenstapel verschoben, in den Team-Garagen am Feinschliff der Autos gefeilt. Mitten darin: Aiva Anagnostiadis. Die Australierin wirkt fokussiert, fast stoisch und lehnt lässig an ihrem rot-schwarzen Rennauto mit der Startnummer elf.

„Motorsport ist unglaublich mitreißend und gibt dir einen Adrenalinkick, von dem man nicht mehr loskommt. Für mich ist es mein Leben – fast wie eine Sucht“, sagt sie. Die 18-Jährige ist eine von insgesamt 18 Fahrerinnen, die in diesem Jahr bei der F1 Academy an den Start gehen – und davon träumen, irgendwann die Verstappens und Hamiltons dieser Welt im Formel-1-Auto zu schlagen. Genau dafür will die F1 Academy als Bühne für die weiblichen Motorsportstars von morgen sorgen.

Dass Anagnostiadis allerdings einmal um Sekunden und Hundertstel kämpfen würde, war alles andere als selbstverständlich. Als Kind war sie ein Multitalent, tanzte auf hohem Niveau, schwamm Wettkämpfe und fuhr nebenbei Kart. Als sie zehn war, wurde die junge Australierin allerdings gezwungen, sich zu entscheiden: An einem Wochenende gewann sie am Samstagabend in Queensland die australische Meisterschaft im Tanzen, stieg nachts in den Flieger und holte sich am nächsten Morgen ohne Vorbereitungszeit in Melbourne einen nationalen Jugendtitel im Kart. „Nach diesem Wochenende haben meine Eltern gesagt: ,Das machen wir nie mehr. Du musst dich entscheiden.' Für mich war klar: Ich will Rennfahrerin werden. Also habe ich mit dem Tanzen aufgehört“, erklärt Anagnostiadis und quittiert den letzten Satz mit einem entschlossenen Schulterzucken.

Aiva Anagnostiadis startet in der F1 Academy und träumt vom Formel-1-Aufstieg
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Vom Kart zur Academy: Wie Anagnostiadis ihren Weg in den Formelsport fand

Im Motorsport fand sie ihre Berufung, das Kart wurde ihr ständiger Begleiter auch, weil ihre Mutter einst selbst Rennen fuhr und das Vorbild war, das sie brauchte. „Es hat sich für mich nie ungewöhnlich angefühlt, als Mädchen im Motorsport zu sein“, sagt sie. Dass sie in ihrer Kindheit dennoch eine Ausnahmeerscheinung war und ihre Tage auf der Rennstrecke nahezu ausschließlich mit Jungs verbrachte, störte Anagnostiadis nicht. Vielmehr betrachtet sie es als Charakterschule: „Die Zeit hat mich definitiv tougher und schlagfertiger gemacht. Viele sagen mir heute, ich sei witzig. Ich denke, das kommt davon“, erklärt sie. Mehr als sechs Jahre tourte die ganze Familie im Wohnmobil durch Australien und klapperte die Rennstrecken des Landes ab – bis die Familie im vergangenen Jahr an finanzielle Grenzen stieß und sich eine neue Tür öffnete. „Wir als Familie hatten nicht das Budget für eine Formel-4-Saison, an der andere Nachwuchsfahrer teilnehmen. Dann bekam ich die Chance von TAG Heuer, Academy-Fahrerin zu werden", erklärt Anagnostiadis. Der Uhrenhersteller und offizielle Zeitnehmer der Formel 1 ist eines der Unternehmen, die die jungen Fahrerinnen der Academy unterstützen. Gegründet 2023, bietet die F1 Academy jungen Fahrerinnen erstmals eine eigene Bühne im internationalen Formelsport. Unter der Leitung von Susie Wolff verfolgt die Serie ein klares Ziel: den Über gang vom Kart in die Formel-Rennwagen zu erleichtern, Talente zu entwickeln und sichtbar zu machen. Deshalb gibt es klare Regeln: Die Fahrerinnen dürfen zwischen 16 und 25 Jahre alt sein und an maximal zwei Academy-Saisons teilnehmen. Gefahren wird im Rahmenprogramm und auf den Strecken der Formel1 an insgesamt sieben Rennwochenenden Die Autos sind denen der Formel 4 nachempfunden, bis zu 240 km/h schnell und für alle gleich. Das sorgt für Spannung und lässt einen echten Talentvergleich unter den Fahrerinnen zu.

Auch in der Academy ist das Rennwochenende straff durchgetaktet, wie Anagnostiadis berichtet: „Donnerstags ist Medientag. Außerdem machen wir den Track Walk und haben ein Fahrerbriefing. Freitags zwei freie Trainings à 40 Minuten, Samstag Qualifying und das erste Rennen, Sonntag das letzte Rennen.“

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Die Academy wird zur großen Bühne für junge Fahrerinnen

Die Academy ist aber mehr als ein sportlicher Wettbewerb, sie ist für die Protagonistinnen ein Karriere-Sprungbrett und Aufmerksamkeitsboost. Am Anfang war es ziemlich überwältigend. Vor allem in China dachte ich: ,Wow, hier sind echt viele Leute.' Gleichzeitig war es unglaublich schön zu sehen, welchen Einfluss wir auf junge Mädchen haben – aber auch auf ältere Frauen, die die Formel 1 verfolgen und sich jetzt auch unsere Rennen anschauen“, beschreibt Anagnostiadis ihr neues Leben in der Öffentlichkeit.

Mittlerweile gibt es sogar eine eigene Netflix-Serie über die Academy, Allerdings hat diese nicht das Ziel, die Fahrerinnen direkt vom Academy- ins Formel-1-Auto zu hieven, sie soll vielmehr den Einstieg in das Haifischbecken Formelsport für junge Frauen erleichtern und ihnen dabei helfen, die Formelleiter über die Academy und die weiteren Formelserien hinaufzuklettern.

Denn: Noch ist der Weg in die Formel1 für Frauen lang, bis heute fuhr in der Geschichte der Rennserie keine Frau regelmäßig in einem F1-Auto. Lediglich fünf Frauen nahmen insgesamt an einem offiziellen Grand Prix teil. Und auch deutsche Rennfahrerinnen wie Sophia Flörsch, die sich öffentlichkeitswirksam für die Rolle von Frauen im Motorsport einsetzen, kamen bislang nicht über einen Platz im F3-Fahrerfeld hinaus. Allerdings verändert die Academy für Anagnostiadis in dieser Hinsicht die öffentliche Wahrnehmung. „Man muss Dinge immer sehen, um daran zu glauben, dass es sie gibt. Junge Mädchen, die heute ins Kart steigen, sehen uns auf dieser Bühne – und das gibt ihnen ein klares Ziel.“

Auch Emma Felbermayr aus Österreich, die für das Team Kick Sauber fährt, bestätigt das. „Man bekommt extrem viel Aufmerksamkeit – es ist eine großartige Plattform, um sein Talent zu zeigen. Gemeinsam in einem Formel-1-Rennen zu fahren, ist das Beste, was man haben kann.“ Die Kooperation mit dem Rennstall ermöglicht ihr regelmäßigen Austausch mit den Formel-1-Fahrern Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto – und ihr Talent dem Formel-1-Publikum in Las Vegas, Schanghai oder eben Zandvoort zu präsentieren.

Beide – Anagnostiadis und Felbermayr – gehören zu einer Generation, die den Motorsport verändern will. Sie trainieren täglich wie die Profis, analysieren Daten, stemmen Gewichte im Kraftraum – und wissen, dass sie als Teil der Academy mehr sind als Fahrerinnen: Sie sind Vorbilder. „Wenn eine Frau es schafft, in die Formel 1 zu kommen, öffnet sie die Tür für viele weitere. Natürlich würde ich selbst gern die Erste sein. Aber egal wer es schafft: Es wäre ein großer Fortschritt für uns alle“, erklärt Anagnostiadis. Oder, wie es auf ihrem rot-schwarzen Rennauto mit der Startnummer elf geschrieben steht: „It's not a men's world anymore“
 



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