American Football

Belichicks Leistung ist genauso beeindruckend wie Bradys Super-Bowl-Sieg

Die Patriots überraschen in dieser NFL-Saison. Das neu zusammengewürfelte Team spielt um den Division-Sieg. Der Erfolg trägt einen Namen: Bill Belichick.

Bill Belichick
Bill Belichick

Laut einer Statistik von FiveThirtyEight haben die Patriots derzeit eine 49-prozentige Chance, ihre Division zu gewinnen. Damit ist das Rennen zwischen den Patriots und Bills enger als vor Saisonbeginn zu erwarten war. Natürlich dürfen die beiden noch ausstehenden direkten Duellen nicht vergessen werden. Dennoch stehen die Chancen für die Patriots gut. 

Sollte ihnen der Coup am Ende tatsächlich gelingen, drängt sich eine spannende Frage auf: Ist die Leistung von Bill Belichick sogar noch beeindruckender als das Super-Bowl-Wunder von Tom Brady in der vergangenen Saison? Schließlich hätte Belichick dann in nur einem Jahr seinen Kader runderneuert und mit einem Rookie-Quarterback, der an fünfter Stelle seiner Position gedraftet wurde, einen legitimen Super Bowl-Anwärter im Kampf um die Divisionskrone geschlagen.

Oder ist es eben doch die besondere Geschichte von Tom Brady, der sich auf eigene Faust aufmachte und ein starkes, aber unbekanntes Team in seinem ersten Jahr zum Titel führte.

Tom Bradys Vermächtnis

Auf den ersten Blick scheint die Antwort offensichtlich. Der Wechsel zu Tampa Bay zementiert Bradys Vermächtnis als größter Footballspieler aller Zeiten. Die wenigen Zweifel, die es zuvor daran noch gab, waren mehr oder weniger seiner engen Beziehung zu Belichick geschuldet. Denn man konnte sich nie ganz sicher sein, wie viel von der legendären, gründlichen Vorbereitung allein Brady zugeschrieben werden konnte.

Nach dem Super-Bowl-Sieg der Buccaneers schien das Rätsel entschlüsselt. Belichick wurde kurzerhand als Nutznießer einer 20-jährigen Ehe mit Brady bezeichnet und seine zukünftigen Erfolgsversuche als Hilferufe eines entblößten Trainers dargestellt. 

Tom Brady und Bill Belichick
Tom Brady (l.) und Bill Belichick
Credit: Getty Images
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Aber was passiert, wenn New England dieses Jahr die Division mit Rookie-Quarterback Mac Jones gewinnt? Bedarf es dann einer neuen Beurteilung? Wäre ein Titel in der AFC East im Jahr 2021 nicht fast genauso beeindruckend, wenn nicht sogar so beeindruckend wie ein Super Bowl-Sieg des Superteams?

Das Phänomen Bill Belichick

Vorneweg: Belichick und OC Josh McDaniels haben nicht annähernd das Lob erhalten, das sie für ihre meisterhafte Entwicklung von Jones verdient hätten. Während der Rest der NFL sich auf der Draftliste nach "tools-first"-Quarterbacks umschaute, wählte New England an Position 15 einen Spieler, dessen 40-Yard-Durchgangszeit großzügig im Bereich von 4,8 lag und der das klassische Erhardt-Perkins-System ausschließlich aus der Tasche heraus bedienen konnte.

Darüber hinaus mussten die Patriots in diesem Jahr etwa die Hälfte ihrer Starting Spots mit Free-Agents oder Drafts besetzen. Außerdem entließen sie Stephon Gilmore, der zuletzt als einer der besten Defensivspieler der NFL galt.

Dennoch gelang es Belichick, einen gesichtslosen, egalitären Kader zu einem Team zu formen. Er wird dabei bestimmt auch zahlreiche Gedanken an Tom Brady verloren haben. Und ob es wohl ein Fehler war, eine Vertragsverlängerung auszuschlagen.

Belichick traf seine Entscheidungen jedoch mit Weitsicht. Das zeigt auch der Fall Cam Newton. Der Star-Quarterback wurde vor gut einem Jahr unter Vertrag genommen, auch um Jones zu schützen. Denn dieser konnte sich so abseits des öffentlichen Brennglases entwickeln. All dies ist gekonntes Teambuilding, nur ein Jahr nachdem der größte Spieler in der Geschichte der Patriots die Stadt verlassen hatte.

Welche Leistung ist nun beeindruckender?

Damit sollen die Erfolge von Brady jedoch nicht geschmälert werden. Zwar haben wir Tampa Bay vorhin scherzhaft als Superteam bezeichnet, dennoch zeigt die Historie, wie schwer es ist eine Ansammlung namhafter Stars zu managen. Kein anderer Quarterback in der NFL wäre in der Lage gewesen, Spieler wie Rob Gronkowski, Antonio Brown und Leonard Fournette in einem Team zu vereinen und gleichzeitig Chris Godwin und Mike Evans mit so vielen tiefen Bällen zu versorgen. Brady hebt sich damit eindeutig von anderen Star-Quarterbacks ab. Etwa von Peyton Manning und dessen Eingewöhnung in die Offense von Gary Kubiak bei den Broncos.

Brady war das entscheidende Puzzleteil in einem Super Bowl-Team, das über zwei der zehn besten Receiver der NFL, eine Top-Five-Offensive Line, den besten Defensive Coordinator der NFL und einen Super Bowl-Spielplan der Extraklasse verfügte.

Alles in allem lässt sich sowohl die Leistung von Belichik als auch jene von Brady als bemerkenswert bezeichnen. Wer am Ende der X-Faktor während der gemeinsamen Zeit war, lässt sich vollends nicht beantworten. Selbst die Niederlage der Patriots gegen die Bucs im Oktober gibt darüber keinen Aufschluss. Schließlich unterstrich sie die enorme Wettbewerbsfähigkeit der Patriots trotz des Umbruchs.

Vielmehr sollten wir uns glücklich schätzen, zwei der besten Köpfe in der Geschichte des Sports über 20 Jahre im gleichen Team gesehen zu haben. Dennoch hat es insbesondere Belichick verdient, dass ihm mehr Respekt für die unfassbar schnelle Entwicklung der "neuen" Patriots gezollt wird. Denn auch er musste sich nach dem Ende einer Ära alleine auf den Weg machen.

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