Basketball

Andrea-Petkovic-Kolumne: Die Sache mit dem Killer-Instinkt

Andrea Petkovic analysiert in ihrer Sports-Illustrated-Kolumne den berüchtigten "Killer-Instinkt", was der Begriff im Sport-Kontext bedeutet, was ihn ausmacht und wer ihn hat. 

NBA-Star Michael Jordan
Credit: Getty Images

Wenn man ausreichend Sport guckt, dann wird einem früher oder später ein Begriff um die Ohren geschleudert. Sei es im Fußball oder Tennis, Basketball oder Hockey; und es wird stets davon ausgegangen, dass wir alle wissen, was damit gemeint ist. Sprinter können ihn haben und Marathon-Läuferinnen auch, Ballsportler wie Leichtathletinnen.

Es ist der Killer-Instinkt. Man kann sich zwar etwas darunter vorstellen – unter Druck funktionieren, im entscheidenden Moment den Sack zumachen –, aber was der Begriff wirklich bedeutet, weiß niemand. Ist er nun das Tor in der 86. Minute oder der Dreier im letzten Viertel, der das Spiel entscheidet? Oder vielleicht doch eher die Rücksichtslosigkeit, den Sport über alles andere zu stellen, was Menschen so gemeinhin wichtig ist, also Familie, Freunde, gesunde Beziehungen?

Was in der Wirtschaft die Soft Skills sind – das Einfühlungsvermögen in seine Mitmenschen und Fähigkeiten der Kommunikation –, ist im Sport der Killer-Instinkt. Und die gleiche Frage stellt sich beim einen wie beim anderen: Kann man Soft Skills erlernen? Kann man den Killer-Instinkt trainieren?

Serena Williams
Serena Williams gehört laut Petkovic zu den Sportlerinnen mit einem ausgeprägten Killer-Instinkt
Credit: Getty Images
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Meine instinktive Antwort (wenn wir schon bei Instinkten sind) lautet: Nein. Das mag erst mal ernüchternd klingen, aber in dem Begriff selbst steckt bereits das Wort, das das Trainieren der Fähigkeit verhindern will: der Instinkt. Den hat man – oder eben nicht.

Auch wenn wir inzwischen alles Mögliche unter dem Begriff verstehen (und alles Mögliche meint am Ende eigentlich nichts), handelt es sich beim Killer-Instinkt um ein simples Talent. Die Schwäche der Gegner zu riechen. In einer harten Wettkampfsituation, in der Druck und Wunsch und Schweiß einen blind und taub machen, trotzdem die Fähigkeit zu behalten, sich aus dem Wirbel und dem Kreisen um sich selbst zusätzlich noch beim anderen mental unterzuhaken.

Auch drüben zu sein, auf der anderen Seite. Zu horchen, zu fühlen, zu riechen, was sich beim Gegenüber abspielt. Und dann zuzuschlagen. Insofern ist das Tor in der 86. Minute nicht der Killer-Instinkt selbst, sondern dessen Konsequenz. Wer auch immer das Tor gemacht hat, hat in diesem Moment geahnt, dass die athletischen Möglichkeiten beim Gegner abnehmen, dass sie mental lockergelassen haben, dass sich eine Konzentrationslücke auftut.

Dirk Nowitzki (rechts) bei den Dallas Mavericks
Dirk Nowitzki (rechts) bei den Dallas Mavericks
Credit: Getty Images
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Wenn wir vor dem Bildschirm sehen, dass einer der Protagonisten nachlässt, dann haben es die Sportler, die den Killer-Instinkt haben, bereits angefangen auszunutzen. Dirk Nowitzki hatte den Killer-Instinkt, Serena Williams, Michael Jordan sowieso. Kobe Bryant, RIP. Wie ein Raubtier im Dschungel, das das Blut einer verletzten Beute kilometerweit riecht.

Sie gewinnen Spiele, die sie verlieren sollten, weil sie, statt mit sich und ihrer Tagesform zu hadern, sich lieber noch mal beim Gegner einklicken. Bevor sie sich aufgeben, überprüfen sie, wie es dem Gegenüber geht. Wie ist die Lage auf der anderen Seite? Schwankt die Zuversicht, bröckelt das Selbstbewusstsein? Es ist ein geradezu telepathischer Zugang zu ihren Gegenspielern, der sie so unbezwingbar macht.

Wenn man einem Sportler mit Killer- Instinkt gegenübersteht, muss man nicht nur seine Leistung unter Kontrolle halten, sondern auch noch jeden einzelnen verdammten Gedanken, den man denken wollte. Irgendwann wird genau das anstrengend, und kurz bevor man merkt, dass man müde geworden ist, hat der Killer-Instinkt bereits begonnen, sein Unheil zu verrichten.

Michael Jordan
Credit: Getty Images
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So verwirrt eigentlich das Wort „Killer“ im Begriff Killer-Instinkt, denn dieses Wort impliziert, dass etwas schnell geht, der rasche Konter, der überraschende Dreier, the quick kill. Dabei hat es alles viel früher begonnen, das Abtasten und Beriechen und Befühlen. Wenn man begreift, was passiert, ist es schon zu spät.

Er ist eine seltsame Sache. Nicht ganz fassbar, nie ganz begreifbar. Nur  eine Sache ist sicher: Alle, die den Killer-Instinkt haben, funktionieren unter Druck, aber nicht alle, die unter Druck funktionieren, haben den Killer-Instinkt.



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