Generation Gold: Was hinter dem Erfolgsgeheimnis des DBB-Teams steckt
- Deutsche Basketball-Nationalmannschaft ist Sports Illustrated Deutschland Team of the Year
- DBB-Team gewinnt Weltmeister- und Europameister-Titel
- Dennis Schröder, Franz Wagner und Co. prägen erfolgreichste DBB-Ära
Unglaube, Schock, Euphorie. Hände klatschen, werden über den Kopf geschlagen, vor dem Mund gefaltet, in die Höhe gestreckt, um die Person nebenan geschlungen. Tränen, Lachen, Jubel. Hält man die Zeit genau in diesem Augenblick an, lässt sich in dem bunten Menschenmeer auf der Tribüne wohl nahezu jeder vorstellbare Ausdruck von Freude einfangen. Und trotz der Vielfalt an Gefühlen gehen die Blicke der Zuschauer unisono in eine Richtung, alle sind sie fixiert auf den mit Lack überzogenen Parkettboden in der Mitte der Halle.
Dort, wo sich in diesem Moment fast zwei Dutzend Männer in schwarzer Uniform in die Arme fallen, wo an diesem 14. September gerade zum letzten Mal in der Halle im lettischen Riga der Buzzer ertönt ist, wo Deutschland das Endspiel der EuroBasket 2025 für sich entschieden hat. Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft ist Weltmeister und Europameister.
Erfolgsgeheimnis der deutschen Basketball-Nationalmannschaft
Wie konnte das nur passieren? Wie konnte eine Nation, deren größter Erfolg – ein EM-Titel – über 30 Jahre zurückliegt, innerhalb kürzester Zeit in die Weltspitze aufsteigen? Wie konnte ein Verband, der sich selbst mit Superstar Dirk Nowitzki in Europa oft hinten anstellen musste, auf einmal sogar von der Übermacht USA gefürchtet werden? Aber vor allem: Wie konnte diese deutsche Basketball-Nationalmannschaft zu einem der besten Teams aller Zeiten werden?

Ein Blick zurück. Basketball in Fußball-Deutschland – eine selten glückliche Beziehung, die lange Zeit vom altbekannten Tanz im Kampf um mehr Aufmerksamkeit geprägt war: Die einen fordern mehr Beachtung, die anderen fordern mehr Erfolg. Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft hatte lange Zeit weder das eine noch das andere. Ein überraschender EM-Titel 1993, nachdem das europäische Superteam, die Sowjetunion, zerfallen war, markierte über Jahrzehnte den einzigen nennenswerten Erfolg in einer Zeit, in der Qualifikationen für Weltmeisterschaften und Olympische Spiele eher Ausnahme als Regel waren.
Erst mit Dirk Nowitzki schien sich das Blatt zu wenden. Der schlaksige Würzburger hatte 1999 als erster Deutscher den Schritt direkt von der heimischen Liga, der BBL, in die NBA gewagt und wurde bei den Dallas Mavericks innerhalb von wenigen Jahren zu einem der besten Spieler der Welt. Der Nationalmannschaft blieb er weiterhin verbunden – und sorgte für den ersten kleinen Basketball-Boom in Deutschland. Getragen von Nowitzki erreichte die DBB-Auswahl bei der WM 2002 den 3. Platz und wurde drei Jahre später Vize-Europameister.

Als die lebende Basketball-Legende aufgrund des Alters und der NBA-Belastung in der Nationalmannschaft zunehmend kürzertrat, fand der vorsichtige Höhenflug mit Beginn der 2010er-Jahre ein abruptes Ende. Sowohl bei der WM 2010 als auch bei den Europameisterschaften 2013 und 2015 kam Deutschland nicht über die Vorrunde hinaus. Weder für die Weltmeisterschaft 2014 noch für die Olympischen Spiele 2012 und 2016 gelang überhaupt die Qualifikation.
Neue DBB-Generation um Anführer Dennis Schröder
Der deutsche Basketball drohte zurück in die internationale Bedeutungslosigkeit zu rutschen – bis eine neue Generation auf sich aufmerksam machte: Als jüngste Mannschaft des Turniers schaffte es die DBB-Auswahl bei der EM 2017 überraschend auf Platz 6. Angeführt wurde das Team von einem damals 23-jährigen Dennis Schröder. Der gebürtige Braunschweiger war 2013 in die NBA gewechselt und hatte seitdem als schneller, dribbelstarker Aufbauspieler der Atlanta Hawks auf sich aufmerksam gemacht.
Im Nationalteam traf er erneut auf Daniel Theis, der es ebenfalls in die NBA geschafft und mit Schröder bereits seit ihrer gemeinsamen Jugend in Braunschweig zusammengespielt hatte. Außerdem Teil des noch jungen Kaders: Johannes Voigtmann, Maodo Lô und Johannes Thiemann – Spieler, die gemeinsam eine Ära prägen sollten.
Zunächst jedoch folgte der nächste sportliche Tiefpunkt. Unter Neu-Bundestrainer Henrik Rödl, als Spieler Teil der Europameister 1993, schied Deutschland bei der WM 2019 in China bereits in der Vorrunde aus. Ein Debakel. Die Mannschaft war am Boden – und die Weltmeister wurden geboren.

„Das Talent war schon immer da", sagt Alan Ibrahimagic. Der in Belgrad geborene Bosnier war mit 14 Jahren nach Berlin gekommen und hatte dort selbst Basketball gespielt. 2013 stieg er als Jugendtrainer beim Deutschen Basketball-Bund ein, im September 2017 wurde er Assistenztrainer der A-Nationalmannschaft und begleitet seitdem das Team bei dessen größten Erfolgen.
Die Initialzündung für diese war, sagt Ibrahimagic, genau diese WM 2019. Der nüchterne Basketball-Arbeiter würde es derart pathetisch wohl nie ausdrücken – doch die Enttäuschung über das Turnier in China war der metaphorische „Phoenix aus der Asche“-Moment, der dunkelste Moment der Nacht, nach dem es nur noch heller werden kann. Oder wie es Ibrahimagic sagt: „Die WM 2019 hat alle Spieler reifer gemacht. Auch Dennis.“
Gordon Herbert bringt deutsche Mannschaft auf nächstes Level
Schröder und Deutschland hatten bis dahin lange eine ambivalente Beziehung gepflegt. Der Point Guard verbrachte seine Sommer oft bei der Nationalmannschaft und spielte nach langen NBA-Saisons noch Turniere für die DBB-Auswahl, anstatt sich – wie bei vielen anderen Spielern Usus – in den Urlaub zu verabschieden. Klar, das eigene Land zu vertreten, bleibt ein Privileg. Im NBA-Business, bei dem in der Regel aber jeder für sich und den nächstbesten Vertrag spielt, sind „National-Team-Duties“ jedoch oft gleichbedeutend mit einem zusätzlichen Gesundheitsrisiko, einem Opfer, das die Spieler bringen.
Schröder, der beste Spielers des DBB-Teams, erhielt jedoch selten die öffentliche Anerkennung, die er sich dafür und für seine häufig herausragenden Leistungen im Nationaltrikot erhoffte. Im Gegenteil: Für seinen teils extravaganten Lebensstil wurde er kritisch beäugt, das Selbstbewusstsein und die direkte Art legten ihm viele als unsympathische Arroganz aus.
„Vor allem seine Familie neben dem Platz hat ihn reifen lassen und für diese Führungsrolle in der Mannschaft bereit gemacht“, sagt Ibrahimagic über Schröder, der 2019 seine langjährige Freundin heiratete und kurz zuvor mit ihr Eltern eines Sohnes wurde. 2020 und 2022 bekamen sie zwei weitere Kinder. Während dieser Zeit wurde er auch offiziell zum Kapitän des DBB-Teams ernannt. Die Olympischen Spiele 2021, bei denen Deutschland Sechster wurde, verpasste er noch aufgrund von Versicherungsschwierigkeiten, kurz darauf kehrte Schröder ins Nationalteam zurück – und traf auf seinen neuen Bundestrainer: den Kanadier Gordon Herbert.
Arne Greskowiak unterstützt mentale Arbeit
Der erfahrene Coach, der zuvor unter anderem Frankfurt und Berlin trainiert hatte, sollte die Mannschaft bei der EM 2022 und WM 2023 betreuen, optional auch bei den Olympischen Spielen 2024. Gleich bei seinem Amtsantritt kündigte Herbert öffentlich an: „Drei Medaillen in drei Jahren.“ Ein Präzedenzfall.
„Der Deutsche Basketball war zuvor mental noch nicht darauf vorbereitet, wirklich etwas gewinnen zu können“, sagt Arne Greskowiak. Der Kölner, der als Athletiktrainer unter anderem für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft und die Kölner Haie arbeitete, ist seit 2017 in jener Position auch Teil des DBB. „Das Mindset war lange: ,Wir sind zufrieden, wenn wir ins Viertelfinale kommen.'“

Völlig konträr zum Spirit und der Vision des studierten Sportpsychologen Herbert. Diesem war in seiner langjährigen Karriere aufgefallen, wie häufig Sportler Angst vor großen Zielen hatten – aus Sorge, daran zu scheitern. „Du brauchst jemanden, der sagt: ,Wir machen das. Wir schaffen das'“, erinnert sich Greskowiak.
Dafür forderte Herbert eine „Kultur des Besserwerdens“. Entwicklung ergibt sich jedoch nur durch Kontinuität, und die hatte sich in den Jahren zuvor beim DBB-Team nur selten eingestellt. Nahezu jeden Sommer mussten die Bundestrainer aufs Neue die Bereitschaft der möglichen Spieler abfragen. Für Herbert keine Option. Er setzte auf Commitment, auf Verpflichtung: Wer mit ihm erfolgreich sein wollte, sollte für alle drei Turniere verbindlich zusagen. Ganz oder gar nicht. Ausnahmen: keine. So blieb beispielsweise der langjährige NBA Profi Maxi Kleber für die WM 2023 und Olympia 2024 außen vor, nachdem er für die EM 2022 abgesagt hatte.
Franz Wagner stößt zur Basketball-Nationalmannschaft hinzu
Herbert – da sind sich Ibrahimagic und Greskowiak einig – hätte für seinen Ansatz kein besseres Zeitfenster finden können. Schröder, Theis, Lô, Thiemann, Voigtmann – ebenso wie Dreierspezialist Andi Obst seit der WM 2019 fester Teil des Kaders – waren mittlerweile langjährige Nationalspieler und bewegten sich auf ihren Karrierehöhepunkt zu, ihre Prime, in der Erfahrung, Alter und Athletik die perfekte Symbiose ergeben.
Zu dieser Achse stieß mit Franz Wagner ein neuer, hochbegabter Spieler. Der Berliner hatte gerade seine erste, erfolgreiche NBA-Saison bei den Orlando Magic beendet und war im Alter von 21 Jahren bereit, einen großen Teil von Schröders Scoring zu übernehmen. Ergänzt wurde die Mannschaft während der Turniere unter der Herbert-Ägide mit Youngster Justus Hollatz und erfahrenen Mentalitätsspielern wie Niels Giffey, David Krämer, Leon Kratzer oder Nick Weiler-Babb, die von der Bank Energie brachten. Herberts Geradlinigkeit beeindruckte die Spieler, die sich nicht nur gegenüber ihrem Coach verpflichteten – sondern sich mit dem Commitment auch gegenseitig die Treue schworen.
Die Idee war klar, der Weg dorthin auch, das sportliche Talent ohnehin gegeben. Lediglich ein Feuerstarter fehlte. Am 13.September 2022 sollte der mentale Schalter endgültig umgelegt werden, der Weg frei für die erfolgreichste Zeit in der Geschichte des deutschen Basketballs: Nach einer starken EM-Vorrunde gewann die DBB-Auswahl an jenem Abend das Viertelfinale gegen Griechenland und zog in die Runde der letzten vier ein. „Ich weiß noch genau, wie damals nach dem Spiel das Gefühl war", erinnert sich Greskowiak. Den Spielern war klar: Egal wie das Halbfinale gegen Spanien ausgehen würde, man würde um eine Medaille spielen. „Es fühlte sich sehr euphorisch an –obwohl wir eigentlich noch gar nichts gewonnen hatten. Diese Idee von Gordon Herbert war plötzlich kein Traum mehr. Sie war Realität.“

Zwar scheiterte man im Halbfinale knapp am späteren Europameister. Mit dem Sieg gegen Polen im Spiel um Platz 3 gelang es der deutschen Auswahl trotzdem, zum ersten Mal seit 2005 wieder Edelmetall bei einem großen Turnier zu gewinnen.
Die Medaille war dabei weitaus mehr als eine sportliche Auszeichnung. Sie war eine Bestätigung, die die Spieler glauben ließ – auch hinsichtlich der Weltmeisterschaft 2023 in Japan, Indonesien und auf den Philippinen. Neben Moritz Wagner, der die EM noch verletzt verpasst hatte, verstärkte der flexibel einsetzbare Isaac Bonga den Kader für das Turnier. „Wir haben Spieler mit gewissen Ansprüchen an sich selbst, sagt sich Bonga. „Das ist ansteckend. Wenn Dennis kommt und sagt: ,Hey Jungs, ich will das Ding gewinnen', dann zieht das alle mit.“
DBB-Team wächst bei der Basketball-WM eng zusammen
Bei der WM wuchs das Team vor allem neben dem Court noch enger zusammen. „Wir hatten viele coole Momente außer halb vom Basketball“, sagt Bonga rückblickend, „und das hat uns mehr zusammengebracht als alles andere.“ Seien es gemeinsame Tage am Strand im japanischen Okinawa, das Erkunden der philippinischen Hauptstadt Manila oder das Kartenspielen in den Hotellobbys: Der Zwölf-Mann-Kader verbrachte fast die komplette freie Zeit miteinander. „Das ist alles pur – es passiert einfach von selbst, weil wir uns wirklich mögen“, sagt Bonga.
Inmitten dieser Beziehungen ergaben sich auch Konflikte: Während eines Vorrundenspiels gegen Slowenien diskutierten Schröder und Theis bei einer Auszeit lautstark miteinander. Herbert versuchte zu Schlichten, kurz geriet er mit Schröder aneinander. Nur wenige Minuten später rauften sich Theis und Schröder wieder zusammen, am Ende gewann man die Partie deutlich.
Nach fünf Siegen in fünf Partien in der Vorrunde und dem Viertelfinal-Krimi gegen Lettland traf die DBB-Auswahl im Halbfinale auf die USA. Es sollte zu einem der geschichtsträchtigsten Spiele in der Historie des internationalen Basketballs werden –und eines, das den von Herbert initiierten Glauben noch tiefer in das Bewusstsein der Spieler einbrannte: Mit 113:111 schickte Deutschland den Topfavoriten nach Hause.

Der kollektive Kampf des Teams bleibt als Sinnbild für den einzigartigen Zusammenhalt zwischen den Spielern in Erinnerung. Das aufopferungsvolle Verteidigen, die selbst lose Offensive, das gegenseitige Helfen, Pushen, Feiern.
Angeführt von einem alles überragenden Schröder, der kurz danach zum Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde, krönte sich die deutsche Nationalmannschaft schließlich in ihrem ersten WM-Finale überhaupt am 10. September 2023 in Manila mit einem 83:77 gegen Serbien zum Weltmeister.
Ein makelloses Turnier mit 8:0 Siegen – und ein Triumph für die Ewigkeit des deutschen Sports. Nach dem Spiel richtete Herbert in der Kabine noch abschließende Worte an seine Mannschaft: „Ihr seid alle gute Basketballer. Aber ihr seid noch bessere Menschen.“ War es das also? Das Erfolgsrezept des deutschen Teams?
Álex Mumbrú übernimmt DBB-Team nach Gordon Herbert
Das triple bleibt Herbert letztlich verwehrt. Bei seinem letzten Turnier, den Olympischen Spielen 2024, erreichte Deutschland „nur“ den vierten Platz – und verpasste knapp die angepeilte dritte Medaille. Die dezente Enttäuschung, die darauf bei den Spielern und in der Öffentlichkeit einsetzte, verdeutlichte die rasante Entwicklung des deutschen Basketballs: Der Glaube an das Team war mittlerweile so stark, dass man fest mit einem Podestplatz rechnete bei einem Turnier, für das sich der DBB in den Jahrzehnten zuvor nur in Ausnahmefällen überhaupt qualifizieren hatte können.
Dementsprechend hoch waren auch die Ansprüche für die EM 2025 in Lettland, Finnland, Zypern und Polen – nur ging es diesmal ohne Visionär Herbert ins Turnier.
Der Erfolgstrainer hatte den DBB kurz nach Olympia verlassen und bei den Basketballern des FC Bayern München angeheuert. Als neuer Bundestrainer wurde der Spanier Álex Mumbrú vorgestellt. Der Katalane war als Spieler der spanischen Auswahl einst selbst Welt- und Europameister geworden. Nach seiner aktiven Karriere coachte er in seiner Heimat zunächst Bilbao und später Valencia, die deutsche Mannschaft war nun seine erste Station im Ausland – und sein erstes Nationalteam.

Beim DBB hatte man nach einem ähnlichen Trainertypen wie Herbert gesucht. Einen Menschenversteher. Und tatsächlich: Ähnlich wie Herbert zeichnet den smarten Mumbrú die transparente und direkte Kommunikation mit den Spielern aus, ähnlich wie Herbert fordert der 46-Jährige seine Mannschaft und ist von derselben Ideologie des selbstlosen, teamorientierten Basketball geprägt. Trotzdem gelang es Mumbrú, neue Impulse zu setzen: noch schnellere Offensive – und noch härtere Verteidigung.
Basketball-Bundestrainer Mumbrú unterscheidet sich von Herbert
Und auch in der öffentlichen Kommunikation unterschied sich der Spanier in einem Punkt vom Kanadier: Anders als Herbert rief Mumbrú kein konkretes Platzierungsziel nach außen aus. Man dürfe nicht zu weit in die Zukunft blicken, sagte er wenige Monate vor dem Turnier. Aber: „Wenn man gewinnt, macht der Sport am meisten Spaß. Wenn man diese Momente einmal erlebt hat, will man immer weitermachen.“ Und auch für die Spieler war bereits klar: „Wir hatten die Erwartung, im Finale zu stehen, wir hatten die Erwartung, das Turnier zu gewinnen“, sagt Bonga. „Das war die Mentalität.“
Dabei stand die EM kurz vor Beginn unter alles anderen als positiven Vorzeichen: Bundestrainer Mumbrú musste aufgrund einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung am Spielort Tampere in Finnland in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Für die Vorrundenspiele übernahm vorerst sein Assistent Ibrahimagic.
„Zunächst waren wir alle geschockt“, erzählt der Trainer, der interimistisch in die erste Reihe rückte. „Aber als klar war, dass es keine lebensbedrohliche Situation für Álex war, ging es für uns weiter. Wir waren hier, um Gold zu holen.“

Der Kader war zum Großteil erneut gleich geblieben, die Achse um Schröder ging in ihr viertes Turnier in Folge. Neu dabei war das Brüderpaar Oscar und Tristan da Silva, Moritz Wagner musste hingegen wegen eines Kreuzbandrisses passen. Sein Bruder Franz war in der Zwischenzeit noch reifer und vor allem noch besser geworden. In Orlando war er endgültig zum Superstar aufgestiegen, was das Franchise im November 2024 mit einem neuen Fünf-Jahres-Vertrag mit einem Volumen von rund 210 Millionen Euro belohnte –und ihn damit zum bestbezahlten deutschen Sportler aller Zeiten machte.
Keine Spur von Erfolgsmüdigkeit im DBB-Team
Trotz gewohnter Besetzung war der Mannschaft keine Spur von Erfolgsmüdigkeit anzumerken. Ohne Headcoach, aber mit einer bisher noch nicht da gewesen Dominanz gewann die eingespielte, effiziente deutsche Auswahl alle fünf Vorrundenspiele und scorte dabei gleich viermal über 100 Punkte. Team intern wurde das maximal mit einem Nicken quittiert. Ähnlich unaufgeregt blieb auch Ibrahimagic bei seiner neuen Aufgabe: „Ich hätte es affig gefunden, mich da jetzt als Headcoach in Szene zu setzen. Im Gegenteil. Einfach Fokus bewahren, sich in den Dienst der Mannschaft stellen und die Qualität ausspielen, die wir haben.“
Für die K.o.-Runde plante Mumbrú, wieder an der Seitenlinie zu coachen, und entließ sich nach Absprache mit dem DBB-Teamarzt aus dem Krankenhaus. Nach dem Achtelfinal-Sieg gegen Portugal musste der Bundestrainer, der während des Turniers fast einen Monat lang keine feste Nahrung zu sich nehmen konnte, jedoch einsehen: „Ich war einfach nicht in der Lage, dem Team das zu geben, was es brauchte.“

Der Trainer teilte den Spielern mit, dass er erneut an Ibrahimagic übergeben würde und nur im Hintergrund an der Seitenlinie coachen könne. Bei der folgenden Pressekonferenz stellte sich sein Team wortwörtlich hinter ihn. Aufbauspieler Lô sprach stellvertretend für die Mannschaft deren Unterstützung für den Headcoach aus. „Vielleicht war das der Moment, in dem wir angefangen haben, Gold zu gewinnen“, sagt Mumbrú, den die Geste seiner Spieler sichtlich rührte. „Wir wurden zu einer Familie.“
Und auf einmal ist alles klar: Familie. Die Antwort ist gefunden. Genau das ist es, was die deutsche Basketball-Nationalmannschaft ausmacht, genau das macht sie seit Jahren so erfolgreich. Dieses Gefühl, dieses Konzept, diese Idee von Familie. Der klischeehafte ,,Family“-Basketball-Einstimmungsruf im Mannschaftskreis ist in diesem Team keine Plattitüde. Diese Mannschaft ist geprägt von all dem, wie man sich in der utopischsten Vorstellung die ideale Familie vorstellen würde: ein Ort des Zusammenhalts, des Vertrauens, der Sicherheit. Wo Verantwortung für das eigene Handeln übernommen wird, Konflikte aufkommen und gemeinsam gelöst werden – und ein stetes Band der Verbundenheit bleibt. „Man sieht sich vielleicht nicht ständig, aber wenn man sich trifft, ist alles sofort wieder da. Erinnerungen, Gemeinsamkeiten, das Vertraute“, sagt Greskowiak.

Diese Verbindung geht weit über den Basketball hinaus. Bonga sprach davon, wie ihn die Turniere mit der Nationalmannschaft an eine Art Klassenfahrt erinnerten: Man verbringt den Sommer mit seinen Freunden und spielt dabei Basketball. Für Theis, der ähnlich wie Schröder schon zahlreiche NBA-Trades hinter sich hatte, brachten die Sommer mit der DBB-Auswahl seine Freude am Basketball zurück. Es hatte sich eine verschworene Einheit gebildet aus Brüdern, Freunden und Weggefährten.
Auf dem Court zeigt das Team bei der EM diesen Zusammenhalt, dieses uneingeschränkte Vertrauen gleich im darauffolgenden Viertelfinale, als mit vereinten Kräften die slowenische One-Man-Show Luka Doncic, der seine Nation bis zuletzt alleine getragen hatte, bezwungen wird.
Tristan da Silva mit dem entscheidenden Buzzerbeater
Plötzlich ist es Neuling Tristan da Silva, der kurz vor Ende des dritten Viertels einen Buzzerbeater von hinter der Mittellinie trifft und Deutschland nicht nur mit diesem Wurf im Spiel hält. Oder Bonga, der nach dem souveränen Halbfinal-Sieg gegen Finnland im Endspiel gegen die Türkei offensiv heiß läuft und bester Scorer im Finale wird. Oder Thiemann, der im letzten Viertel des Endspiels den zuvor unaufhaltsamen Türken Alperen Sengün verteidigt und dessen Lauf stoppt.

Oder Theis, der im Finale keinen einzigen Distanzwurf versucht und dann kurz vor Schluss aus dem Nichts einen Dreier versenkt, um Deutschland in Führung zu bringen.
Oder eben der schier unvermeidliche Schröder, der als Anführer am Ende übernimmt, zunächst einen irren Korbleger trifft, dann entscheidend verteidigt, dann mit einem ebenso genialen wie schwierigen Jumpshot Deutschland auf die Siegerstraße bringt und das Spiel zuletzt mit zwei eiskalten Freiwürfen beendet. MVP. Europameister.
Die Eurobasket 2025 war der vorerst letzte Pinselstrich auf dem einmaligen Werk, das diese Gemeinschaft hinterlässt – auch abseits des Courts: In den vergangenen Jahren verzeichnete der DBB neue Rekordhochs bei den Mitgliederzahlen, nach dem EM-Titel der U18-Auswahl 2024 wurde die U19 dieses Jahr zum ersten Mal Vize-Weltmeister, künftig soll Sportartikelhersteller Adidas die deutschen Nationalteams ausstatten. Das nächste Turnier für die A Mannschaft steigt erst 2027 mit der WM in Katar, ein Jahr später finden die Olympischen Spiele in Los Angeles statt. Spieler wie Franz Wagner, Tristan da Silva oder Bonga werden vermutlich dann erst in ihrer eigentlichen sportlichen Blüte stehen. Kapitän Schröder sagte ohnehin bereits kurz nach dem EM-Triumph, in dieser Konstellation müsse man so lange spielen „bis man nicht mehr laufen kann“. Und das ist es letztlich, was Familien-Geschichten eben auch ausmacht: Sie werden einfach weitergeschrieben – von dieser oder der nächsten Generation.
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